Knatsch um Paradeplatz

14. Oktober 2011 09:05; Akt: 12.03.2015 15:09 Print

In der kruden Denkwelt von «We are Change»

von J. Bedetti/F. Burch - Auf dem Zürcher Paradeplatz treffen sich am Samstag Banken- und Globalisierungskritiker. Doch eine Gruppe ist den anderen Aktivisten gar nicht genehm.

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Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Eine kapitalismuskritische Bewegung, wie sie sich von Spanien und Amerika über die halbe Welt zu verbreiten scheint, gab es schon länger nicht mehr. Genau das nutzt die Gruppe «We are Change». Am Samstag mischen sie auch in der Schweiz mit und rufen auf zu den Aktionen in Zürich, Bern, Basel und Genf.

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Die Occupy-Bewegung erreicht die Schweiz. Für Samstag wurde zu mehreren Aktionen aufgerufen. Mit von der Partie ist auch die umstrittene Gruppierung We are Change. Gehen Sie trotzdem hin?
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Dagegen regt sich nun immer mehr Widerstand. David Roth, Juso-Präsident und Mitorganisator von «Occupy Paradeplatz», distanziert sich gegenüber 20 Minuten Online nun mit klaren Worten erstmals von «We are Change Switzerland» (siehe Box).

Entstanden ist die Bewegung mit weltweiten Ablegern in den USA; die Verschwörungstheoretiker halten die 9/11-Anschläge für eine Inszenierung von US-Geheimdiensten. Weitere seltsame Ansichten der Gruppe: Der norwegische Attentäter Anders Breivik soll eine Marionette der Nato sein und die Klimaerwärmung eine Lüge. Zudem hält «We are Change» wie die amerikanische Tea-Party-Bewegung Obamas Geburtsurkunde für eine Fälschung.

IT-Spezialist bei einer Bank

Als Kopf des Schweizer Ablegers darf D. S. bezeichnet werden. Der Mann ist 24 Jahre alt, und obwohl (oder weil?) er angetreten ist, die Geheimpolitik der Finanzbranche öffentlich zu machen, arbeitet er als IT-Spezialist bei einer Bank. Nebenbei baut S. einen Handel auf, der Lebensmittel direkt vom Bauern zu den Konsumenten bringen soll, und reimt seine Botschaften als Rapper.

Das tönt so: «Es sind Illuminaten, die unsere Meinung spalten, mit Microchips in den Köpfen, um uns einfacher zu verwalten, Konferenzen abhalten, um das Weltgeschehen zu verhandeln, (...) Bilderberger die Wahl von Präsidenten gestalten und sich gern hinter Banken und Thinktanks verschanzen.»

Verschwörungstheoretiker, vereinigt euch

D. S. selber sieht sich als «Online-Redakteur und Aktivist von ‹We are Change›, wie meine Mitstreiter auch.» S. beschreibt die Gruppe gegenüber 20 Minuten Online so: «Wir sind eine friedliche Graswurzelbewegung, die sich für die Aufklärung einsetzt und unabhängigen Journalismus mit kreativen Infokampagnen verbindet.» «We are Change» sei eine Gruppe, zu der sich freie Menschen zusammenschliessen würden, um Themen zu beleuchten, die in der öffentlichen Wahrnehmung vernachlässigt würden.

In Erscheinung traten die Aktivisten von «We are Change» im Juni an der Bilderberg-Konferenz in St. Moritz. Dort fotografierten sie die getönten Scheiben der einfahrenden Karossen.

Wer also ist «We are Change»? Laut Sektenkenner Hugo Stamm ist die Gemeinschaft riesig, aber verzettelt. «‹We are Change› ist jung und droht die Weltverschwörungstheoretiker zu organisieren», so Stamm. Es seien Aktivisten, die Geld und Zeit investierten, um beispielsweise an die Bilderbergkonferenz zu fahren.

Vereinslokal in Zürich gekündigt

Die Aktivisten passen, immer mit Videokameras ausgerüstet, Politiker und andere öffentliche Personen ab, um sie mit Vorwürfen zu konfrontieren. So schafften sie es, den Grünen Nationalräten Geri Müller und Daniel Vischer Aussagen zu entlocken, welche die Grenze des Antisemitismus streiften.

Aus diesem Grund kündigte die Stadt Zürich «We are Change» kürzlich den Mietvertrag mit dem Jugendkulturhaus «Dynamo». «We are Change» bestreitet die Vorwürfe heftig. Sie seien haltlos. In ihren Reihen befänden sich Leute von unterschiedlichster Herkunft mit einem politisch, gesellschaftlich und religiös vielfältigen Background.

In freundschaftlicher Pose mit einem Rechtsextremen

S. wehrt sich auch dagegen, als Verschwörungstheoretiker bezeichnet zu werden. «Der Begriff ist auf uns nicht anwendbar, da wir eine offene Gruppe sind und nicht im Verborgenen arbeiten.» Dieser Vorwurf basiere entweder auf einer Unkenntnis der Definition des Begriffs oder auf der Absicht die Gruppe zu diskreditieren. Im Zusammenhang mit Breivik verweist S. auf einen Beitrag, der legitime Fragen zur Nato-Organisation «Gladio» stelle. Darin steht unter anderem, dass Geheimarmeen terroristische Attentate in Europa verübt hätten.

Durch ihre obskure Weltsicht kommt die Gruppe auch mit Rechtsextremen in Kontakt. Von S. gibt es ein Bild mit Jan Udo Holey. Dieser schrieb auch unter dem Pseudonym Jan van Helsing Bücher, die wegen antisemitischer Volksverhetzung in Deutschland beschlagnahmt wurden. Holey gilt als Rechtsextremist.

Regelmässige Treffen

Nebst S., der kein Aushängeschild sein möchte, taucht im Zusammenhang mit «We are Change» der Name Heino Fankhauser auf. Fankhauser kandidiert als Parteiloser für den Nationalrat und sagt: «Bei ‹We are Change› gibt es keinen Kopf oder Führer; jeder, der will, darf mitmachen.» Alle zwei bis drei Wochen würden sich die Ableger der einzelnen Kantone treffen. «Wir machen Aktionen auf der Strasse, diskutieren mit Leuten, verteilen Flyer, zeichnen mit Kreide», so Fankhauser. Und: «Wir wehren uns gegen Antisemitisums.»

Am Samstag nun fahren sie zum Paradeplatz. Friedlich, wie S. betont. Man stehe in Kontakt mit der Polizei. «Damit setzen wir ein Zeichen, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen und den Menschen hinter den Uniformen freundlich begegnen können.»