Bundeskanzlei in «heikler» Situation

01. April 2019 23:49; Akt: 01.04.2019 23:49 Print

IT-Projekt kostet mehrere Millionen zu viel

Bei einem Informatikprojekt der Bundeskanzlei drohen Verzögerungen und höhere Kosten. Der Grund sind Schwierigkeiten mit einem ausländischen Lieferanten.

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Das Ziel des Informatikprojektes ist die Modernisierung der Bundesrechtsplattform, die täglich Tausende Personen besuchen. Das bestehende System ist am Ende seiner Lebensdauer angelangt. Die Plattform verwaltet das Kompetenzzentrum Amtliche Veröffentlichungen der Bundeskanzlei.

Den Zuschlag für die Entwicklung einer neuen Lösung hatte ein Unternehmen mit Sitz in Griechenland erhalten. Dieses liefert nun aber nicht wie vorgesehen.

Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat das Projekt unter die Lupe genommen und ist zum Schluss gekommen, dass die angestrebten Ziele nicht erreicht werden. In einem am Montag veröffentlichten Bericht bezeichnet sie die Situation als «heikel».

Mangelhafte Qualität

Die Fristen würden um zwei bis sechs Monate überschritten, sodass die Lebensdauer des derzeitigen Systems verlängert werden müsse. Die Lieferungen des Dienstleisters entsprächen nicht den vorgegebenen Qualitätskriterien.

Das wird das Projekt verteuern. Veranschlagt wurden ursprünglich Kosten von insgesamt 14,7 Millionen Franken. Bereits 2016 nach dem Entscheid zur Auslagerung der Entwicklung wurden weitere 4,2 Millionen Franken validiert, wie die EFK schreibt.

Sie befürchtet, dass es zu weiteren Budgetüberschreitungen kommen wird. «In Anbetracht der aktuellen Dynamik beurteilt die EFK die Aussichten als wenig verheissungsvoll», heisst es im Bericht.

Nach Angaben der Bundeskanzlei verursachte die Verspätung bisher in der Bundesverwaltung Mehrkosten von rund 1,8 Millionen Franken. Zu einer Erhöhung der Entschädigung an den Lieferanten führe die Verspätung nicht, hält die Bundeskanzlei fest.

Gutes Projektmanagement

Der Bundesverwaltung macht die EFK keine Vorwürfe: Insgesamt werde das Projekt gut geführt, schreibt sie. Die Projektdokumentation sei von sehr hoher Qualität, die Führungsprozesse seien der Komplexität angepasst. Auch die Organisation des Risikomanagements sei insgesamt zweckmässig.

Das Problem ist die Zusammenarbeit mit dem Lieferanten. Die räumliche Distanz zu den Entwicklern in Griechenland erschwere diese, stellt die EFK fest. Auch bei den Arbeitsmethoden, der Auffassung von Verpflichtungen und den Prioritäten gebe es «erhebliche Differenzen».

Die Bundeskanzlei hat Notfallpläne aktiviert. Sie halte das angesichts der angespannten Situation mit dem Lieferanten für gerechtfertigt, schreibt die EFK.

Zweifelhafte Beschaffungsregeln

Die Bundeskanzlei (BK) widerspricht der Beurteilung nicht: Die Schwierigkeiten mit dem Lieferanten würden zu Terminverzögerungen und höheren Kosten führen, schreibt sie in ihrer Stellungnahme.

Aus Sicht der BK werfen diese und weitere Erfahrungen mit IKT-Projekten (IKT steht für: Informations- und Kommunikationstechonologien) grundsätzliche Fragen zu öffentlichen Beschaffungen auf. Dem Preis komme bei der Beurteilung der Offerten verständlicherweise ein hohes Gewicht zu, schreibt sie.

Qualitätsprobleme im Verlauf des Projektes könnten aber zu hohem Mehraufwand bei der Bundesverwaltung führen, der den vermeintlich tieferen Preis mehr als kompensiere. «Der Beschaffungsprozess gibt somit keine Gewähr dafür, dass die insgesamt wirtschaftlichste Offerte zum Zug kommt», so die BK.

Schweizer Anbieter ausgeschlossen

Gerade bei Ausschreibungen, die eine längere Zeitdauer abdeckten, würden Anbieter mit Sitz in der Schweiz wegen der hohen Stundenkosten faktisch vom Wettbewerb ausgeschlossen, stellt die BK fest.

Bei Anwendungen, die ein detailliertes Verständnis der Materie und eine hohe Nähe zum Kunden verlangten, bestehe aber die Gefahr, dass eine Entwicklung im Ausland mit Qualitätseinbussen einhergehe.

