Süchtig nach Sportwetten

01. September 2018 20:44; Akt: 01.09.2018 20:44 Print

«Wegen der Wetten führte ich ein Doppelleben»

André häufte mit Sportwetten 250'000 Franken Schulden an. Vor seiner Familie verleugnete er seine Sucht. Im Interview erzählt er, wie es so weit kommen konnte.

«Wenn das Spiel mit dir spielt»: Mit dieser Kampagne kämpfen Sucht Schweiz und die Kantone gegen Wettsucht.
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Sportwetten sind ein riesiger Markt. Allein Swisslos und die Lotterie Romande setzen jährlich etwa 200 Millionen Franken im wachsenden Markt um. Nicht für alle enden Sportwetten im Glück: Viele werden süchtig nach den Wetten und verschulden sich stark. SOS-Spielsucht hat deshalb im Auftrag von 16 Kantonen eine Präventionskampagne gestartet (siehe Box). Der ehemalige Wettsüchtige André erzählt im Interview, was ihn zu seiner Sucht getrieben hat und wie sie sein Leben beeinflusste.

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Wie hat Ihre Sucht ihren Anfang genommen?
Wir spielten schon in jungen Jahren mit bescheidenen Beträgen an Spielautomaten, die damals noch in den Restaurants standen. Als wir 18 wurden, konnten wir ins Casino. Zu Beginn nur an den Wochenenden, dann vermehrt unter der Woche. Die Einsätze wurden immer höher.

Sie wurden wegen Ihres Suchtverhaltens in Casinos gesperrt. Was geschah danach?
Das Spielen verlagerte sich ins anonyme Internet mit Sportwetten. Auch da waren die Einsätze und Spieltage am Anfang bescheiden, steigerten sich aber ins Unermessliche.

Wann wurde aus dem Wetten eine Sucht?
Dies passierte schleichend. Wettete ich am Anfang nur auf einzelne Spiele vor allem an den Wochenenden, brauchte ich diesen Kick vermehrt auch unter der Woche. Ich wettete vermehrt auf Ligen und Spiele, die ich noch nicht einmal gekannt habe, nur um den Kick zu erhalten. Das Wetten wurde zu meinem wichtigsten Lebensinhalt.

Wie hat sich das auf Ihr Leben ausgewirkt?
Lange habe ich meine Sucht unterdrückt, verleugnet und Leute angelogen. Ich führte neben meiner Rolle als Familienvater ein Doppelleben. Ich nahm fast nicht mehr am Leben meiner Familie und meiner Freunde teil. Mir war es am wohlsten, wenn ich im Internet wetten und die Resultate verfolgen konnte, ohne dass mich dabei jemand störte. Mir war klar, dass ich ein Suchtproblem hatte, wollte es aber nicht wahrhaben. Auch, um mein soziales Umfeld nicht zu enttäuschen.

Wie hoch waren Ihre Einsätze?
Die Einsätze waren am Anfang bescheiden, pro Wetteinsatz so zwischen 10 und 20 Franken. In meinen Spitzenzeiten wettete ich dann von mehreren 100 bis zu 2000 Franken auf Kombiwetten. Als ich aufhörte, hatte ich Schulden in der Höhe von 250'000 Franken. Mein höchster Gewinn war einmal 23'000 Franken, der war aber nach ein paar Wochen schon wieder verloren.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie süchtig sind?
Dass ich süchtig war, habe ich lange vor dem Aufhören gemerkt, nur wollte ich es nicht wahrhaben. Als ich dann finanziell nicht mehr weiterwusste, liess ich die Bombe in meinem sozialen Umfeld platzen. Ich begab mich in einen mehrwöchigen stationären Aufenthalt zur Behandlung meiner Sucht. Ausserdem habe ich sämtliche finanziellen Angelegenheiten jemandem übergeben. Ich bekam quasi nur noch ein wenig Taschengeld, dies um mich zu schützen. Inzwischen kann ich wieder über die Konten verfügen.

