«Die Augen geöffnet»

08. Oktober 2018 05:43; Akt: 08.10.2018 09:00 Print

Das hat sich in einem Jahr #MeToo verändert

Ein Jahr nach dem Aufkommen von #MeToo zieht eine Schweizer Feministin Bilanz. Sie fürchtet sich vor einer Gegenbewegung.

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Die Feministin Christina Klausener zieht ein positives Fazit zur #metoo-Bewegung in der Schweiz. «Metoo hat vielen Frauen die Augen geöffnet», sagt sie. Mit einer neuen Kampagne unter dem Hashtag #mehrmännlichkeiten will die Organisation CFD gegen veraltete Bilder von Männlichkeit ankämpfen. «Unser veraltetes Männlichkeitsbild hat einen sehr direkten Bezug zu Gewalt. Männer üben oft Gewalt aus, weil sie verunsichert sind», sagt Klausener. In dieser Diskussion habe #metoo geholfen. #metoo hat unzählige Fälle ans Tageslicht gefördert – auch von Frauen. Der Schauspieler Jimmy Bennett beschuldigte etwa die Schauspielerin Asia Argento (im Bild) eines sexuellen Übergriffs. (30. September 2018) Jimmy Bennett spielte 2004 in dem Film «The Heart Is Deceitful Above All Things» Asia Argentos Sohn. Die Schauspielerin soll 2013 den Minderjährigen sexuell missbraucht haben. Er fordert nun Schadenersatz. Die heute 42-Jährige soll Bennett 2013 in einem Hotelzimmer sexuell missbraucht haben. Die #MeeToo-Bewegung wurde durch den Fall Harvey Weinstein ins Rollen gebracht. Plädiert auf nicht schuldig: Harvey Weinstein erscheint zum Gerichtstermin in New York. (5. Juni 2018) Wieder auf freiem Fuss: Harvey Weinstein wurde am Freitag gegen eine Kaution und mit einer elektronischen Fussfessel wieder freigelassen. (25. Mai 2018) Harvey Weinstein stellt sich in New York der Polizei. Weinstein wurde vor dem Gebäude von dutzenden Fotografen und Fernsehteams erwartet. Lassen sich derzeit gerade scheiden: Harvey Weinstein mit Georgina Chapman. (Archivbild) «Da war ein Teil von mir, der schrecklich naiv war – ganz klar, so naiv»: Georgina Chapman. Klage am Hals: Die Schlilnge um Harvey Weinstein wird immer enger. (22. Februar 2015) «Weshalb ziehen wir den Präsidenten nicht zur Rechenschaft?»: Drei weitere Frauen werfen Trump vor, sie belästigt zu haben. (11. Dezember 2017) Rückzug: Al Franken (M.) vor seiner Ankündigung im Capitol von Washington. (7. Dezember 2017) «Es widerspiegelt genau, wer du warst»: Moderator John Oliver (links) legt sich öffentlich mit Dustin Hoffman an. Dem Schauspieler wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Konsequenzen: Demokrat John Conyers tritt zurück. (4. November 2017) Ein ehemaliger Staatsanwalt soll die Anschuldigungen gegen ihn überprüfen: Stardirigent James Levine. (Archivbild) Soll angeblich Ferien im Tessin machen: Der US-Produzent Harvey Weinstein, dem über 50 Frauen vorwerfen, er habe sie sexuell belästigt. (Archiv) «Wir können dieses Verhalten nicht tolerieren, und wir werden es nicht tolerieren»: Paul Ryan, Vorsitzender des Repräsentantenhauses. (28. November 2017) «Today» war gestern: Der entlassene Moderator Matt Lauer auf einem Bild von April 2016. Die britische Schauspielerin Kadian Noble hat Harvey Weinstein der sexuellen Nötigung angeklagt. Er habe zudem gegen Gesetze gegen Sexhandel (zu Deutsch: «sex trafficking») verstossen. (Archiv) Soll Frauen während Wahlkampfauftritten belästigt haben: Al Franken anlässlich einer Pressekonferenz in Washington. (27. November 2017) Angestellte sollen Grenzen überschritten haben: Ein Handy mit einer App von Massage Envy an einer Wellness-Messe in New York. «Unsere gesamte Gesellschaft ist an Sexismus erkrankt»: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. (25. November 2017) Erzählt von ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung und Belästigung: Natalie Portman am Vulture-Festival in Hollywood. (19. November 2017) Rechnet mit Harvey Weinstein ab: Uma Thurman, hier bei den Filmfestspielen in Cannes. (18. Mai 2017) Wegen Vergewaltigung zu