Anschlag auf Gothicszene

14. Oktober 2008 13:30; Akt: 14.10.2008 14:26 Print

Im braunen Dunstkreis

von Katharina Bracher - Der Sturm auf die Freiburger Bar «Elvis et moi» am Samstagabend geht auf das Konto von Linksautonomen. Sie rechtfertigen ihre Aktion mit den rechtsextremen Tendenzen der Dark-Wave-Szene, die am Samstag dort gastierte. Die Beschuldigten wehren sich gegen dieses Image.

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Kaum jemand kommt beim Anblick dieses Pullis auf die Idee, es könnte sich dabei um rechtsextremes Outfit handeln. Doch das Modelabel Thor Steinar, das ein «nordisch-heidnisches» Image pflegt, ist bei Rechtsradikalen beliebt. Der Marke ist es gelungen, die rechte Schmuddelecke zu verlassen. Das ursprüngliche Logo zeigte eine Kombination von germanischen Runen, die auch im Dritten Reich verwendet wurden. Das Logo wurde von mehreren deutschen Gerichten beanstandet. Thor Steinar entwarf darauf ein neues, unverfänglicheres Logo, das ebenfalls eine germanische Rune enthält. Die Marke assoziiert sich selber stark mit Norwegen. Dessen Flagge (zu Beginn mit Logo, zunehmend aber im Original) erscheint auf den Kleidern und den Läden des Labels - sehr zum Missfallen des skandinavischen Staates. Thor Steinar ist nicht das einzige Modelabel, das im rechten Spektrum nach Kunden fischt. Auch die Kleidermarke Erik & Sons ist in diversen rechten Versanden anzutreffen. Erik & Sons verwendet ebenfalls eine Rune (die Naudiz-Rune) als Logo. Und wie bei Thor Steinar handelt es sich bei Erik & Sons um ein Label, das von Rechtsextremen für Rechtsextreme betrieben wird. Das ist auch bei der Marke Consdaple der Fall, die von dem rechtsextremen Patria-Versand aus Landshut vertrieben wird. Consdaple lehnt sich mit seinem Schriftzug an das englische Label Lonsdale an. Trägt man Lonsdale-Shirts unter geöffneter Jacke, ist die Buchstabengruppe NSDA oft der einzig erkennbare Namensbestandteil. Consdaple ermöglicht sogar die gesamte Kombination NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Lonsdale, eine alte britische Boxer-Marke, erfreute sich vor allem früher grosser Beliebthheit in der rechten Szene. Das Schriftdesign des Labels hat stilbildend gewirkt und wird von zahlreichen Marken nachgeahmt. Lonsdale hat sich allerdings von seinem neonazistischen Kundenkreis distanziert und unterstützt heute antirassistische Kampagnen. Auch setzt die Firma bewusst farbige Models ein. Auch Fred Perry wurde unfreiwillig zur Nazi-Kultmarke. Vor allem der Lorbeerkranz spricht die Nazis an, die allerdings oft nicht wissen, dass Fred Perry ein jüdischer Tennisspieler war. Der Lorbeerkranz wird hier mit dem Zahlencode 88 kombiniert. Mittlerweile wissen viele Leute, dass diese Zahlenkombination für «HH» steht (H ist der achte Buchstabe im Alphabet), also für «Heil Hitler». Alpha Industries ist eine US-Firma, die auch die amerikanische Armee ausstattet. Das Unternehmen selber hat keine Verbindung zu rechtsextremen Kreisen. Bei Nazis ist die Marke beliebt, weil das Logo dem verbotenen Zivilabzeichen der SA (unten) ähnelt. Das Logo von New Balance ist ein aufgenähtes N. In der rechten Szene deutet man dies als Abkürzung für Nationalsozialist oder Nationalist. New Balance hat sich entschieden vom Nazi-Kundenkreis distanziert. Ben Sherman, in den Sechzigern ein Kultlabel für die «Mods», gilt als traditionelle Skinhead-Marke (bevor Rechtsextreme zunehmend diese Jugendbewegung prägten) ohne politische Hintergründe und Aussagen. Nomen est omen: «Masterrace Europe» bedeutet «Herrenrasse Europa». Die Marke ist in allen Neonazi-Spektren sehr beliebt und wird nur in einschlägigen Läden und Versänden verkauft. Rizist, das im rechten Umfeld produziert und vertrieben wird, versucht diesen Hintergrund mit Graffiti-Schriftzügen zu verschleiern. Das eher preiswerte