«Höchste Stufe des Paradieses»

12. August 2014 12:40; Akt: 12.08.2014 12:58 Print

IZRS glorifiziert den Märtyrertod für Allah

von Gabriel Brönnimann - Der Islamische Zentralrat Schweiz provoziert mit einer Lobeshymne auf den heiligen Krieg. Experten warnen – und in gemässigten muslimischen Kreisen regt sich Widerstand.

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Provoziert mit Hymnen auf den Heiligen Krieg, der für ihn persönlich nur eine «abstrakte Angelegenheit» sei: Abdel Azziz Qaasim Illi, Sprecher des IZRS. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

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Abdel Azziz Qaasim Illi, der Sprecher des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), greift gerne in die Tasten. In seinem neusten Blog-Eintrag schreibt er über die Hamas und Israel. Die Guten, die Bösen, die Sieger, die Verlierer – sie stehen, wenig überraschend, schon am Anfang des Textes fest. Im dritten Abschnitt dreht der Text dann aber nahtlos vom Politischen ins Religiöse und wird zu einem Loblied auf den «islamischen Widerstandskämpfer», dessen Einsatz «mit dem Sieg oder seinem Martyrium» ende.

«Ausgezeichnete Chancen» auf Märtyrertod

Das klingt bei Illi dann so: «Sein Kampf dient nicht einer Staatsräson, nur bedingt einem Vaterland. Sein Kampf dient vielmehr und in aller ersten Linie der Erfüllung des wohl anspruchsvollsten Gottesdienstes: dem selbstlosen, völlig altruistischen Kampf auf dem Weg Allahs. Die Chancen, dass er im Kampf mit den Israelis sein Martyrium findet, stehen ausgezeichnet. Hat er seine Berufung, seine Dienstpflicht gegenüber Allah jedoch richtig verinnerlicht, stört ihn dies ganz und gar nicht – im Gegenteil, es befeuert ihn, es erfüllt ihn mit Sehnsucht, mit Eifer (auf Arabisch Hamas) – er besinnt sich seines auf ihn wartenden Lohnes – im Diesseits der moralische Sieg gegen einen zutiefst verachteten, unmoralischen Gegner und im Jenseits nichts weniger als die höchste Stufe des Paradieses – Gärten, in denen Milch und Honig fliessen, Reinheit in Reinform und Sündlosigkeit des Knechts – die vollendete Gerechtigkeit.»

Illi will «aktuell nicht unbedingt» als Märtyrer sterben

Qaasim Illi sieht kein Problem mit dem Inhalt seines Texts. Gegenüber 20 Minuten sagt er, seine Aussage sei analytisch zu verstehen – er habe bloss zum Ausdruck bringen wollen, dass sich im Gazastreifen zwei verschiedene Einstellungen zum Kampf gegenüberstehen. Doch er bleibt dabei: «Der Märtyrertod ist etwas Edles – aus Sicht des Kämpfers. Ich beschreibe den islamischen Widerstandskämpfer – das gehört zum Weltbild des Islam. Wenn jemand auf dem Weg Allahs fällt, im Kampf gegen den Feind, dann wird er zum Märtyrer.»

Würde Illi denn selber gerne den Märtyrertod sterben? Auf diese Frage lacht der IZRS-Sprecher kurz. Seine Antwort: «Jetzt aktuell nicht unbedingt. Aber wenn ich unter israelischer Besatzung leben müsste, würde ich das eventuell auch in Erwägung ziehen. Hier in Bern nicht. Da ist das eine rein abstrakte Angelegenheit.»

Die Frage, ob eine Glorifizierung des Heiligen Krieges und des Martyriums nicht gefährlich sei und nicht vielleicht dazu führen könnte, dass junge Menschen die angeblich abstrakte Idee in die Praxis umsetzen möchten, weist Illi von sich. Schliesslich habe er nur über den Gaza-Konflikt geschrieben, der Kontext sei essentiell: «Das lasse ich mir wegen dieses Textes nicht anhängen, es geht ganz klar um Gaza, nicht um andere Regionen.» Gleichzeitig räumt er aber auf die Feststellung, dass radikale Islamisten an anderen Brandherden nicht unähnlich klingen, ein: «Jeder argumentiert nach genau diesem Muster, abgeleitet aus der Prophetentradition. Die Argumente sind ja nicht von mir, die sind normativ.»

Auf den Einwand, dass die überwiegende Mehrheit der Schweizer Muslime mit derlei Gedankengut rein gar nichts am Hut habe, reagiert Illi gereizt: «Das ist klar, die meisten sitzen aufs Maul.»