einer neunjährigen Gefängnisstrafe verurteilt: Robinho im Trikot von AC Milan. (Archiv) Er sei über die Vergewaltigungs-Anschuldigung «schockiert und traurig»: Nick Carter von den Backstreet Boys an den 52. Country Music Awards in Las Vegas. (2. April 2017) Sie sei damals 18 und noch Jungfrau gewesen. Nick Carter war 22 Jahre alt, schreibt Sängerin Melissa Schuman auf ihrem Blog. (10. Dezember 2003) Gehört zu den Missbrauchs-Opfern von Larry Nassar: Turn-Olympiasiegerin Gabrielle Douglas. Wurde von Harvey Weinstein begrapscht: Ambra Battilana Gutierrez. Nicola Werdenigg, eine ehemalige Skirennfahrerin, hat über schockierende Zustände im österreichischen Skisport der 70er-Jahre berichtet: Ein Bild der Skirennfahrerin (undatierte Aufnahme). Bild: Facebook/Nicola Werdenigg Auch den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton holen Missbrauchsvorwürfe ein: Bill Clinton bei einer Rede im Jahr 2016. Foto: John Locher (Keystone) «Ich habe mich zeitweise taktlos verhalten und übernehme dafür die Verantwortung»: Charlie Rose. (Archivbild) Der französische Chansonnier, Fotograf und Schauspieler Serge Gainsbourg (1928–1991) und seine zukünftige Frau Jane Birkin am 26. Mai 1971. Stellt sich auf die Seite von Weinstein und Spacey: Der britische Sänger Morrissey bei einem Auftritt in Kalifornien. (Archiv) «In den letzten 50 Jahren hatte ich sexuelle Beziehungen zu etwa 50 sehr attraktiven Frauen», schreibt ein Richter am Obersten Gericht von Ohio demonstrativ auf Facebook: Bill O'Neill. (Archiv) Es soll eine «Reihe von Beschwerden» geben: Die Teilnehmer des UNO-Klimagipfels in Bonn. (15. November 2017) Auch er ist mit Vorwürfen konfrontiert: Sylvester Stallone während einer Pressekonferenz für den Film «Creed». (6. November 2015) «Unangemessenes Verhalten»: Das Old Vic Theater in London hat 20 Vorwürfe gegen seinen früheren künstlerischen Leiter Kevin Spacey gemeldet. Will nicht mit Filmproduzent Bret Rattner an das Set: «Wonder Woman»-Darstellerin Gal Gadot. (25. Mai 2017) Fünf Frauen haben Vorwürfe gegen den US-Republikaner erhoben: Roy Moore. (Archivbild) Sitzt wegen Besitzes von Kinderpornografie im Gefängnis: Der ehemalige Arzt der US-Kunstturn-Nationalmannschaft Larry Nassar bei einer Anhörung in Michigan. (17. Februar 2017) Beschuldigt Nassar, sie sexuell missbraucht zu haben: Die 23-jährige US-Turnerin und Goldmedaillen-Gewinnerin Aly Raisman. Unter den vielen Demonstranten waren auch die Schauspielerin Frances Fisher und die afroamerikanische Aktivistin Tarana Burke, deren «#MeToo»-Slogan («Ich auch») von der US-Schauspielerin Alyssa Milano aufgegriffen und verbreitet worden war: Frauen mit «#MeToo»-T-Shirts und Postern über den Hollywood Boulevard und am Dolby Theatre vorbei, wo seit 2002 die Oscar-Trophäen verliehen werden. (12. November 2017) Verbreitet ein Erlebnis über sexuelle Nötigung auf Twitter: Pitch-Perfect-Star Rebel Wilson. Fühlte sich von Brett Ratner blossgestellt: Schauspielerin Ellen Page. Die US-Torhüterin Hope Solo sagt, Sepp Blatter habe ihr bei der Verleihung des Ballon d'Or im Januar 2013 an den Po gefasst: Solo und Blatter (rechts) verleihen Abby Wambach ihre Auszeichnung im Kongresshaus Zürich. (7. Januar 2013) «Diese Geschichten sind wahr»: US-Comedian Louis C. K. hat vor mehreren Frauen masturbiert. (15. September 2017) Eine Schauspielerin wirft Steven Seagal sexuelle Belästigung vor – er soll bei einem Vorsprechen seine Hose geöffnet haben: Der 65-Jährige an einer Pressekonferenz. (Archiv) Wartete angeblich im durchsichtigen Négligé auf ihren Leibwächter: Popstar Mariah Carey. Laut einem Freund Haims gab Sheen dem Jungen Gras zu rauchen und hatte Sex mit ihm: Charlie Sheen (hinten Mitte) mit Corey Haim (l.) und Kerri Green auf einem Promotion-Bild zum Film «Lucas» von 1986. (20th Century Fox Film) Wurde angeblich von einem Produzenten bedrängt: Schauspielerin Jane Seymour hier im Bett