«Mer hole dini Chole!»

19. März 2012 07:41; Akt: 20.03.2012 10:45 Print

Inkasso all'arrabbiata

von Joel Bedetti - Hausbesuche, Drohungen, Internetpranger: Auf dem boomenden Schweizer Geldeintreiber-Markt tummeln sich immer mehr schwarze Schafe. Verband und Konsumentenschutz fordern Regeln.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die selbsternannten
«Popstars der Inkassoszene» kommen in die Schweiz. Zumindest lässt dies die unfertige Website moskau-inkasso.ch vermuten. «Mer hole dini Chole!», werben die Urheber mit roten Buchstaben. Kriegen Schweizer Schuldner ab jetzt Besuch von bulligen Typen in Lederjacken und Ziegenbärten?

Nachfrage bei der Moskau Inkasso International: «Das sind Trittbrettfahrer, die haben nichts mit uns zu tun», sagt Geschäftsführer Horst Breuer. Moskau Inkasso habe bereits einen Mann in der Schweiz. Der will zwar kein Interview geben, so Breuer, aber die Nachfrage nach der härteren Gangart sei hierzulande am Wachsen. «Die Schweizer zahlen sehr schnell, wenn man Druck macht», weiss er.

Das Auftreten von Moskau-Inkasso-Nachahmern ist keineswegs Zufall. In der Schweiz ist die Branche der Geldeintreiber nicht reguliert. «Krethi und Plethi darf Rechnungen eintreiben», sagt Janine Jakob vom Konsumentenschutz. Im Inkassowesen, das mit der steigenden Verschuldung und der sinkenden Zahlunsgmoral einen Boom erlebt, tummeln sich zunehmend kleine, unseriöse Firmen, die wenig zimperlich gegen Schuldner vorgehen.

Wie im Mittelalter

Sowohl Schuldenberater als auch der Inkasso-Verband VSI können davon ein Lied singen. «Diese Firmen versprechen ihren Kunden, effizienter als die 'schlaffen', aber seriösen Firmen vorzugehen», sagt Robert Simmen, Geschäftsführer des VSI. «Wir bekommen zunehmend Klagen über rabiate Methoden zu hören», so Simmen. Das reiche von Hausbesuchen à la Moskau Inkasso Team bis hin zu Drohungen, Schuldner auf Twitter an den digitalen Pranger zu stellen.»

Damit meint Simmen ein Berner Inkassounternehmen, das gepfändete Personen oder Schuldner, die man nicht mehr auftreiben kann, in einem eigenen Twitter-Kanal publiziert. Der Geschäftsführer des Unternehmens versichert zwar, lediglich Informationen, die bereits im Handelsamtsblatt veröffentlicht seien, zu verbreiten. Simmen vom VSI sieht darin trotzdem «einen Pranger wie im Mittelalter, zudem völlig unnötig.»
Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung sieht damit sogar die Persönlichkeitsrechte der Schuldner verletzt, «vor allem bei Beträgen von einigen Dutzend Franken.»

«Aussendienst» übernehmen

Von Hausbesuchen à la Moskau Inkasso wissen zwar weder die kantonalen Schuldenberatungen noch der VSI zu berichten - angeboten werden die Dienstleistungen aber. Milan Milic von der Inkassulution erhielt im Februar von der Eintreiberfirma VSH in Dachau (Bayern) ein Mail. Die Firma, die ihre Mitarbeiter mit Vorliebe aus Polizei, Sicherheitsdiensten und Bundeswehr rekrutiert, anerbot sich, den «Aussendienst» zu übernehmen. «Da leider Schuldner auf Briefe nicht antworten, kann durch eine persönliches Auftreten eine höhere Chance machen», radebrecht der VSH-Geschäftsführer Sascha Hoffmann im Mail. Gegenüber 20 Minuten Online sagt er: «Wir sind vor zwei Jahren in die Schweiz expandiert und arbeiten bereits mit sieben Inkassobüros in der Schweiz zusammen», sagt VSH-Geschäftsführer Sascha Hoffmann. Mit welchen, sagt er nicht.

