Atomstrom in der Schweiz

17. März 2011 09:22; Akt: 17.03.2011 09:29 Print

Im Schatten des Kühlturms

von Antonio Fumagalli - Sie leben in der höchsten Gefahrenzone und bleiben auch nach der Nuklear-Katastrophe in Japan ruhig. Eine Reportage aus dem Atom-Dorf Leibstadt.

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Lieblich schmiegen sich die Hügel des Zurzibiets in die Landschaft, die wärmenden Sonnenstrahlen kündigen den Frühling an. Die ländliche Idylle wäre perfekt, würde nicht schon von weitem der 150 Meter hohe Kühlturm des Atomkraftwerks Leibstadt in Erinnerung rufen, dass auch hier die Zivilisation angekommen ist – und zwar in ihrer hochtechnologischsten Ausführung. Mächtig, ja fast schon anmutig thront der Betonkoloss über der Gemeinde Leibstadt des ehemaligen Aargauer Steuerparadieses. «Wir haben ein Imageproblem», sagt Gemeindepräsident Christian Burger. Die ganze Schweiz assoziiere den Ort Leibstadt mit dem Atommeiler, «aber kennt irgendjemand den Namen der Standortgemeinde des Kernkraftwerks Beznau?», fragt Burger rhetorisch.

Von Verbitterung will hier aber niemand sprechen. «Das Kraftwerk ist einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region, mein Mann hat in den Siebzigerjahren beim Aufbau geholfen», sagt Bewohnerin Dora Schwab. Auch der Gemeindepräsident ist überzeugt, dass «70 bis 80 Prozent der Bevölkerung» hinter dem Kernkraftwerk stehen. Die Ereignisse in Japan geben aber auch in Leibstadt zu denken: «Ich muss zugeben, noch vor einer Woche hätte ich nicht gedacht, dass sich gerade im hochentwickelten Japan eine solche Katastrophe ereignen könnte», sagt Burger.

Mit wem man auch spricht im 1350-Seelen-Dorf: Das Mitgefühl mit den arg getroffenen Bewohnern der japanischen Unglücksregion ist gross. Ein radikales Umdenken scheint aber nicht stattgefunden zu haben und Angst hat schon gar niemand:«Ich habe vollstes Vertrauen in die Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke und fühle mich hier komplett sicher», sagt Monika Kramer, Inhaberin der Dorfbäckerei. «Ich bin hier geboren», sagt Landwirt Lukas Schilling, «ich kann nun doch nicht einfach abhauen.»

Reaktorbau als grosse Chance

Mit der Zeit wird dem auswärtigen Besucher klar: Die Gemeinde Leibstadt und das AKW führen eine symbiotische Beziehung. Sie ist zwar etwas altersschwach und das Feuer der ersten Jahre ist verglüht, aber trennen kann und mag man sich nicht. «Sie müssen sich die Region vor der Kernkraft-Ära vorstellen: Sie war ärmlich und von der Landwirtschaft dominiert», sagt Gemeindepräsident Burger. Der Bau des Kraftwerks in den Siebziger- und Achtzigerjahren sei eine einmalige Chance gewesen, auch in dieser Randregion Wachstum zu generieren. Die Steuereinnahmen flossen reichlich, die Infrastruktur konnte massiv ausgebaut werden «und manchmal verlor man ob des vielen Geldes vielleicht auch ein bisschen den klaren Kopf», so Burger. Der Steuersatz wurde zwischenzeitlich bis auf 75 Prozent gesenkt und die Nachbarsgemeinden grosszügig unterstützt. Mittlerweile werden aber auch in Leibstadt wieder kleinere Brötchen gebacken, der Steuerfuss ist wieder auf verträgliche 100 Prozent gehoben worden.

Mit einem Notfall wie in Japan rechnet hier niemand. Die Bevölkerung fühlt sich dennoch bereit: Fast jedes Haus ist mit Schutzräumen ausgestattet und die Leibstädter bewahren die von den Behörden präventiv verteilten Jodtabletten an wohlgemerkten Orten auf. Den Dorfbewohnern bleibt für das Katastrophenszenario denn auch nur Galgenhumor. Eine Einheimische, die anonym bleiben möchte, sagt: «Wegen der Nähe zum AKW müssten wir im schlimmsten Fall wenigstens nicht lange leiden.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Banzlimodswiss am 17.03.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre schön wen.....