Nachrichtendienstler warnt, Experte erklärt

«Wir müssen solche Äusserungen sehr ernst nehmen», sagt Peter Regli, denn «für unser demokratisches Rechtswesen ist das äusserst gefährlich», so der ehemalige Chef des Schweizer Nachrichtendienstes. Regli fordert: «Als besorgter Bürger erwarte ich, dass die Mehrheit der in der Schweiz lebenden Muslime solche gefährlichen, irreführenden und verantwortungslosen Voten laut und deutlich verurteilt.»

Islamwissenschaftler Dr. Andreas Tunger-Zanetti vom Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern kennt die Sichtweise von Illi und bezeichnet sie als «orthodox-islamisch in einem engen Sinne». Das sei längst nicht die einzige verbreitete Sichtweise des Islam: «Es gibt durchaus andere islamische Sichtweisen, wie man mit Krieg umgeht. Ich bin sicher, dass längst nicht alle Menschen im Gazastreifen diesen Konflikt, bei dem es um Land und die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens geht, derart religiös aufladen möchten.»

Tunger-Zanetti warnt davor, bei extremen Aussagen wie denen von Illi gleich den grossen Hammer hervorzuholen: «Allerdings sollte man sehr vorsichtig sein, Aussagen wie die von Herrn Illi immer und immer wieder zum Skandal zu stilisieren. Man spielt damit sein Spiel – und macht es interessanter. Gerade bei schwankenden Menschen, etwa Jugendlichen, die sowohl ihrer muslimischen Familientradition als auch ihrer Lebenswelt hier mit Freunden, Schule und Beruf verbunden sind, kann das dauernde laute Herumhacken auf diesen Vorstellungen auch dazu führen, dass sie erst recht auf diese Seite getrieben werden.»

Der Vorschlag des Islamwissenschaftlers, wie dem Extremismus am besten beizukommen sei, ähnelt der Forderung des ehemaligen Geheimdienstchefs Regli: «Jeder sollte öffentlich seine religiösen Ansichten äussern können, auch wenn sie, wie in diesem Fall, vielen absurd erscheinen. Dagegen braucht es nicht Verbote, sondern Argumente. Genau das ist jetzt gefragt: Menschen, die aus der islamischen Tradition heraus gesellschaftlich verantwortliche Perspektiven dafür entwickeln, was es heisst, sich als Schweizer Muslim zu engagieren.»

Widerstand gegen IZRS wird lauter

Dass die kriegsverherrlichenden Ergüsse des IZRS von der grossen Mehrheit der Schweizer Muslime nicht geteilt werden, zeigt etwa der deutliche Aufruf zu Frieden und Besonnenheit, die die Föderation der Islamischen Dachorganisationen der Schweiz (FIDS) vor wenigen Tagen an die Schweizer Muslime richtete. Auch das Forum für einen fortschrittlichen Islam setzt sich seit Jahren für das ein, was in seinem Namen steht.

Nicht mehr länger schweigen möchte auch Mustafa Memeti, Imam und Leiter des Muslimischen Vereins Bern und Seelsorger in der Strafanstalt Thorberg. «Meine Position ist klar: Wir Muslime sind aus ganz verschiedenen Gründen hier eingewandert. Die Probleme der islamischen Welt dürfen uns hier nicht beeinflussen», so Memeti.

«Keiner dieser Konflikte ist ein heiliger Krieg»

Mit den Aussagen Illis und des IZRS zum Märtyrertod konfrontiert, wiederholt Memeti immer wieder das Wort «Nein». Laut und deutlich. Dann holt er aus: «Solche Leute haben Probleme. Sie wollen Änderungen einführen – dabei müssen wir ganz andere, neue Konzepte einführen. All das, was derzeit in der islamischen Welt passiert, hat nichts mit Religion, sondern mit Politik zu tun. Die Religion ist lediglich Begründung und wird, leider, oft als Antrieb missbraucht. Aber: Keiner dieser Konflikte ist ein heiliger Krieg! Der IZRS hat keine Vollmacht, über diese Dinge zu sprechen.»

Mit Illis Vorwurf konfrontiert, Schweizer Muslime, die nicht dasselbe predigen würden wie er, würden lediglich «aufs Maul sitzen», spricht Memeti erst recht Klartext: «Man sollte ihnen keine Chance, keine Plattform bieten. Und ich kann Ihnen versichern: Der IZRS hat alles andere als eine Mehrheitsunterstützung bei den Schweizer Muslimen, das liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Und es wird weniger, das wird ja immer deutlicher. Ich leugne nicht, dass perspektivlose Junge mit sozialen Problemen von solchen Ideen angesprochen werden können. Aber da sind die progressiven Kräfte nun gefordert: Wir müssen zusammenkommen, auch mit den Behörden, um dem Extremismus die Stirn zu bieten.»