mit Roger Moore in einer Szene von «Leben und sterben lassen». Beurlaubung in gegenseitigem Einverständnis: Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan wird vorerst nicht mehr an der britischen Oxford-Universität unterrichten. Sex im Auto als Geheimnis: Gleich zwei Frauen sagen, es sei dazu gekommen; die eine sagt, es sei «sehr bruta gewesen. Auch weitere Frauen werfen Tariq Ramadan sexuelle Brutalität vor. (Archivbild) Jetzt distanziert sich auch der Schweizer Uhrenhersteller IWC von US-Schauspieler Kevin Spacey. Netflix hat sich bereits von ihm getrennt, ebenso seine Agentur und seine Sprecherin. Soll einen Mann sexuell belästigt haben, als dieser 15-jährig war, und am Set der TV-Serie «House of Cards» männliche Angestellte angefasst haben: Kevin Spacey reagierte auf den Vorwurf mit dem Bekenntnis, dass er schwul sei. (Archivbild) Kristina Cohen sagt aus, dass sie vor drei Jahren vom britischen Schauspieler Ed Westwick zum Sex gezwungen worden sei. (Archivbild) Wenige Tage nach seinem Rücktritt im Zuge der Affäre um sexuelle Übergriffe von britischen Politikern ist der Regionalminister aus Wales, Carl Sargeant, tot aufgefunden worden. Der prominente österreichische Grünen-Politiker Peter Pilz ist nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung zurückgetreten. Auch er soll eine Frau sexuell belästigt haben – als sie 17 Jahre alt war: Dustin Hoffman hat wegen des Vorfalls um Entschuldigung gebeten. (Archivbild) Zu Oralsex gezwungen oder masturbiert: Sechs Frauen werfen Brett Ratner vor, sie sexuell belästigt oder missbraucht zu haben. (Archivbild) Der ehemalige Kongressabgeordnete Anthony Weiner tritt seine Haftstrafe wegen Sexting an. (6. November 2017) Fordert eine Kultur des Respekts: Theresa May hat weitere Massnahmen präsentiert, nachdem Fälle von sexuellen Übergriffen britischer Parlamentarier bekannt geworden sind. Zwei Frauen warfen ihm sexuelle Belästigung vor: Der Chefredaktor des renommierten Radiosenders NPR, Michael Oreskes, trat daraufhin zurück. (Archivbild) Der konservative britische Verteidigungspolitiker Michael Fallon musste Anfang November wegen ähnlicher Vorwürfe zurücktreten. (Archivbild) Der britische Labour-Politiker Clive Lewis soll eine Frau unsittlich berührt haben. Er bestreitet den Vorwurf. (Archivbild) Der Druck auf den britischen Kabinettschef Damian Green nimmt zu: Auf seinem Computer im Parlament soll sich pornografisches Material befunden haben. (Archivbild) Die New Yorker Staatsanwaltschaft fordert zahlreiche Dokumente bei TWC an: Harvey Weinstein. (Archivbild) «Ich hätte nicht mit ihm verheiratet sein wollen»: Matt Damon soll nur davon gewusst haben, dass Weinstein ein Womanizer war. (23. Oktober 2017) «Da war mehr dran als an normalen Gerüchten»: Quentin Tarantino (l.) wusste nach eigenen Angaben von einigen Übergriffen von Harvey Weinstein (r.) auf Frauen – und tat nichts. (19. Oktober 2017) Tritt aus dem Verwaltungsrat seiner Produktionsfirma zurück: Harvey Weinstein. (Archivbild) Keine weitere Zusammenarbeit mit TWC geplant: Channing Tatum. (Archivbild) Als sie ihn abblitzen liess, sei er «aufgebracht» gewesen: «Game of Thrones»-Star Lena Headey. (Archivbild) Sagt, er habe in sie eindringen wollen: Die britische Schauspielerin Lysette Anthony ist die fünfte Frau, die Harvey Weinstein Vergewaltigung vorwirft. (Archivbild) Wirft Weinstein Vergewaltigung und Bezos Mitwisserschaft vor: US-Schauspielerin Rose McGowan. (Archivbild) Schauspielerin Rose McGowan soll von Weinstein gar Schweigegeld erhalten haben. Hat eine «schlechte Erfahrung» mit Harvey Weinstein gemacht: Schauspielerin Angelina Jolie. (Archivbild) Weinstein habe sie angefasst und wollte sie massieren: Gwyneth Paltrow. (Archivbild) Schauspielerin Ashley Judd gehört zu den Frauen, die gegen Weinstein Vorwürfe erheben. Der Filmproduzent war bereits mehrfach Gast am Zurich Film Festival, hier 2013.

