Melanie (19)

27. November 2019 04:45; Akt: 10.12.2019 11:28 Print

«Ich war bis zu 12 Stunden am Handy»

von Remo Schraner - Mittels einer App bemerkte Melanie* (19) ihr Suchtverhalten. Nun will sie Psychologin werden und Betroffenen helfen.

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Dass ich handysüchtig bin, bemerkte ich erst vor einem Jahr. Im Studium sprachen wir gerade über den Umgang mit Handy und Internet. Also installierte ich einen Tracker, der mir zeigte, wie lange ich täglich am Handy bin: Knapp neun Stunden war ich mit meinem Smartphone beschäftigt. An den Wochenenden waren es bis zu zwölf Stunden. Wenn ich mich zurückerinnere, begann die Sucht wohl schon viel früher.

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Memes halfen, wieder lachen zu können

Bereits mit 15 spielte ich alle möglichen Facebook-Spiele wie «Farmville» oder «Pet Society». Später begann ich, regelmässig die neuesten Bilder auf Instagram zu checken, um so auf dem Laufenden zu bleiben. Zudem halfen mir die Memes, ab und zu lachen zu können. Sonst chattete ich stundenlang auf Whatsapp und schrieb am Handy Fanfictions für verschiedenste Animes. Auch das Puzzlespiel «Candy Crush» war bei mir hoch im Kurs. Auf Youtube schaute ich Gaming-Videos, Dokumentationen und via Snapchat hielt ich mit meinen neu gefunden Online-Freunden Kontakt. Die fanden es natürlich cool, dass ich immer erreichbar war. Im echten Leben zog ich mich immer mehr zurück und hatte eigentlich keine Freunde mehr.

«Online war ich eine bessere Version von mir»

Online war es mir möglich, eine bessere Version von mir zu leben: Ich war selbstbewusst und beliebt. Das war wunderschön. Da ich ebenfalls unter Bulimie und Magersucht litt, tauschte ich mich auf Foren mit anderen Betroffenen aus. Zudem hatte ich auf meinem Handy Apps, die für mich meine Kalorien zählten. Meine Eltern waren nicht streng und liessen mich machen. Ausser, wenn sie mit mir redeten und ich, anstatt zuzuhören, am Handy war. Dann nahmen sie es mir weg. Aber ich konnte es schnell wieder zurückergattern. Ich wünschte, meine Eltern wären strenger gewesen.

Klinik und Freunde

Als zu meiner Essstörung auch Suizidgedanken und Depressionen dazu kamen, entschied ich mich in diesem Jahr für einen Klinikaufenthalt. Dort wurde dann auch meine Social-Media-Sucht thematisiert. In den fünf Wochen intensiver Therapie kam ich kaum noch dazu, mein Handy zu benutzen. Es gab keine Handyregeln. Trotzdem war ich nur noch drei Stunden pro Tag im Internet. Denn ich hatte einfach keine Zeit mehr dafür. Die Zeit in der Klinik half mir, mich auf das Positive in meinem Leben zu konzentrieren. So wurde mir bewusst, wie gut es meine Freunde aus der realen Welt mit mir meinen. Sie nehmen mich mit nach draussen und mein Freund unterstützt mich auf dem Weg zur Besserung. Ich glaube, sie wissen gar nicht, wie sehr sie mein Leben verändert haben. Ich bin ihnen unendlich dankbar!

Schlaf dank Hörbücher

Inzwischen habe ich eine eigene Wohnung und führe mein Studium fort. Ich will Psychologin werden. So kann ich später Leuten helfen, denen es ähnlich ergeht wie mir damals. Ich bin zwar noch immer süchtig nach den Social-Media-Apps, aber es wird besser. Pro Tag bin ich nur noch zwischen fünf und acht Stunden am Handy. Denn anstatt die ganze Nacht auf Instagram zu verbringen, höre ich nun vor dem Einschlafen Hörbücher.