Label ist vor allem in ostdeutschen Städten beliebt. Troublemaker erfreut sich bei Rechtsextremen und vor allem Hooligans grosser Beliebtheit und wird entsprechend auch über neonazistische Vertriebskanäle verkauft. Patriot wird einzig in rechtsextremen Geschäften angeboten und über den gleichnamigen, rechtsradikalen Versand vertrieben. Doberman Streetwear ist ein kommerzielles Label, das seit einiger Zeit in der rechten Szene zunehmend populär ist und deren Bedürfnisse mit rechter Symbolik bedient. Hatecrime, zu deutsch Hassverbrechen, ist ein US-Label, das in Deutschland über rechtsextreme Kanäle vertrieben wird. Die rechte Szene versucht damit den Begriff zu kapern und für ihre Zwecke umzudeuten. Pitbull spielt wie Doberman mit dem Image einer aggressiven Hunderasse. Die Firma aus Frankfurt am Main wird dem Rocker- und Hooligan-Milieu zugerechnet. Doc Martens sind ursprünglich schwere englische Arbeiterschuhe mit Stahlkappen. Sie sind in der gesamten Skinhead-Szene Kult, werden aber auch getragen, weil sie als Waffen eingesetzt werden können. Bomberjacken sind seit langem ein beliebtes Kleidungsstück in Neonazi-Kreisen. In Kombination mit Glatze und schwerem Schuhwerk signalisieren sie nahezu immer rechtsradikales Gedankengut. Auch hier ist alles klar: Shirt-Aufdruck, Haarschnitt und die Farbkombination schwarz-weiss-rot (die Farben der Reichskriegsflagge und der Nazifahne) verraten den Nazi. Auch ursprünglich linke Mode-Elemente haben in der rechten Szene Eingang gefunden. Das «Pali-Tuch» dient weniger dem Ausdruck der Solidarität mit Palästina, sondern ist eindeutig antisemitisch gemeint. Sogenannte Autonome Nationalisten sehen links aus, sind aber nach wie vor extrem rechts. Sie haben Stil-Elemente aus dem Fundus der radikalen Linken übernommen: Sie tragen Palästinensertücher, schwarze Hoodies und sogar Che-Guevara-Shirts, sie hören Hip-Hop und Hardcore und sprayen Graffitis. Die Rechten kupfern auch eindeutig links besetzte Logos und Buttons ab; beispielsweise den Schriftzug «Kein Bock auf Nazis». Auch das Antifa-Logo wird einfach übernommen und leicht abgewandelt. Neben der 88 ist auch die 18 ein beliebter Nazi-Code. «Combat 18» steht so, frei übersetzt, für «Kampfgruppe Adolf Hitler». Diese Terrorgruppe aus dem «Blood & Honor»-Umfeld ist in Grossbritannien aktiv. «ZOG» ist ein Kürzel, das «Zionist Occupied Government» («zionistisch besetzte Regierung») bedeutet und auf die «jüdische Weltverschwörung» anspielt, die bekanntlich in rechtsextremen Hirnen beheimatet ist. Die 14 steht für die «14 Words» des US-Nazis David Lane: «We must secure the existence of our people and a future for white children.» (Wir müssen die Existenz unseres Volkes und auch die Zukunft unserer weissen Kinder sichern). Das Symbol der Hammerskins, die auch in der Schweiz aktiv sind. Die Triskele, ein dreiarmiges Hakenkreuz, weist oft (wie auch die Zahlenkombination 28) auf das verbotene Netzwerk «Blood and Honour» hin. Rechtsextreme Symbolik ist nicht nur auf das Hakenkreuz beschränkt. Auch die Schwarze Sonne ist ein solches Symbol. Das Zeichen soll altgermanischer Herkunft sein. Fachleute sagen, dass diese Sonne eine Schöpfung der SS war. Als Ersatz für das in Deutschland verbotene Hakenkreuz (unten) wird oft das aus Irland stammende Keltenkreuz verwendet. In der abgebildeten Form, die stark an die Nazi-Flagge erinnert, ist es in Deutschland verboten. Neben dem Hakenkreuz das klarste Nazi-Symbol ist wohl die doppelte Sig-Rune, die von der SS verwendet wurde. Wer sich dieses Symbol ins Haar schneiden lässt, ist wohl ein unverbesserlicher Nazi. Doch der Trend geht vom Provokativ-Eindeutigen zum Unauffällig-Versteckten: Thor-Steinar-Läden nisten sich in ganz normale Ladenpassagen ein und verleugnen ihr rechtsextremes Umfeld. Das Völkische soll salonfähig werden.

