Islam in der Schweiz

15. Januar 2010 13:38; Akt: 15.01.2010 14:11 Print

Islamischer Zentralrat spürt Rückenwind

Der im Dezember mit der Kundgebung «Stoppt die Hetze gegen den Islam» bekannt gewordene neue Islamische Zentralrat der Schweiz zählt bereits 500 Mitglieder und erhält reichlich Spenden. Er will seine Informationsoffensive zur Korrektur des Islambilds fortsetzen.

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Kurzfristig will der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) in grösseren Städten an Ständen auf der Strasse die Leute ansprechen und Informationsmaterial verteilen. Er plant auch die Einrichtung einer telefonischen «Islam-Infoline», hat bereits eine Internetseite eingerichtet und will Vorträge organisieren.

Langfristig strebt er an, zum anerkannten Repräsentanten des traditionellen Islams sunnitischer Ausrichtung in der Schweiz zu werden, einen Fatwa-Rat in der Schweiz einzurichten, anerkannte islamische Schulen zu etablieren und sich in alle Landesregionen auszubreiten.

Fernziel ist auch die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams durch die Kantone, wie Präsident Nicolas Blancho am Freitag an der «Gründungs-Pressekonferenz» in Bern sagte. Ein Fatwa-Rat erlässt Fatwas, also Rechtsgutachten zu aktuellen Problemen von Muslimen.

Verein will Basis vertreten

Gegründet wurde der Verein mit Sitz in Bern nicht erst am Freitag, sondern schon im vergangenen Oktober, vor der Abstimmung über das Minarettverbot. Er zählt nun laut Blancho 26 Aktivmitglieder und rund 500 Passivmitglieder. Unter den Aktivmitgliedern finden sich keine Frauen, aber unter den Passivmitgliedern.

Es sei geplant, unter dem Dach des IZRS eine zweite, parallele Frauenorganisation zu gründen, sagte Blancho. Der normative Islam lasse es nicht zu, dass Frauen und Männer in der gleichen Organisation tätig seien.

Den IZRS brauche es, weil die anderen islamischen Dachorganisationen in der Schweiz Vereine und Moscheen organisierten, sagte Vorstandsmitglied Qaasim Illi, nicht aber Einzelpersonen. Es fehle eine Basisorganisation. Auch fühlten sich viele Moscheegänger in der aktuellen Islam-Diskussion nicht vertreten.

Der Verein finanziere sich aus Mitgliederbeiträgen und - vor allem - aus Zuwendungen. Der Vorstand sei überrascht gewesen über den Geldzufluss, so Illi weiter. Die letzten Entwicklungen in der Schweiz beunruhigten eben viele hier lebende Muslime.

Die Pressekonferenz fand denn auch im noblen Berner Fünfsternhotel Bellevue statt. Aus dem Ausland seien keine Zuwendungen geflossen, so Illi.

Einladung an Vogel war Fehler

Es sei ein Fehler gewesen, den deutschen Islam-Prediger Pierre Vogel zur Kundgebung vom 13. Dezember des letzten Jahres auf dem Berner Bundesplatz einzuladen, sagte Blancho am Rand des Anlasses. Vogel werde sich künftig nicht mehr zu Schweizer Angelegenheiten äussern.

Der in der Nähe von Biel lebende Blancho bezeichnete es auch als Fehler, damals andere Islamorganisationen in der Schweiz als zu passiv kritisiert zu haben. Er habe seither mit Vertretern gesprochen. Es sei geplant, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Landesweite Dachorganisation gibt es noch nicht

In der Schweiz gibt es zahlreiche islamische Vereine sowie mehrere Organisationen, welche diese Vereine unter einem Dach zusammenfassen. Eine echte nationale Dachorganisation, wie dies der Islamische Zentralrat werden will, gibt es aber nicht.

Laut dem Berner Islamwissenschafter Reinhard Schulze ist die aktivste und grösste Dachorganisation die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS). Die 2006 gegründete FIDS umfasst laut ihrer Internetseite ihrerseits zehn Dachorganisationen aus mehreren Landesregionen von der Westschweiz übers Tessin bis in die Ostschweiz.

Nicht dabei ist aber etwa die Umma aus Bern, ein Verband mehrerer Islamischer Zentren und Moschee-Vereine im Kanton Bern, oder die Basler Muslim Kommission.

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf empfing kürzlich nach dem Ja des Volks zur Anti-Minarett-Initiative neben der FIDS auch die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (COIS) und die Fondation de l'Entre-Connaissance.

Islamwissenschafter Schulze sagte auf Anfrage, die Vielzahl der islamischen Organisationen habe mit unterschiedlichen Traditionen zu tun. Als Ansprechpartner für die Behörden wäre eine einzige nationale Dachorganisation durchaus sinnvoll.

Dies unter der Voraussetzung, dass deren Strukturen transparent wären und die Willensbildung in der Dachorganisation auf demokratische Weise erfolgen würde.

(sda)