Mutterschaftsurlaub

16. Mai 2016 13:14; Akt: 16.05.2016 22:05 Print

Ist das Baby da, droht Müttern die Kündigung

von J. Hoppler - Entlassungen nach dem Mutterschaftsurlaub seien zunehmend ein Problem, schreibt der Bundesrat. Eine SP-Politikerin fordert härtere Sanktionen.

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Erst vor wenigen Tagen schlug ein Jurist der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung Alarm: Mütter würden nach der Geburt ihrer Kinder zunehmend diskriminiert. Hintergrund war der Fall einer Kioskverkäuferin, die von ihrem Arbeitgeber zur Kündigung gedrängt worden sein soll. Nun räumt auch der Bundesrat ein, dass in der Schweiz in dieser Hinsicht ein Problem bestehe.

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Braucht es zur Verhinderung von Entlassungen nach dem Mutterschaftsurlaub schärfere Sanktionen und mehr Abschreckung?
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Auf eine Interpellation der SP-Nationalrätin Silvia Schenker (BS) antwortet die Landesregierung, die Zahl der Entlassungen von Müttern nach der Geburt habe zugenommen. Sie stützt sich dabei unter anderem auf eine Statistik der Konferenz der Schlichtungsstellen (SKS). Diese verzeichnete 2013 elf Fälle von Kündigungen wegen Mutterschaft und sechs Fälle von Kündigungen während der Probezeit wegen Schwangerschaft. Im ersten Halbjahr 2014 waren es 15 beziehungsweise 5 Fälle. Der Bundesrat wolle das Phänomen aufmerksam verfolgen und die Sensibilisierung vorantreiben, schreibt er in der Antwort.

«Müttern werden Steine in den Weg gelegt»

Silvia Schenker reicht dies allerdings nicht: «Die Sanktionen bei missbräuchlicher Kündigung müssen zur Abschreckung verschärft werden.» Wenn der Bund die Öffentlichkeit und die Arbeitgeber besser auf die Diskriminierung von Müttern auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam mache und die Frauen über ihre Rechte informiere, sei dies aber ebenfalls begrüssenswert. «Dass man gerade in Zeiten des Fachkräftemangels qualifizierten Müttern massiv Steine in den Weg legt, ist skandalös», so Schenker.

Die Berner SVP-Nationalrätin Nadja Pieren widerspricht vehement und stellt fest: «Angesichts der konkreten Zahlen muss man sagen, dass die Frage der von Kündigungen während oder nach der Schwangerschaft betroffenen Frauen völlig aufgeblasen wird.» In der Schweiz bestehe grundsätzlich Kündigungsfreiheit. Es gebe verschiedenste Gründe, warum eine Firma einer Mutter kündige: «Oft liegt der Grund darin, dass Frauen nach der Geburt nur noch Teilzeit arbeiten können oder wollen. Und ob das der Arbeitgeber langfristig auf sich nehmen will oder kann, ist schliesslich seine Sache.»

«Ein Sturm im Wasserglas»

Ständerat Andrea Caroni präzisiert: «Die Frage ist rechtlich eindeutig geklärt.» Und:» Die ganze Aufregung um widerrechtlich entlassene Mütter sei «ein Sturm im Wasserglas – das zeigen die Zahlen ganz klar.» Eine Meinung, die auch der Arbeitgeberverband vertritt. Allein schon die geringe Fallzahl mache deutlich, dass kein Bedarf zum Ausbau des gesetzlichen geregelten Mutterschutzes bestehe. Zudem ist für ihn der oft geäusserte Vorwurf, dass sich die Unternehmen unter dem Vorwand einer Schwangerschaft oder eines Mutterschaftsurlaubs von werdenden Müttern trennen, nicht nachvollziehbar. Denn: «Erwerbstätige Mütter sind wegen ihrer knappen Zeitressourcen oft gut organisiert, erfinderisch und kreativ, wie Mediensprecher Fredy Greuter sagt.

