Online-Gefahren

24. Mai 2019 04:48; Akt: 24.05.2019 08:03 Print

Insta-Posts animieren Mädchen zum Hungern

Die Zahl der Schüler, die im Internet auf gefährliche Inhalte stossen, nimmt zu. Jeder Dritte hat bereits Waffengebrauchsanleitungen oder exzessive Diättipps studiert.

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Über die Hälfte der Schweizer Schüler sind im Internet bereits auf Inhalte gestossen, die Hass, Gewaltdarstellungen sowie Anleitungen zu exzessivem Hungern oder Drogenkonsum beinhalten. In der Regel geht es dabei um Beiträge, die von anderen Nutzern generiert wurden und für Jugendliche höchst ungeeignet sind. Das zeigt die neue «EU Kids Online Schweiz Studie» mit insgesamt 1026 Deutsch- und Westschweizer Teilnehmern im Alter von 9 bis 16 Jahren.

Jedes dritte Mädchen liest Schlankheitstipps

Fast jedes dritte der befragten Mädchen wurde im Netz bereits mit Inhalten konfrontiert, die zu ungesundem Hungern verleiten oder essgestörtes Verhalten glorifizieren. Knapp 10 Prozent der Teilnehmerinnen gaben an, bewusst nach Tipps für exzessive Diäten gesucht zu haben. Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, kennt das Problem: «Der Schlankheitsdruck hat in den letzten Jahren nochmals zugenommen. Das Schönheitsideal entwickelt sich sozusagen gegen die Weiblichkeit und wird immer magerer.»

Je häufiger Jugendliche mit Bildern von sehr dünnen Frauen oder Models konfrontiert würden, desto grösser werde der Hass auf den eigenen Körper, so Pauli. Diese Ablehnung könne schliesslich krankhaft werden. «Instagram etwa bietet die Möglichkeit, den eigenen Körper so zu inszenieren, dass er entsprechenden Idealen entspricht. Es ist ein Teufelskreis: Je mehr Fotos magerer Frauen im Internet zu finden sind, desto mehr beschäftigen sich junge Frauen mit Abnehmtipps und Selbstinszenierung.» Dieses Verhalten sei kaum selbstverschuldet: «Hinter dem Schönheitsideal liegt eine immense Industrie.»

Jeder Dritte sieht Gewaltbeiträge

Doch nicht nur die Mädchen sind von problematischen Inhalten betroffen. 30 Prozent der männlichen Befragten haben bereits Online-Inhalte anderer Nutzer gesehen, die konkrete Tipps für den Umgang mit Waffen geben. Knapp jeder dritte Teilnehmer gab an, blutige oder gewalttätige Bilder entdeckt zu haben. Laut Pauli wirkt dies bei einem Grossteil eher verstörend, als dass es zu effektiver Gewalt animieren würde.

«Viele stossen aus Neugierde oder Zufall auf entsprechende Bilder. Hat man in der eigenen Kindheit keine Gewalt erfahren, dann haben solche Darstellungen einen abschreckenden Effekt, der mit der Zeit wieder verblasst.» Diese Reaktion entspreche einer gesunden Abgrenzung. Wie Pauli sagt, würden exzessive Gewaltdarstellungen die wenigsten Jugendlichen ansprechen. «Dennoch können solche Bilder mitunter zu einer Abstumpfung führen.»

Knapp jeder Fünfte las schon Suizidanleitungen

Laut einer weiteren Erkenntnis der Studie sind 18 Prozent der Jugendlichen schon mindestens einmal über Beiträge gestolpert, die explizite Suizidanleitungen enthielten. Pauli bestätigt, dass zunehmend mehr Jugendliche aufgrund suizidaler Gedanken psychiatrisch behandelt werden. «Fühlt man sich schlecht, sucht man heute schnell einmal im Internet nach Gründen oder Massnahmen. Mittlerweile gibt es viele Foren, in denen sich Betroffene sammeln und gegenseitig negativ beeinflussen.»

Auch hier spricht Pauli von einer problematischen Eigendynamik: «Psychische Krisen werden zunehmend mit Suizidalität oder Selbstverletzung verbunden. In den Online-Foren gibt es immer mehr Anleitungen zu ungesunden Strategien mit Problemen umzugehen.» Das führe dazu, dass gesunde Strategien wie Gespräche mit Freunden oder Gefühlsregulation durch Musik und Sport zu kurz kommen. Pauli betont, wie wichtig es sei, die virtuelle von der realen Welt zu unterscheiden. «Problematische Internetinhalte lassen sich kaum eindämmen, deshalb ist die Medienerziehung wichtig.»

Entsprechend den Einschätzungen von Pauli zeigt sich auch bei der «EU Kids Online Schweiz Studie » gegenüber 2013 eine drastische Zunahme an Teilnehmern, die mit problematischen Inhalten konfrontiert waren. Aus methodischen Gründen ist ein Vergleich dieser Ergebnisse jedoch nicht vorbehaltlos zulässig.

Auch damit sind Jugendliche im Netz konfrontiert

•34 Prozent der Befragten pflegen im Internet Kontakt zu Fremden.
•Weitere 15 Prozent haben sich im letzten Jahr mit fremden Internetkontakten getroffen.
•35 Prozent der Jugendlichen sind im Netz schon auf sexuelle Darstellungen gestossen.
•30 Prozent der männlichen Teilnehmer haben bereits Beiträge gesehen, die Sexualität auf eine gewalttätige Art zeigen.
•21 Prozent der Jugendlichen wurden im Internet mindestens einmal nach persönlichen sexuellen Informationen gefragt, die sie nicht beantworten wollten.
•24 Prozent gaben an, im Internet diskriminiert worden zu sein.
•13 Prozent der männlichen Befragten haben schon Beiträge anderer Nutzer gelesen, die die Verwendung von Sprengstoff oder den Bau von Bomben thematisierten.
•9 Prozent der befragten Schüler leiden erheblich unter mehreren negativen Folgen ihrer übermässigen Internetnutzung

(jk)