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«Wir sind keine Nazis oder Faschisten, wir waren es nie, und wir werden es nie sein!» So heisst es auf der Homepage von «Soleil Noir», einer Gruppe aus der Szene von Dark-Wave und Gothic, die am vergangenen Samstag zum Ziel einer «antifaschistischen Aktion» wurde. Am Sonntag hatte sich das «Kommando nazifreie Subkultur» zur Tat bekannt. Ziel war auch die Band «Camerata Mediolanense», die von «Soleil Noir» für ein Konzert in der Bar «Elvis et moi» gebucht wurde. Liedtexte und Symbolik der Band lassen aber mindestens auf den ersten Blick keine faschistischen Tendenzen erkennen.

Das zwölfarmige Hakenkreuz

Das «Kommando nazifreie Subkultur» sieht sowohl beim Veranstalter als auch bei der gebuchten Band Nazi-Tendenzen: Das Logo von Soleil Noir enthalte Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus, schreiben die Bekenner des antifaschistischen Anschlags. Darunter die «Schwarze Sonne», das zwölfarmige Hakenkreuz, angeblich ein Symbol der SS.

Soleil Noir wiederum weigert sich hartnäckig, in die rechtsradikale Ecke gestellt zu werden. «Wir hassen niemanden auf Grund seiner Hautfarbe. Wir interessieren uns einen Scheiss für Deine politischen Überzeugungen oder Deinen Glauben. Wir lehnen Gewalt ab - wie Du es auch tun solltest», heisst es auf ihrer Homepage. Die Symbolik ihres Logos bezeichnen sie als «universal».

«Versteckte Botschaften»

Alles Tarnung unter dem Deckmantel der künstlerischen Freiheit, sagt die «antifaschistische Aktion, Kommando nazifreie Subkultur». Die wahre Botschaft sei versteckt und offenbare sich nur Eingeweihten.

Laut dem Experten für Rechtsextremismus Hans Stutz gehört Soleil Noir zu jenem Teil der Gothic-Szene, welcher rechtsextreme Inhalte aufgenommen hat, wie die «Berner Zeitung» schreibt. Insbesondere der italienische Faschismus und die rumänische Eiserne Garde hätten Soleil Noir beeinflusst. Auch bei «Camerata Mediolanense» gebe es Hinweise auf Nazi-Tendenzen. Die Gruppe sei im Jahr 2001 im waadtländischen La Sarraz zusammen mit anderen faschistischen Bands aufgetreten, etwa die Gruppe Blutharsch. An einem Stand seien zudem Bücher über Julius Evola, den Wegbereiter des italienischen Faschismus angeboten worden.

«Grossdeutsche Ästhetik»

Tatsache ist, dass an den Partys der Gothic- und New-Wave-Szene oft Leute in Uniformen erscheinen, die doch stark an die Nazizeit erinnern. Auch die Friburger Polizei, die am Samstagabend zum Ort des Geschehens gerufen wurde, wollte eine gewisse «grossdeutsche Ästhetik» unter den Konzertbesuchern festgestellt haben.

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