«Mitschuld»

17. Juni 2019 04:51; Akt: 17.06.2019 09:54 Print

Behörden demütigen Vergewaltigungsopfer

Mit der Begründung, sie seien mitschuldig, kürzen Behörden Vergewaltigungsopfern die Genugtuung. Politiker wollen das ändern und fordern generell mehr Geld für die Opfer.

Bildstrecke im Grossformat »
Das Opferhilfegesetz steht politisch unter Beschuss. Bei Vergewaltigungen beläuft sich die maximale Genugtuung auf 15000 Franken. Die Entschädigungen seien zu tief, kritisiert BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti und fordert den Bundesrat in einer Interpellation zum Handeln auf. Sie kritisiert auch, dass die Behörden den Opfern die Genugtuung kürzen, indem sie ihnen eine Mitschuld unterstellen. In einer Auswertung zur Opferhilfe 2015 skizziert der «Jusletter» einen Fall von 2010: Eine Frau fuhr mit einer zufälligen Barbekanntschaft im Auto mit, woraufhin der Mann sie vergewaltigte. Da er bereits vor der Tat Annäherungen gemacht habe, die das Opfer abgewehrt hatte, hätte die Frau nicht im Auto mitfahren sollen, urteilte die Bündner Opferhile und kürzte die Genugtuung auf 12000 Franken. «Mit solchen Kürzungen fühlen sich die Opfer verhöhnt», sagt Regula Schwager, Psychotherapeutin der Fachstelle Castagna. Die Verantwortung für eine Gewalttat liege immer zu 100 Prozent beim Täter. Sie erwähnt einen Fall, in dem ein Vater seinen 10-jährigen Sohn missbrauchte. Mit der Begründung, der Täter sei teilweise geständig, setzten die Richter die opferrechtliche Genugtuung auf 500 Franken an – gefordert worden war das x-Fache. Für Sandra Müller Gmünder, Leiterin der Kantonalen Opferhilfe Zürich, ist es stossend, dass Vergewaltigungsopfer noch eine Mitschuld unterstellt und die Hilfe gekürzt wird. Solche Fälle seien aber extrem selten und nicht repräsentativ für die Praxis der Opferentschädigungsbehörden, sagt sie zu 20 Minuten. Sie betont, dass das Bundesamt für Justiz derzeit seinen Leitfaden zur Bemessung der Genugtuung durch die Opferhilfebehörden bis im Herbst überarbeite. «Die maximale Genugtuung wird auch für Vergewaltigungen steigen», so Müller Gmünder. Warum die Bündner Behörden zum Schluss kamen, im genannten Fall den Betrag wegen der «Mitschuld» des Opfers zu kürzen, war am Sonntag nicht zu erfahren.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Opfern von schweren Straftaten zahlt der Staat einen Betrag zur «Linderung des Schmerzes». Die Höhe der Genugtuung regelt das Bundesamt für Justiz in einem Leitfaden. Bei Vergewaltigungen beläuft sich die maximale Summe auf 15’000 Franken. Sie hat nichts mit der privatrechtlichen Genugtuung zu tun.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Höchstbeträge oft nicht ausgereizt werden, wie Juristen in einer Auswertung im «Jusletter» 2015 aufzeigten: Eine Frau erlitt nach einer Vergewaltigung eine posttraumatische sowie eine dissoziative Störung und erhielt 6’000 Franken.

Im Parkhaus vergewaltigt

Drei Wochen in die Klinik musste eine Frau, die zuerst einvernehmlichen Sex hatte, danach aber vom Mann im Parkhaus vergewaltigt wurde. «Sie wehrte sich und schrie, worauf der Täter ihr den Mund zuhielt», heisst es im Bericht. Sie bekam 7’000 Franken.

Gegen die «zu tiefen» Entschädigungen regt sich Widerstand. BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti fordert den Bundesrat in einer Interpellation dazu auf, die Beträge zu erhöhen. Daneben kritisieren sie sowie GLP-, SP- und CVP-Politiker, dass Behörden den Opfern die Genugtuung kürzen, indem sie ihnen eine Mitschuld unterstellen. «Derartige Schuld- und Verantwortungszuweisungen sind für die betroffenen Opfer gravierend», heisst es in der Interpellation.

«Sie hätte nicht im Auto mitfahren sollen»

Im «Jusletter» wird ein Fall aus dem Jahr 2010 skizziert: Eine Frau fuhr mit einer zufälligen Barbekanntschaft im Auto mit. Als sie sich gegen Annäherungsversuche wehrte, wandte der Mann massive Gewalt an und vergewaltigte sie oral, vaginal und anal. Neben Verletzungen wie «blutunterlaufenen Haaren und Kratzspuren» und einem darauffolgenden Spitalaufenthalt litt die Frau unter Schlafstörungen und Schamgefühlen und musste in psychiatrische Behandlung.

Da der Mann bereits vor der Tat Annäherungen gemacht habe, die das Opfer abgewehrt hatte, hätte die Frau nicht mit ihm im Auto mitfahren sollen, urteilten die Bündner Opferhilfe und kürzte den Betrag auf 12’000 Franken.