Häufiger als Hausbesuche sind nach Janine Jakob vom Konsumentenschutz folgende Methoden: Firmen prüfen die Rechtmässigkeit der Schulden nicht, treiben also auch Geld von Trickbetrügern ein. Manche Firmen verzichten gar darauf, vor der Betreibung eine Mahnung zu schicken oder drohen mit dubiosen rechtlichen Schritten oder damit, dass ein Anwaltsbüro eingeschaltet sei. «Dabei können sie nicht mehr als betreiben!», klärt Barbara Mantz von der Caritas-Schuldenberatung Zürich auf.

Strengere Regeln

Der Inkassoverband VSI und der Konsumentenschutz arbeiten nun auf eine strengere Regulierung des Markts hin. «Wir arbeiten derzeit Richtlinien für seriöse Inkassofirmen aus», sagt Robert Simmen vom VSI. Da die unseriösen sich nicht im Verband befänden, so Simmen, bräuchte es aber eine Gesetzesänderung, um schwarze Schafe vom Markt fernzuhalten. «Wir überlegen, wie wir das am besten anpacken», so Simmen.

Für Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung sind die Schwarzen Schafe aber nicht das einzige Problem. Auch seriöse Inkassofirmen und Steuerämter würden die Schraube anziehen. «Kürzlich zogen in zwei Fällen die Gläubigervertreter Streitfälle um das neue Vermögen eines Konkurs gegangenen Schuldners bis zum bitteren Ende durch, was auch nicht häufig passiert.» Roncoroni vermutet, dass der Konkurrenzkampf im Inkassowesen die Unternehmen dazu verleite zu zeigen, wie hart sie sind.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Guschti am 20.03.2012 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Ich hatte einen laufenden Vertrag mit...

    Cablecom für's Internet. Dann erfuhr ich, dass das Haus in dem ich wohne, jetzt abgerissen wird. Ich bat die Cablecom, meinen Vertrag vom Auszugstag an, zu sistieren, bis ich eine neue Wohnung habe. Wurde abgelehnt. Da wo ich hingezogen bin, weigerte sich die Cablecom, trotz vorhandenen Leitungen, Internet zu liefern, beharrte aber trotzdem weiterhin auf den Vertrag. Nun habe ich nicht mehr bezahlt. Und jetzt will Irrtum Justitia tatsächlich Fr.900.- für 1 Monat Internet. Mehr als das Zehnfache! Ihr könnt mich mal!

  • Mario K. am 19.03.2012 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Wem nichts droht...

    ...der nicht bezahlt. Ich habe einen ehemaligen Untermieter/Mietnomaden der in der Schweiz über 100000.- Chf an Schulden angesammelt hat (bei mir selbst noch 30000.- offen). Da sich der feine Herr in einer Nacht und Nebelaktion ins Ausland abgesetzt (C-Bewilligung / Einfach auf der Gemeinde abgemeldet) hat, kann das Betreibungsamt rein garnichts machen. Wegen genau solcher Betrüger und in anbetrach dessen das meine Familie einen für uns riesigen finanziellen Schaden erlitten hat, bin ich vollkommen für ein härteres Vorgehen. Immer diese Kuscheljustiz wo jeder Verbrecher zum Opfer wird.

  • Roman Kellenberger am 19.03.2012 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorsätzlich Schulden machen

    Ich kenne einen IV-Rentner, der vorsätzlich überall anschreiben lässt und danach nicht bezahlt. Er weiss, dass eine IV-Rente nicht pfändbar ist. Er steht ohne mit der Wimper zu zucken beim halben Quartier in der Kreide und findet trotzdem immer wieder Opfer, die ihm Geld leihen oder Ware auf Kredit herausgeben. Auch solche Fälle gibt es leider häufig.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philippe Latscha am 22.03.2012 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Nur das Gericht kann handeln

    Soll ruhig einer diese "Geldeinteiber" es wagen, mit Druck a la Mafia zu mir zu kommen. Die Konzequenzen hat die Person selber zu tragen.