Schlechte Erfahrungen mit Lieferanten müssten in die Bewertung von Offerten bei zukünftigen Beschaffungen einfliessen können. Nur so könnten bessere Beschaffungskonditionen erzielt werden.

«Outsourcing» nicht immer sinnvoll

Die BK fordert, dass die vermuteten Effizienzgewinne einer externen Vergabe in Bezug gesetzt werden zum Aufwand für die Erstellung des Vertragswerks und dessen Durchsetzung.

«Es stellt sich die Frage, ob die Vorteile einer Outsourcing-Strategie im Vergleich zu einer Insourcing-Strategie im Bereich der IKT tatsächlich überwiegen», heisst es in der Stellungnahme.

Ein Teil dieser Fragen ist Gegenstand der laufenden Totalrevision des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen. Andere sollen im Gespräch zwischen den Beschaffungsexperten, den Leistungserbringern und den Leistungsbezügern der Bundesverwaltung vertieft werden.

Die BK empfiehlt der EFK, bei Prüfungen von IKT-Projekten «jeweils auch Fragen wie diese» abzuklären.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johnny am 02.04.2019 00:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SBBler

    Willkommen bei den Beschaffungsvorgaben des Bundes. SBB ersetzt ihr Datennetz zusammen mit dem günstigsten Anbieter. Swisscom war 15mio teurer. Beim neuen Anbieter hatten wir schon eine Nachbudgetierung von 54mio franken. Schon damals wussten wir dass es nix wird aber wegen den vorgaben mussten wir den anbieter nehmen...

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  • Schweizer Steuerzahler am 02.04.2019 03:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billig kommt meist teurer ...

    .... wie kann man nur solche Beschaffungsvorlagen gutheissen? Sofort ändern und wieder vermehrt auf (Schweizer) Qualität schauen.

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  • Daniel am 02.04.2019 00:42 Report Diesen Beitrag melden

    Evaluation heisst das Zauberwort

    Mit dem Schnäppchen hat's wohl nicht geklappt. Dann heisst's wohl, ausstehende Rechnungen bezahlen, dann wird wieder geliefert. Mit was für Leuten in Griechenland haben wir es hier zu tun? Ich befürchte das Schlimmste.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Leser am 04.04.2019 19:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das diesselbe Bundeskanzlei...

    ...die auch E-Voting beaufsichtigt? Na das ist doch toll. Die habens ja echt im Griff du.

  • Pendler Ff am 03.04.2019 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Inside Bundesverwaltung

    Einfach nur beschämend, bin mir fast sicher, das ist nur die Spitze des Eisbergs". Was soll's sind doch nur sauer verdiente Steuergelder und im November sind Wahlen. D. h. jetzt nicht negativ auffallen, erst mal Besitzstand wahren bzw. wieder gewählt zu werden! Bis dann ist es Schnee von gestern. Will heissen: Die FPK wird nichts tun, leider:-(

  • Spital am 03.04.2019 08:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absurdistan

    IT Branche gehört zu den grössten Abzocker die es bei uns gibt. Ihre Preise sind ad absurdum angestiegen und service Qualität ins bodenlose gefallen. Dass ihr immer höhere KK Preise zahlt verdankt ihr auch der IT Branche. Gesundheitsminister will alle Spitäler und Ärzte " digitalisieren" und vernetzten. Und das Kosten Unsummen! IT bietet keine " mit Garantie" Lösungen. Es werden schlechte Softwares installiert und für Support zahlt man Unsummen. Tja. Ein Informatiker im Spital verdient mehr als ein Oberarzt. Nur dass man Relationen sieht.

    • Mario am 03.04.2019 12:09 Report Diesen Beitrag melden

      IT-ler

      Der Informatiker kommt meist auch nicht aus einer afrikanischen Uni wo man seinen Namen zu tanzen lernt.

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  • Rico S am 03.04.2019 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ausländische Lieferanten?

    Ausländische Lieferanten für Regierungssoftware? Sehr wahrscheinlich musste die Sache auch noch international ausgeschrieben und dort beschrieben werden, was sie können muss und wozu man sie zu verwenden gedenkt. Ds muss man nicht erstaunt sein, wenn ab und zu von aussen Daten sbgegriffen werden (Ruag etc).

  • Tom am 03.04.2019 07:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun!

    Die Tatsache, dass es immer mehr IT-Firmen und IT-Experten gibt bedeutet noch lange nicht, dass die Qualität derselben gestiegen sind, im Gegenteil... soviel dazu!!