    Aus der Kernkraft austreten? Ja. Aber nicht sofort. Ich würde mir auf meinem Haus gerne eine Solaranlage bauen lasen. Doch wer bezahlt das? Ich. Natürlich habe ich auch gerade 12000.- Franken im Sparschwein das ich einfach so schnell schlachten. Ich meiner Seitz Arbeite daran. Doch was ist mit den Mehrfamilienhäuser die hier alle rum stehen. Auf deren Dächer hätte es mehr als genug Platz zum Solaranlagen zu bauen. Warum macht man da nicht etwas? Weil es niemand Bezahlen will! Wir Menschen sind nun mal so! Und das wird sich erst ändern wen wir kurz vor dem Abgrund stehen.

  • Thomas am 17.03.2011 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Alternative Energien

    Sofortiger Ausstieg aus der Atomenergie und kein ständiges Gemotze über Windräder und andere alternative Energien !

  • Patsie am 17.03.2011 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wir wollen einfach nur weg von den AKW's

    Wir wohnten bloss 3 Jahre in der Nähe des Gösgen, aber die Gefahr die von dem AKW ausgeht war für uns und unsere Kinder zu gross. Nun sind wir wieder im Baselbiet, aber auch da sind wir in der Gefahrenzone. Kaum zu Glauben, die Einwohner haben bei der Revision des AKW's den aufsteigenden Dampf vermisst. Unglaublich aber wahr!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • T.G. am 17.03.2011 19:13 Report Diesen Beitrag melden

    Wir müssen

    schnellst möglich aber nicht überhastet von der Atomenergie wegkommen!

  • Peter Adler am 17.03.2011 18:42 Report Diesen Beitrag melden

    Dazu gibt es Untersuchungen die besagen,

    dass die Leute die am in der Nähe von Staudämmen, Chemieanlagen oder eben Atomanlagen wohnen am wenigsten Angst haben. Würden sie ständig in der Angst vor einer Katastrophe leben, dann würden sie vor lauter Stress krank. Ein psychologicher Mechanismus, hilft ihnen den Gefährdungs und Alarm-Mechanismus ab zu schalten. Die Warnlampe wird sozusagen einfach mal deaktiviert.

  • m.k.v.k am 17.03.2011 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    Sicherheit der AKW

    Wer kann uns denn wirklich garantieren, dass die AKW in der Schweiz so sicher sind? Es wird uns noch viel erzehlt, bis vor ein paar Tagen hiess es noch die AKW in Japan seien sicher und nun haben wir gesehen wie sicher sie sind.

  • Phil H. am 17.03.2011 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Woher soll der Strom denn kommen?

    Alle wollen immer weg vom ÖL und seit neustem auch noch von der Kernkraft... Woher soll unsere Energie denn kommen?!! Aus den wahrscheinlich schlechter gewarteten AKW's aus Frankreich?! Oder lieber aus öl und kohlekraftwerken? Soviel Strom zu produzieren mit alternativ energien wie mit unseren AKWs wäre sehr teuer und sehr aufwendig. Bin mir sicher wenn der Strom knapp würde und es Ausfälle geben würde ein grossteil wieder nach AKWs schreien!

  • Banzlimodswiss am 17.03.2011 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre schön wen.....

    Aus der Kernkraft austreten? Ja. Aber nicht sofort. Ich würde mir auf meinem Haus gerne eine Solaranlage bauen lasen. Doch wer bezahlt das? Ich. Natürlich habe ich auch gerade 12000.- Franken im Sparschwein das ich einfach so schnell schlachten. Ich meiner Seitz Arbeite daran. Doch was ist mit den Mehrfamilienhäuser die hier alle rum stehen. Auf deren Dächer hätte es mehr als genug Platz zum Solaranlagen zu bauen. Warum macht man da nicht etwas? Weil es niemand Bezahlen will! Wir Menschen sind nun mal so! Und das wird sich erst ändern wen wir kurz vor dem Abgrund stehen.