Zum Thema
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Vor einem Jahr nutzte die Schauspielerin Alyssa Milano den Hashtag #MeToo, um Frauen zu ermutigen, ihre Erfahrungen zu sexuellen Übergriffen zu teilen. Kurz zuvor war der US-Filmproduzent Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung beschuldigt worden.

Tausende Frauen folgten dem Aufruf, Dutzende Fälle von sexuellem Missbrauch kamen ans Tageslicht. Was hat die Bewegung in der Schweiz erreicht – und hat sie eine Zukunft? Eine Feministin gibt Auskunft.

Frau Klausener, was hat #MeToo erreicht?
Die Gesellschaft ist für das Thema Gewalt an Frauen sensibilisiert. Das gab es vorher nicht. Wir haben noch nie so viel über das Thema diskutiert wie im letzten Jahr. Zuvor war es sehr schwierig, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gelangen. Gewalt an Frauen wurde endlich enttabuisiert.

Woran zeigt sich das?
Die Opferhilfe hatte einen grossen Anstieg bei den Beratungen. #MeToo hat vielen Frauen die Augen geöffnet. Sie sehen, dass ihre individuellen Erfahrungen einem sexistischen System geschuldet sind. In allen Generationen berichten Frauen von extrem vielen Gewalterlebnissen. Bisher wurde oft geschwiegen. #MeToo hat die Möglichkeit dazu gegeben.

#MeToo bezeichnet einen Hashtag auf Twitter. Ist die Diskussion überhaupt in der breiten Öffentlichkeit angekommen?
Ja, das finde ich schon. Es hat sicher geholfen, dass das Thema in Hollywood lanciert wurde und so viele Prominente betroffen waren. Das interessiert viele.

Das macht aber noch keine nachhaltige Diskussion aus.
Das ist richtig. Was mir Sorgen macht, sind die Gegenreaktionen und eine Gegenbewegung – auch auf politischer Ebene. Dabei handelt es sich oft um jahrzehntealte Strategien.

Die da wären?
Erst einmal werden Frauen der Falschbeschuldigung bezichtigt oder die Thematik als Problem einer kleinen Minderheit bezeichnet. Man schenkt den Frauen keinen Glauben, bezeichnet sie als zu emotional oder weist ihnen sogar eine Mitschuld zu: Sie hätten sich ja nicht so aufreizend anziehen müssen, heisst es dann etwa. Das ist leider schon lange Usus, wenn Frauen Forderungen aufstellen. Wir müssen anfangen, diese Rhetoriken kritisch zu hinterfragen.

Wieso gibt es diese Reaktion?
Es gibt Menschen, die sich nicht konstruktiv mit der Thematik auseinandersetzen wollen. Häufig spielen politische Strategien eine Rolle. Dessen müssen sich auch Journalisten bewusst sein. Häufig kommt als Antwort auch nur die simple Feststellung, dass auch Männer von Gewalt betroffen sind.

Was ja auch stimmt.
Natürlich! Und ich finde, Gewalt gegen Männer ist ein wichtiges Thema und eine solche Gegenfrage kann konstruktive Diskussionen auslösen. Häufig wird das Argument aber leider genutzt, um das Anliegen der Frauen wieder unter den Teppich zu kehren. Dann handelt es sich um eine reine Machtdemonstration.