Sie sind von der Sucht losgekommen. Vermissen Sie das Wetten?
Mir geht es heute sehr gut. Glücklicherweise vermisse ich das Wetten inzwischen zu keinem Zeitpunkt mehr. In der Anfangsphase gab es Zeiten, in denen ich ans Wetten dachte. Diese Phase ist aber nach rund drei bis vier Monaten immer mehr verschwunden. Heute bin ich glücklich, dass ich wieder ungezwungen Fussball- und Eishockeyspiele schauen kann, ohne den Druck, gewisse Resultate zu haben und andere Resultate checken zu müssen. Das Einzige, das mich ans Wetten erinnert, sind meine Schulden. Die werde ich noch viele Jahre lang abbezahlen müssen.

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • c.s am 01.09.2018 21:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratuliere kenne es selber

    Kenne das aus dem Casino. kann mit dir fühlen die Sucht ist imens habe selber mich sperren lassen nur das Problem war du brauchst aus zürich nur eine Stunde nach Bregenz oder Konstanz füe einen Süchtigen ein Klacks! habe viel Geld verzockt bis ich einmal am Nachmittag am Zocken war den Spielautomat angeschaut habe und mir sagte was mach ich hier eigentlich?! Ich Stand auf ging aus dem Casino und Spiele jetzt seit 2 Jahren nicht mehr. Die Lebensfreude ist wieder da ich bin nicht mehr aggresiv und denke nicht den halben Tag ans Casino! ich schaffte es noch rechtzeitig raus aber holt euch hilfe und reded mit euren Partner oder Freunde Familie!

  • Neumann am 01.09.2018 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Süchte aller Art sind übel und kommen schleichend. Alles fängt harmlos an und kann tragische Auswüchse bekommen. Ich spreche aus vielfacher eigener Erfahrung. Wünsche allen Süchtigen guten Mut und gutes Gelingen beim Ausstiegsbersuch. Bleibt dran und gebt vorallem nie euch selber auf. Und lernt mit Rückschlägen und Unvollkommenheit leben. All the best!

  • Mister X am 01.09.2018 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Reiz des schnellen Geldes

    Leider geht es fast immer nach hinten los. Ich gehe 2-3 im Jahr ins Casino und spiele Roulette zusammen mit Freunde. Das macht Spass, auch wenn man mal 200 Franken verliert.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Winner am 02.09.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Finger weg..

    Gewinnen tut nur derjenige welcher nicht spielt.. und ich bin einer der gern gewinnt.

  • bebbeli am 02.09.2018 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Las Vegas

    Ich war in Las Vegas und in Reno in Spielhallen, aber ich habe mir schon vorher ein Limit von 25 Dollar gesetzt und habe aufgehört, als das Geld weg war. Dann habe ich nur noch den Anderen zugesehen. Wer ohne Limit spielt kann sehr rasch in die Falle tappen, denn es ist faszinierend, wenn rundum die Automaten klimpern und Geld ausspucken.

  • Tussi am 02.09.2018 08:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gravierende Folgen

    Wie alle andere Süchte; gefährlich für sich und deren Mitmenschen. Diese Menschen brauchen Hilfe. Bis sie es erkennen kann es jedoch gravierende Folgen haben. Allen die betroffen sind alles Gute.

  • Peter aus Bern am 02.09.2018 08:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schulden bleiben kleben

    Wir waren als Paar spielssüchtig und verloren im Casino innert Jahren das ganze Geld und dennoch spielten wir weiter bis zur hohen Überschuldung (ca 250000.-) Niemand konnte uns helfen, nur die Selbstsperrung konnte uns stoppen. Im Casino sperrt dich leider Niemand, warum auch, waren ja gute Kunden und dies im Doppelpack! Heute sind wir geheilt doch die massiven Schulden werden uns noch eine Ewigkeit daran erinnern.

  • zocker am 02.09.2018 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    börsenwetten

    für was sportwetten... spielt an der börse optionen