*Name geändert



Serie: Handysucht

Teil 1: Maurice (24) zockte, bis er auf der Strasse landete.
Teil 2: Melanie (19) war bis zu 12 Stunden am Handy.
Teil 3: Facharzt Jochen Mutschler über die Handysucht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ringerob am 27.11.2019 05:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wann süchtig?

    Sie ist jetzt nur noch 5 bis 8 Stunden am Handy am Tag? Ab wann zählt es denn zu süchtig?

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  • Marlin am 27.11.2019 06:13 Report Diesen Beitrag melden

    Einsicht?

    In den fünf Wochen intensiver "Therapie kam ich kaum noch dazu, mein Handy zu benutzen. Es gab keine Handyregeln. Trotzdem war ich nur noch drei Stunden pro Tag im Internet." "Pro Tag bin ich nur noch zwischen fünf und acht Stunden am Handy." Da dürften aber noch einige Therapien notwendig sein, bei so wenig Einsicht!

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  • Bieroholiker (bzw Alkoholiker) am 27.11.2019 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch 5 bis 8 Stunden...

    Kommt mir bekannt vor, "nur" noch 5 bis 8 Bier am Tag, statt 12,, eindeutig auf dem Weg der Besserung... :-/ (Sarkasmus off) Ist halt die Frage, was das Ziel ist, Totalabstinenz, oder ein massvoller Umgang. Sowohl bei Bier, als auch bei Mobile, sind "5 bis 8" täglich sicher noch zu viel! Wie sie so gleichzeitig ernsthaft ein Studium absolvieren will, erschliesst sich mir nicht ganz, geht mit "5 bis 8" allenfalls irgendswie mit Murks, sowohl bei Bier, als auch bei Mobile... Nun ja, immerhin ist der erste Schritt, die Selbsterkenntnis schon mal getan! Darum Kopf hoch auf dem weiteren Weg!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Klugscheisser am 28.11.2019 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach Lösung um das einzudämmen.

    Gebühren für alles, was nicht normale Telefonie ist, verzehnfachen. Dann vergeht es den Zombies schnell sinnlos herum zu surfen. Auch E-Mails sollten mindestens 10 Rp kosten; dann gäbe schnell weniger Spam und unerwünschte Werbung.

  • Sevenup am 28.11.2019 10:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    12h

    5 bis 12 Stunden am Tag? Ja das ist total normal. Genau so normal wie Jeden Tag morgens um 4 Uhr 6 Bierchen trinken. Aber ich habe doch nicht etwa ein Problem oder?

  • Bartli am 28.11.2019 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu viel Möglichkeiten bewirken das

    So viele Stunden am Handy? Das ist aber sehr ungesund und dazu noch verlorene Lebenszeit. Für Kinder und Jugendliche ggf verhehrend. Wird uns das zunehmend fragliche Spielzeug mehr Probleme und arge Kosten verursachen? Dabei sollte das Ding etwas gutes und nützliches sein. Ich zweifle aber immer mehr daran und dies rechtens.

  • Peter am 28.11.2019 08:38 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Antennenwald

    Schaltet endlich die Antennen ab, dann hört die Sucht unterwegs schon mal auf und das wäre ein erster grosser Schritt für die Menschheit und alle Betroffenen! Am Anfang sicher hart für sehr viele, aber danach ruft die Freiheit wieder, ihr werdet sehen. Das Bild das heute vorherrscht, mit all den Smombies, kann es, wenn man mal den gesunden Menschenverstand einschaltet, wirklich nicht sein. Denkt an meine Worte, das ist kein zurück in die Steinzeit, das ist wieder LEBEN.

  • Ein Leser Joa am 27.11.2019 21:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Computer, Fernseher?

    Und wieder ist es nur das Handy. Wer den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt oder vor dem PC ist und Videospiele zockt? Die werden nicht als süchtig bezeichnet? Klar 12h sind viel zu viel aber das ist halt fast unmöglich (Schule/Arbeit und dann nur noch so ca. 3h schlafen)!