Gefälligkeitszeugnis

12. Februar 2019 09:51; Akt: 12.02.2019 10:30 Print

Ist Blaumachen wirklich so einfach?

Lernende erschleichen sich Arztzeugnisse, obwohl sie nicht krank sind – die Behauptung einer Chefin erfährt grossen Zuspruch. Was ist an diesen Vorwürfen dran?

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Eine Chefin wollte ihre kranke Lehrtochter zum Arbeiten verdonnern. Sie glaubte ihr trotz Arztzeugnis nicht, dass sie wirklich krank war. Per Whatsapp schrieb sie: «Ich weiss, wie schnell die Ärzte Zeugnisse ausstellen.»

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Verschiedene User pflichten ihr bei: So schreibt der User Arzt, dass Arztzeugnisse heutzutage sofort ausgestellt und von den Lernenden missbraucht würden: «Ich habe keine Lust zu arbeiten? Zeugnis! Mir wurde gekündigt und ich will mich rächen? Zeugnis! Ich habe selbst gekündigt und habe keine Lust mehr? Zeugnis!»

Weitere User wie renz sehen die Schuld vor allem bei den Ärzten, die bei jedem kleinen Husten ein Arztzeugnis ausstellen würden: «Was aber genau so ein Unding ist, und da spreche ich aus Erfahrung, sind die Gefälligkeitszeugnisse der Ärzte. Ich könnte ein Buch darüber schreiben.»

Doch ist es tatsächlich so einfach, von einem Arzt ein Gefälligkeitszeugnis zu bekommen? Schliesslich macht er sich damit strafbar (siehe Box). In der Schweiz führt die Grippe jedes Jahr zu 112'000 bis 275'000 Arztkonsultationen, wobei Erwachsene durchschnittlich zwei- bis viermal pro Jahr an einer Erkältung leiden.

«Gewisse Arztzeugnisse machen stutzig»

Andreas Gasche, Geschäftsführer des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands, sagt: «Das Ausstellen von Gefälligkeitszeugnissen ist keine weitverbreitete Unsitte.» Gewisse Arztzeugnisse, die mit einer gewissen Regelmässigkeit ausschliesslich von Freitag bis Montag ausgestellt werden, würden aber stutzig machen. Gleiches gelte auch für rückdatierte Zeugnisse.

Um unter anderem mögliche Gefälligkeitszeugnisse besser identifizieren zu können, hat die kantonale Ärztegesellschaft eine Ombudsstelle geschaffen, an die sich auch Arbeitgeber wenden können.

«Lernende sind nicht öfter krank als andere»

Der Allgemeinmediziner Tarek Berrah aus Zürich dagegen hat noch nie erlebt, dass «ein kerngesunder Patient offen nach einem Arztzeugnis gefragt hat». Ganz ausschliessen, dass ein Patient fälschlicherweise ein Arztzeugnis bekommt, könne man aber nicht. «In seltenen Fällen ist es nicht einfach zu beurteilen, ob ein Patient ein Arztzeugnis braucht oder nicht.» Dies komme aber selten vor.

Auch Daniel Tapernoux, beratender Arzt bei der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, wurde noch nie um ein Gefälligkeitszeugnis gebeten. Aber: «Das heisst nicht, dass es nicht auch einige wenige Kollegen gibt, die solche Zeugnisse ausstellen.»

Der Arbeitgeberverband dementiert, dass junge Erwerbstätige wie etwa Lernende öfter krank sind als andere Arbeitnehmer. «Ungerechtfertigte Krankschreibungen sind kein weitverbreitetes und besorgniserregendes Problem», sagt Daniella Lützelschwab vom Schweizerischen Arbeitgeberverband.

(mm)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas am 12.02.2019 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Bis man betroffen ist

    Hatte einen Infarkt. Und spühre diese Mentalität auf andere weisse. Wischi Waschi Behandlungen beim Arzt, Reha noch nicht mal klar aber alle wollen nur eins. Zurück mit dir in den Arbeitsalltag. Während die ausländischen Ärzte nach dem Infarkt von einer 3 monatigen Reha sprachen und die Bekämpfung der Depressionen. Interessiert in der Schweiz niemand. Nur schnell wieder zurück in den Arbeitsalltag. Unsere Gesundheit ist nichts mehr Wert. Und die schweizer Gesellschaft zeigt dies am deutlichsten. Wer krank ist ist krank. Dieser enorme Leistungsdruck kommt irgendwann als Bumerang zurück.

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  • Bschiss am 12.02.2019 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wozu Arztzeugnisse?

    Es gibt Mitarbeitende die alle 2 Wochen einen Tag blau machen (meist Mo oder Fr). Dazu braucht man nicht einmal ein Zeugnis und als Arbeitgeber ist man machtlos.

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  • meierisli am 12.02.2019 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    keine kraft = achtsamkeit üben

    nun, es gibt da noch die mentale gesundheit (siehe artikel: achtsamkeit). vielfach ist einfach der druck aus irgendeinem grund nicht zum aushalten, demnach ergeben sich psychosomatische probleme. ich habe noch nie verstanden, weshalb bei uns verbale entgleisungen (verbale ohrfeigen) legitim sind, währenddessen wir auf der ganzen welt weltverbesserer spielen. viele chefs sind ja die reinsten terminators, nur ums geld gehts. ein jugentlicher sieht nicht nur das geld..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mina am 12.02.2019 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Montag

    Unter Blaumachen verstehe ich eher ein bis drei Tage und dafür verlangen die meisten Arbeitgeber kein Zeugnis. Bei uns in der Firma ist bei den Männern der Montag der typische 'Blautag'.

  • die Ritterin am 12.02.2019 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gründe?

    Wenn ein Lehrmeister das Gefühl hat, dass sein Lehrling regelmässig blau macht, müsste man vielleicht nachforschen, was die Gründe dafür sind. Bei einem guten Arbeitsverhältnis ist die Gefahr des Blaumachens wohl eher gering.

  • Simon am 12.02.2019 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gelb

    Ich bin sehr wenig krank aber da ich meinem Arbeitgeber nicht traue (sie möchten mich gerne durch einen jüngeren billigeren ersetzen)gehe ich sofort zum Arzt ab dem 1 Tag und verlange ein Zeugnis auch wen im GAV steht erst ab dem 3 Tag.

  • BlueManGroup am 12.02.2019 18:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz gut

    Ich bin jetzt seit Mai 18 zuhause dank der Suva weil ich einen gebrochenen Finger hatte und das dritte mal opperieren musste, Insgesamt war/bin ich wegen einem einzigen Finger ca. 16 Monate krank geschrieben verteilt auf 3 Jahre

  • Mary Lo am 12.02.2019 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst sie doch

    Ist doch okey so. Wir waren alle mal jung. Irgendwann holt sie der ernst des Lebens schon ein. Finde diese Diskussion übertrieben.