Rezept gegen Pendler-Wahnsinn

29. August 2018 05:42; Akt: 29.08.2018 05:42 Print

«Mitarbeiter sollten zwei Tage zu Hause arbeiten»

von B. Zanni - Politiker tüfteln an Rezepten, um die Pendlerströme zu reduzieren. Eine Übersicht.

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Die Schweizer pendeln immer länger und immer weiter. Verkehrsmittel Nummer eins ist das Auto. «Das kann nicht so weitergehen», sagte Thomas Sauter-Servaes, Leiter des Studiengangs Verkehrssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Unser Mobilitätsverhalten bringe einen immer höheren CO2-Ausstoss mit sich, der den Klimawandel weiter antreibe. Zudem wirke sich langes Pendeln negativ auf die Gesundheit aus. Die Pendlerströme beschäftigen auch Schweizer Politiker. Das sind ihre Rezepte gegen den Pendler-Wahnsinn:

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Wären Sie bereit, regelmässig Homeoffice zu machen?

Thierry Burkart, Nationalrat FDP und Vizepräsident des Touring-Clubs Schweiz: «Um die Pendlerströme zu reduzieren, ist die Förderung von Homeoffice die beste Lösung. Für Mitarbeiter im Dienstleistungssektor bieten sich durch die Digitalisierung dafür optimale Voraussetzungen.

Mitarbeiter sollten nicht zu 100 Prozent von zu Hause aus arbeiten. Es wären bereits viel weniger Autolenker und ÖV-Pendler unterwegs, wenn sie zwei oder drei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiten würden. Zugunsten von Homeoffice braucht es aber eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts. Leider leisten die Gewerkschaften dagegen starken Widerstand.»

«Co2-Abgabe auf Treibstoffe»

Michael Töngi, Nationalrat Grüne und Präsident der Sektion Luzern des Verkehrs-Clubs der Schweiz: «Am häufigsten nutzen die Pendler das Auto. Als effizienteste Lösung dagegen sehe ich daher eine Co2-Abgabe auf Treibstoffe. Damit der ÖV häufiger genutzt wird, braucht es auch Anreize. So könnten Unternehmen etwa durch einen Beitrag an das Abo ÖV-Nutzer belohnen und Programme schaffen, um das Velofahren attraktiver zu machen.

Regionale Standorte für Firmen müssen attraktiver werden. Dafür nötig ist, dass sich die Steuerpolitik der Kantone ändert. Es macht keinen Sinn, wenn sich Kantone durch die Steuerkonkurrenz gegenseitig Unternehmen abwerben. Ein wichtiger Punkt ist die Förderung von Homeoffice. In meinem Freundeskreis erlebe ich immer noch viele Mitarbeiter, die beim Arbeitgeber dafür kämpfen müssen, um einen Tag von zu Hause aus zu arbeiten.»

Thomas Hardegger, Nationalrat SP und Präsident von Fussverkehr Schweiz: «Zurzeit herrscht in der Schweiz beim Wohnraum ein Ungleichgewicht, das Berufstätige dazu verleitet, lange Arbeitswege in Kauf zu nehmen. Der Staat muss in erster Linie raumplanerisch aktiv werden, insbesondere bei der Koordination zwischen den Kantonen. Damit die Leute auch in der Nähe ihres Arbeitsortes wohnen, braucht es qualitativ gute Wohnsiedlungen. Auch bei den Wohnkosten, dem Pendleraufwand und den Steuern ist eine Annäherung nötig, sodass man nicht nur im Thurgau im Grünen zahlbaren Wohnraum findet, sondern auch in und um die Stadt Zürich.

Einen weiteren Ansatz sehe ich beim Verkehrsmittel. Sichere und attraktive Velowege ermuntern den einen oder anderen Autofahrer mit einem kürzeren Arbeitsweg, zumindest in den wärmeren Jahreszeiten auf das Velo oder E-Bike umzusteigen.Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Volk die Velo-Initiative am 23. September annimmt.»