Wieso glauben Sie, dass Männer nicht über das Thema sprechen möchten?
Niemand wird gern mit den Privilegien konfrontiert, die er hat. Abwehrmechanismen sind verständlich. Daneben gibt es aber auch menschenverachtende Positionen, zum Beispiel von Incels oder Maskulinisten. Die gab es aber schon vor #MeToo, sie erhalten jetzt aber mehr Sichtbarkeit. Was mich freut: Viele Männer haben sich im Zuge von #MeToo gefragt, wie sie eine Veränderung einleiten können, und stellen sich die richtigen Fragen: Was muss sich politisch verändern? Was ist problematisch an meiner Rolle in der Gesellschaft? Was kann ich tun?

Inwiefern halten Sie die Rolle der Männer für problematisch?
Es geht um unser Bild von Männlichkeit. Das müssen wir kritischer betrachten. Männlichkeit wird heute häufig mit Dominanz und mit Stärkersein verbunden. Männer wie Donald Trump mit seiner Aussage «grab them by the pussy» erhalten sogar Anerkennung. Da braucht es eine Emanzipation – auch der Männer.

Bei #MeToo ging es vor allem um sexuellen Missbrauch. Inwiefern hängt das Männlichkeitsbild damit zusammen?
Dieses veraltete Männlichkeitsbild hat einen sehr direkten Bezug zu Gewalt. Männer üben oft Gewalt aus, weil sie verunsichert sind. Sie merken, dass sie dem stereotypen Bild nicht gerecht werden und beispielsweise mit Abweisung konfrontiert werden. In diesem Männlichkeits-Konzept ist es dann etwa nicht vorgesehen, mit Kollegen über seine Gefühle zu sprechen. Das schafft gerade auch bei Männern viele Verlierer.

Inwiefern?
Viele Männer entsprechen diesem stereotypen Rollenbild zum Glück nicht. Sie sind etwa emotionaler, wollen Schwäche zeigen, andere Formen von Sexualität oder Geschlechteridentität ausleben oder die Kinderbetreuung übernehmen. Sie werden heute häufig diskriminiert. Von mehr Geschlechtergerechtigkeit profitieren also alle.

Dieses veraltete Männlichkeitsbild wird ja auch von vielen Frauen gewünscht.
Ja. Diese Normen werden von Männern und Frauen getragen und müssen von der gesamten Gesellschaft geändert werden. Auch Frauen müssen die Kriterien, wie sie männliche Handlungen bewerten, ändern. Frauen tragen das System mit, und häufig fehlt es am politischen Einsatz. Viele Frauenanliegen werden etwa auch von Frauen im Parlament nicht mitgetragen. Nur wegen des Geschlechts ist man noch lange nicht sensibilisiert für das Thema. Trotzdem ist es sinnvoll, bei den Männern anzusetzen. Sie sind nun mal am häufigsten jene, die Gewalt ausüben.

Viele Männer sagten im Zug der #MeToo-Debatte, dass sie selbst ja keine Frauen missbrauchen und deshalb gar nicht vom Thema betroffen sind.
Auch wenn man keine Gewalt ausübt, ist man Teil des Systems. Häufig kommen solche Aussagen zudem von Männern, die eine Verweigerungshaltung einnehmen. Sie wollen, dass alles so bleibt. Zudem glaube ich, dass viele Männer sich nicht bewusst sind, was alles Gewalt ist. Dazu gehört nicht nur zuschlagen, sondern auch der Hasskommentar im Internet oder ungleicher Lohn.

Die #MeToo-Debatte geht weiter. Sind Sie optimistisch?
Ich bin eher positiv gestimmt. In der jüngeren Generation hat ein grosser Wandel stattgefunden. Toleranz, sexuelle Vielfalt und Offenheit gegenüber anderem sind selbstverständlicher als früher. Gerade bei Jüngeren hat #MeToo auch politisch viel bewirkt. Sie sind stark für politische Anliegen mobilisiert. Die Gegenentwicklung kommt tendenziell von älteren Generationen, die an Privilegien festhalten.

#MeToo war vor allem in den USA ein grosses Thema. Wie gross ist das Problem hierzulande überhaupt?
Natürlich war die Diskussion dominiert von den grossen Schlagzeilen aus den USA. Viele denken, dass das uns nichts angeht, weil wir ja ein vorbildliches, demokratisches Land sind. Aber wann wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, wie sieht es mit Elternzeit aus, wie mit der Lohngleichheit? Wir müssen anerkennen, dass das Thema auch uns angeht und es Veränderungen braucht.

(ehs)