  • Guschti am 20.03.2012 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Ich hatte einen laufenden Vertrag mit...

    Cablecom für's Internet. Dann erfuhr ich, dass das Haus in dem ich wohne, jetzt abgerissen wird. Ich bat die Cablecom, meinen Vertrag vom Auszugstag an, zu sistieren, bis ich eine neue Wohnung habe. Wurde abgelehnt. Da wo ich hingezogen bin, weigerte sich die Cablecom, trotz vorhandenen Leitungen, Internet zu liefern, beharrte aber trotzdem weiterhin auf den Vertrag. Nun habe ich nicht mehr bezahlt. Und jetzt will Irrtum Justitia tatsächlich Fr.900.- für 1 Monat Internet. Mehr als das Zehnfache! Ihr könnt mich mal!

  • Renato am 20.03.2012 06:51 Report Diesen Beitrag melden

    Solidarisch haftend?!

    Nur mit einer Frau zusammen wohnen, die die Miete nicht bezahlte. Das war mein einziger Fehler. Stille Lohnpfändung wurde toleriert. Danach die Gemeinde gewechselt. Dieser Betreibungsbeamte bezahlte dann einen meiner Gläubiger. Alle Gläubiger zogen in der ersten Gemeinde zurück und reichten Neu ein. Danach hat er mich meine Arbeitsstelle gekostet und ich wurde und bin bis heute noch Sozialhilfeempfänger. Nicht jeder Schuldner ist ein Schwein!

  • Peter Keller am 20.03.2012 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute erfahrung 

    Ich habe aus deutschland sehr gute erfahrung mit moskau inkasso. mindest summe ist 30000.-. Das geschuldete geld war sehr schnell eingetrieben,ich kenne schuldner die es via betreibungsamt versucht haben und kein geld gesehen.ich würde im notfall immer wieder sowas machen.die üben ziemlich druck aus ,auch bei nachbar

    • Adolf am 22.03.2012 02:33 Report Diesen Beitrag melden

      Geld da:

      Schuldner tot? Warum kann es nicht einfach gepfändet werden, so wie früher?

    einklappen einklappen
  • Marco Kränzlin am 19.03.2012 19:46 Report Diesen Beitrag melden

    dieses ewige gejammere

    ich kann dieses gejammere nicht mehr hören. man kauft sich nur das, was man sich auch leisten kann. fertig. und wer mal in einen engpass gerät, sollte sich halt sofort mit dem gläubiger in verbindung setzen, statt abwarten und tee trinken, bis die ersten mahnungen und zahlungsbefehle ins haus schneien. denn viele gläubiger sind bereit entgegenzukommen, wenn sie sehen, dass man gewillt ist zu zahlen. und wer sich zu schade ist, sich zu informieren, damit man sich wehren kann, ist nochmals selberschuld. die gesetze sind schliesslich öffentlich zugänglich. hört auf, täter als opfer zu bezeichnen.

    • Adolf am 20.03.2012 11:11 Report Diesen Beitrag melden

      @Marco Kränzlin

      Im ersten Punkt gebe ich ihnen recht. Aber es kann durchaus passieren, dass jemand in die finanzielle Schieflage gerät. Wer nicht ein wenig Ahnung von Recht hat, der ist ziemlich aufgeschmissen! Das mit dem Entgegenkommen, das ist so eine Sache. Dem ist leider nicht mehr so. Da kann man schreiben und argumentieren, wie man will, das bringt nicht viel. Die Gesetze sind für "normale" Bürger nicht so leicht verständlich; für Juristen schon, aber die verdrehen sie ja auch immer, wie es ihnen gerade passt! Viele Richter und Juristen urteilen ziemlich falsch. Meine Erfahrung.

    einklappen einklappen