Die Gesetzeslage ist dabei klar: Frauen darf aufgrund des «Gleichstellungsgesetzes» während der Schwangerschaft und 16 Wochen nach der Geburt nicht gekündigt werden. Wie hoch die Zahl der missbräuchlichen Kündigungen tatsächlich ist, ist laut der Gleichstellungsbeauftragten des Bundes, Sylvie Durrer, schwierig zu bestimmen. Viele Mütter würden rechtlich gar nicht gegen ihre Arbeitgeber vorgehen, konstatierte sie gegenüber «Le Matin Dimanche». «Es sieht aber so aus, als würden die Fallzahlen steigen, da es immer mehr Mütter gibt, die nach der Geburt berufstätig bleiben wollen.»


Sind Sie gerade Mutter geworden und mussten dann eine Kündigung hinnehmen? Schreiben Sie uns.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 16.05.2016 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutz ?

    Es gibt ja auch kein Schutz für ü50. Alles gesagt!

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  • Pet Er am 16.05.2016 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht immer nur der böse Arbeitgeber ...

    Wie immer "Der böse Arbeitgeber". Ich habe auch schon erlebt, dass das Vertrauen von der Arbeitgeberin stark ausgenutzt wird. Kaum angestellt - schon schwanger - dann, nach 3 Monaten einen netten Arzt gefunden, der einem bescheinigt, dass es besser wäre mit dem Arbeiten aufzuhören. Wenn das Kind da ist, lässt die Arbeitnehmerin einem bis zum Schluss im Unklaren ob sie den wieder voll oder Teilzeit arbeiten wird oder eben nicht. Nachdem nun 3 Monate gearbeitet wurde und 9 Monate infolge Krankheit und Mutterschaftsurlaub eben nicht, ist irgendwann auch das Vertrauensverhältnis zerstört ...

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  • Sakäly am 16.05.2016 13:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Macht das

    Und hinterher wundert man sich darüber, dass Frauen entweder gar nicht erst eingestellt oder das Risiko durch tiefere Saläre abgefedert wird. Abgesehen davon soll eine Mutter sich um ihr Kind kümmern und nicht, kaum ist der Mutterschaftsurlaub abgefeiert, wieder arbeiten gehen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus am 18.05.2016 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Hört mit dem Baby-Kindergeschrei auf

    Selbstverantwortung ist gefragt, sonst muss man keine Kinder in die Welt setzen.

  • René Widmer am 18.05.2016 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ja zum BGE...

    Ein Grund mehr für's BGE, dann kriegt Mutter mit Kind mindestens deutlich über 3000.- pro Monat, mit 2 Kindern fast 4000.- und kann sich so perfekt um den Nachwuchs kümmern. Das wäre fair und würde vielen jungen Paaren viel Stress ums Geld abnehmen.

  • Anonym am 18.05.2016 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Mühsam und unnötig

    Wer Nachwuchs will, trägt auch die Konsequenzen, d.h. es wird nicht herumgejammert, Unbeteiligte (Grosseltern, "Göttis/Gotten" usw.) werden nicht materiell angebettelt, im Beruf wird entweder voller Einsatz gegeben oder man muss gehen - das müssen andere auch. Punkt.

  • Tiffany am 17.05.2016 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ob Mutter oder Frau, diskriminiert wird!

    Nicht nur Müttern! Wechselt man nur die Firma, wird man diskriminiert, hauptsache der Arbeitgeber kommt günstig zu Personal. Da wird Personal befördert, obwohl kaum Erfahrung da ist! Ich finde es allgemein in der Schweiz diskriminierend ob als Mutter oder nur als Frau! Und Ex-Bundesbetriebe sind da erstaunlich gut darin, billig arbeiter finden zu wollen!

    • stiffano am 18.05.2016 16:13 Report Diesen Beitrag melden

      Lachhaft

      ja, die Schweiz ist wirklich ein Höllenland und kann nur diskriminieren!

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  • M.K. am 17.05.2016 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Solidarität vs. Karrieredenken

    Das Dilemma der Gleichstellung ist bekannt. Allerdings bleibt im exemplarischen Fall einer Mitarbeiterin, welche zugunsten der Frauenquote nach dem Mutterschaftsurlaub bei einem nachfolgend reduzierten Pensum von 80% zum Team Stv. befördert wurde, der Rest der Abteilung auf der Strecke. Das Team übernimmt faktisch den Ausgleich zwischen Karriere und Familie der Mitarbeiterin, was gegenüber dem Rest der Kollegen nur unfair ist. Dies im Besonderen, wenn der Ehemann der Mitarbeiterin ebenfalls im Angestelltenverhältnis beschäftigt ist.