Neo-Nationalrat

08. Mai 2014 07:57; Akt: 08.05.2014 09:28 Print

Herr Portmann, führen Sie eine offene Beziehung?

von Daniel Waldmeier - Hans-Peter Portmann wurde als Nationalrat und Nachfolger Filippo Leuteneggers vereidigt. 20 Minuten sprach mit dem freisinnigen Banker über seine Ziele in Bern und seine Homosexualität.

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Herr Portmann, Sie politisieren stramm bürgerlich und haben aus Ihrer Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht. Werden Sie sich im eidgenössischen Parlament auch für die Anliegen der Schwulen und Lesben einsetzen?
Die sexuelle Orientierung ist kein politisches Programm und sagt auch nichts über die politische Ausrichtung aus. Ich werde aber nicht zögern, meine Stimme zu erheben, wenn konservative Kräfte versuchen, das Rad der Zeit zurückzudrehen, oder wenn Minderheiten in irgendeiner Form diskriminiert werden – so wie ich das schon immer getan habe. Es gibt auch einige Minderheitenthemen, bei denen ich mich sicher einbringen werde. Zum Beispiel setze ich mich für verschiedene Beziehungsformen ein. So auch für die Kindsrechte von Regenbogenfamilien oder Konkubinatspaare.

Hatten Sie denn je den Wunsch, ein Kind zu adoptieren?
Nein, das war nie ein Thema.

Sie leben in einer eingetragenen Partnerschaft. Im Schwulenmagazin «Display» haben Sie ungewohnt offen über Ihr Beziehungsleben gesprochen. Sie liessen sich betreffend Sexualität unter anderem mit dem Satz zitieren, dass man «viele Dinge nicht nur mit einer Person teilen muss» und dass «viele Menschen Liebe mit Besitztum verwechseln». Führen Sie eine offene Beziehung?
Im besagten Interview habe ich meine ganz persönliche Ansicht zur Vielfalt von Beziehungsformen kundgetan. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein ganz normaler Umgang mit dem Thema hilft, Vorurteile abzubauen. Ich hoffe, dass ich mit meiner offenen Art jungen Menschen, die Probleme mit ihrem Coming-out haben, ein Vorbild sein kann. Unser Privatleben ist aber nicht öffentlich – Homestorys gibt es bei uns nicht. Auch deshalb hat unsere Lebensgemeinschaft schon 20 Jahre lang gehalten und es sollen noch 20 weitere Jahre dazukommen. Darum werde ich die Frage nicht beantworten.

Justizministerin Simonetta Sommaruga werkelt an einem neuen Familienrecht. Ein Gutachten schlägt vor, die Ehe mit anderen Formen des Zusammenlebens gleichzustellen, also auch mit der Homo-Ehe. Befürworten Sie dies?
Das ist eine sehr schwierige Frage, weil die Ehe keine vom Staat erfundene Institution ist, sondern eine religiös-kulturelle. Vielleicht gibt es Traditionen und kulturelle Begebenheiten, die man als Minderheit akzeptieren sollte, ohne dasselbe zu verlangen. Insofern sollte man die Ehe so belassen, wie sie ist, und für andere Lebensformen neue, moderne Gefässe finden, statt sich an den Begriff der Ehe zu klammern.

Themawechsel: National bekannt geworden sind Sie als Bankdirektor, der in den Medien das Bankgeheimnis mit Inbrunst verteidigt hat. Jetzt war Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf wieder in den USA, weil diese noch immer Katz und Maus mit der Schweiz spielen. Macht Sie das wütend?
Das Thema beschäftigt mich sehr. Wenn jetzt wieder mit Notrecht operiert werden sollte, wäre das rechtsstaatlich mehr als bedenklich. Ich stelle fest, dass die Schweiz einfach eingebrochen ist und nun alle Forderungen lethargisch schluckt. Die Politik hat die Kraft und den Mut verloren, für ihren Finanzplatz zu kämpfen. Ich habe die Waffen noch nicht gestreckt – selbst wenn ich dabei auf verlorenem Posten stehe. Zum Beispiel sollte die Schweiz nicht einfach technische Vorgaben eines Informationsaustausches abnicken, die absehbar nicht von allen Staaten der G20 umgesetzt werden, sondern in der OECD noch Ergänzungsanträge einbringen.

Wieso gibt es nicht mehr Widerstand?
In der Schweiz gibt es eine gewisse Wohlstandsdekadenz. Wir nehmen vieles für selbstverständlich und vergessen dabei, dass man für den Wohlstand hart «chrampfen» muss. Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Gegen die Trägheit helfen Reformen – so habe ich zum Beispiel die Idee der Steuererklärung auf einem Bierdeckel noch nicht abgeschrieben, auch wenn dies von verschiedensten Lobbyisten stark bekämpft wird.

Wie man viel arbeitet, wissen Sie: Sie haben ein Vollzeitpensum als Bankdirektor, sassen fast 20 Jahre lang im Zürcher Kantonsrat, engagieren sich bei sozialen Organisationen und haben es im Militär nebenbei zum Oberst gebracht. Wollen Sie eigentlich noch Bundesrat werden?
Ich freue mich, nun legislativ auf nationaler Ebene tätig sein zu können. Jetzt muss ich mich in meinem neuen Amt bewähren. Ambitionen, Bundesrat zu werden, hege ich wirklich nicht. Ich bin ein Mensch, der auch Zeit für sich braucht. Als Bundesrat hätte ich diese kaum mehr.

In Ihrer Freizeit reisen Sie gerne – auf Facebook sieht man Sie etwa mit einem Elefanten an einem Strand in Thailand. In lässigem Freizeitlook und nicht in Anzug und Krawatte.
Ja, in meiner Freizeit trage ich auch mal eine verwaschene Jeans. Tatsächlich bin ich gerade aus den Ferien in Asien zurückgekommen. Ich war in Singapur, Bangkok, Koh Samui und Phuket. Ich besuche gerne andere Länder und Kulturen, um meinen Horizont zu erweitern. Es war alles ziemlich spontan – aber jetzt bin ich erholt, um mich in Bern voll einbringen zu können.