Carpooling und Carsharing fördern

Thomas Hurter, Nationalrat SVP und Präsident des Automobil-Clubs der Schweiz: «Grundsätzlich ist das Problem entstanden, weil die Bevölkerung in der Schweiz um jährlich 100'000 Personen wächst und eine Zentralisierung der Arbeitsplätze stattfindet. Die Politik darf den Leuten nicht vorschreiben, mit welchem Verkehrsmittel sie zur Arbeit pendeln. Wichtig ist der Mix aus Auto und ÖV. Um die Pendlerströme zu reduzieren, sind neue Mobilitätsvarianten gefragt. Carpooling und Carsharing würden den Autoverkehr auf den Strassen entlasten.

Sinnvoll wäre, Arbeitsplätze vermehrt in der Nähe von Wohnorten und Siedlungen zu schaffen. Auch Coworking Spaces sollten an Orten ausserhalb von Städten gefördert werden. Durch die Massnahmen dürfen Arbeitsplätze aber auf keinen Fall teurer werden. Dies hätte zur Folge, dass Dienstleistungen und Produkte aus dem Ausland vorgezogen würden. Wer Qualität, Gesetze und gute Löhne fordert, muss auch bereit sein, dafür höhere Preise zu bezahlen.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wolge am 29.08.2018 06:15 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Vorgaben für Arbeitslose

    Wie so oft, wenn der Bund etwas macht, widerspricht es sich. Man kann nicht dazu aufordern weniger zu pendeln aber gleichzeitig auf dem Arbeitslosen Amt lange Arbeitswege als zumutbar runterbeten. Das passt bixht zusammen

  • B.Müller am 29.08.2018 06:17 Report Diesen Beitrag melden

    Home Office

    Kann ich das als Maler auch? Oder Bäcker? Es sind nicht alle Bürolisten oder IT Leute die Pendeln..

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  • Schildi am 29.08.2018 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    homeoffice

    Ach und wie macht man home office wenn man in der Pflege, auf einer Baustelle, im Verkauf, als Arzt etc. arbeitet???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • tomtom am 29.08.2018 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstkritisch

    Ganz ehrlich.... Ich weiss nicht, ob ich die nötige Disziplin hätte, um das seriös durch zu ziehen. Anfangs vielleicht schon, aber mit der Zeit würde würden die Verlockungen wohl zu stark (z. B. in einer ruhigen Phase mal ein bisschen TV glotzen, Telefon und e-mail aufs Handy umleiten und ein bisschen privaten Besorgungen nachgehen usw.). Aber vom ökologischen Standpunkt sicher eine vernünftige Idee.

  • Dr. Neumann am 29.08.2018 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    In den digitalen Raum ausweichen

    Heimarbeit kostet weniger als ein Büro, man hat mehr Zeit für sich oder für die Arbeit und der Verkehr zu Stosszeiten kann locker halbiert werden. Alle die nicht zum Kunden müssen sollen zu Hause bleiben!

  • Flumsch am 29.08.2018 17:20 Report Diesen Beitrag melden

    Verlagerung zum übervollen ÖV

    Wer immer noch Autofahrer vom ÖV überzeugen will, fährt selbst nie S-Bahn rund um Zürich! Die Züge, Trams und Busse sind schon übervoll ohne die neu zu motivierenden Autofahrer.

    • Alice am 29.08.2018 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Flumsch

      Die meisten wollten es so und es kommen weitere 70000 Einwohner netto rein pro Jahr.

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  • Karl Bissig am 29.08.2018 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    80 %

    In der heutigen, vernetzten Welt gibt es in 80 % der Fälle keinen Grund, den Mitarbeiter/die Mitarbeiterin im Betrieb arbeiten zu lassen, ausgenommen sind natürlich Leute die in Produktionsbetrieben arbeiten oder dort wo Teamarbeit unerlässlich ist.

  • franz am 29.08.2018 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    unrealistisch

    ja sicher gut so als Verkäufer nimmt man den Laden nach HAuse als Bauarbeiter die Häuser'

    • Realist am 29.08.2018 18:44 Report Diesen Beitrag melden

      Verkäufer geht schon im Home office

      Es wird immer mehr online bestellt. Warum also nicht im Home office eine Beratung anbieten? Ist doch zum Beispiel bei Outfittery schon so. Warum das nicht erweitern? Virtuelle Kleider tragen und sich Beraten Lassen. Und bei technischen Geräten wäre iene Beratung sowieso kein Problem. Wird bestimmt kommen. Schwieriger sind Bäcker, Maler, Bauarbeiter ... . Aber immerhin hätten die dann weniger verstopfte Züge und Strassen zum Pendeln.

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