Ebenfalls eine Kürzung ordnete das St. Galler Kreisgericht in einem anderen Fall an. Eine damals 16-Jährige wurde 2011 unter Todesdrohungen mehrfach vergewaltigt. Zwar ging das Gericht mit der Genugtuung von 18’000 Franken über den Maximalbetrag hinaus. Da sie durch die «schwerwiegenden Übergriffe für das Leben geprägt» sei, forderte die Frau aber 22’000. Das Kreisgericht beharrte auf dem tieferen Betrag – der Entscheid wurde erst in der nächsten Instanz korrigiert.

«Traumatische Erlebnisse werden bagatellisiert»

«Mit solchen Kürzungen fühlen sich die Opfer verhöhnt», sagt Regula Schwager, Psychotherapeutin der Fachstelle Castagna. Die Verantwortung für eine Gewalttat liege immer zu 100 Prozent beim Täter. Es sei abstrus, wenn Opfern eine Mitschuld unterstellt werde und eine Genugtuungssumme aufgrund dieser angeblichen Mitschuld gekürzt werde. Damit verstärkten sie die Ohnmachtsgefühle der Opfer, und die traumatischen Erlebnisse würden bagatellisiert.

Schwager erwähnt einen Fall, in dem ein Vater seinen 10-jährigen Sohn missbrauchte. Mit der Begründung, der Täter sei teilweise geständig, setzten die Richter die opferrechtliche Genugtuung auf 500 Franken fest – gefordert worden war das x-Fache.

Nicht repräsentativ für die Behörden

Für Sandra Müller Gmünder, Leiterin der Kantonalen Opferhilfe Zürich, ist es stossend, dass Vergewaltigungsopfer wie im oben genannten Fall noch eine Mitschuld unterstellt und die Hilfe gekürzt wird. Sie hat an der Auflistung der Fälle im «Jusletter» mitgearbeitet.

Solche Fälle seien aber extrem selten und seien nicht repräsentativ für die Praxis der Opferentschädigungsbehörden, sagt sie zu 20 Minuten. Sie betont, dass das Bundesamt für Justiz derzeit seinen Leitfaden zur Bemessung der Genugtuung durch die Opferhilfebehörden bis im Herbst überarbeite. «Die maximale Genugtuung wird auch für Vergewaltigungen steigen», so Müller Gmünder. Zudem hätten die Opferentschädigungsbehörden nach ihrer Auswertung reagiert und die Höhe der Genugtuungen sei seither angestiegen.

(pam/ehs)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jochen am 17.06.2019 06:46 Report Diesen Beitrag melden

    Quark mit Sauce

    Warum soll wieder die Allgemeinheit zahlen? Das Schmerzensgeld und Folgeschäden/Behandlungen soll in Zukunft der Täter vollumfänglich aus seinen eigenen Tasche zahlen.

    einklappen einklappen
  • GG am 17.06.2019 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Täter zahlen lassen

    Wie hilft Geld bei der Verarbeitung des Erlebten? Weshalb werden diese Summen nicht vom Täter bezahlt? Allenfalls gibt es Lohnpfändung, bis der Betrag beglichen ist.

  • Marc B am 17.06.2019 06:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum der Staat?

    Warum bekommt man dafür vom Staat Geld? Der Täter sollte seine Tat aufs maximale bereuen und da würde eine höhere Geldstrafe wenigstens ein wenig drin liegen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beobachter am 17.06.2019 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ach bitte!!

    Was für eine unsägliche Diskussion! Natürlich müssen Sexualstraftäter hart bestraft werden, dagegen hat jetzt kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden. Aber die Verantwortung wie ich mich wo und wann verhalte und kleide und was ich dabei eventuell bei Männern mit Problemen(die es ja offensichtlich gibt und jede/r weiss das!) auslösen könnte liegt ganz alleine bei mir selber! Lernt wieder Situationen und Menschen richtig einzuschätzen und wer mit Feuer spielt kann sich die Finger verbrennen! Früher sagte man: Trau, schau wem. Sowas nennt sich gesunder Menschenverstand!

  • VioletB am 17.06.2019 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso?

    Und ich muss mich trotzdem fragen- wieso steigt man denn einem ins Auto wenn der schon vorher aufdringlich war?

  • Auge und Ohre am 17.06.2019 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich verwunderlich?

    kenne aus beruflichen gründen (selbständig) diverse juristen und richter über 40 altersjahren. viele der "herren" haben gegenüber frauen ein massiv stehengebliebenes, chauvinistisches denken... sicher nicht alle, aber geschätzt würde ich mal so sagen: die hälfte hat die sekretärin/assistentin nicht, weil sie admin. Tätigkeiten erledigt/erleichtert. Und das wissen beide. Was erwartet man denn da? Niemand bestraft sich selber, ist so, war so, bleibt so.

  • Oliver am 17.06.2019 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    Fakt ist

    Vergewaltigung in der Schweiz scheint immer noch ein Bagatelldelikt zu sein, zumindest für unsere Richter und Behörden. Würden unsere Richter so hart urteilen, wie sie das z.b bei Autofahrer auch für "Bagatellen" tun (bei denen sogar niemand zu schaden gekommen ist), würde man die Urteile sicher schon als "richtiger" empfinden

  • Grosi am 17.06.2019 16:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann nicht verstan

    Normalerweise herrscht doch in der Schweiz das Verursacher System. Warum nicht auch in diesen Fällen. Ich finde das absolut stossend.