Bevölkerungsschutz

14. Oktober 2016 20:35; Akt: 14.10.2016 20:35 Print

Ist die Schweiz für einen Atomunfall gerüstet?

Eine Gruppe linker Ärzte kritisiert, die Schweiz habe aus Fukushima nichts gelernt: Es fehle eine taugliche Notfallplanung. Die Behörden widersprechen.

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Tritt aus einem havarierten AKW viel Radioaktivität aus, bleibt wenig Zeit: Die Behörden müssen die betroffene Bevölkerung alarmieren, je nach Standort hunderttausende Menschen evakuieren, den Verkehr umleiten und weitere Massnahmen wie die Einnahme von Jodtabletten anordnen.

Die Katastrophenplanung des Bundes nehmen nun die Befürworter der Atomausstiegsinitiative unter Beschuss. So werfen die Ärzte für den Umweltschutz (Aefu) den Behörden vor, keine Lehren aus der Katastrophe von Fukushima gezogen zu haben. Das Notfallkonzept sei bei schweren Unfällen untauglich, schreibt die Gruppe in einer Medienmitteilung. Die Streitpunkte:

• Das Notfallkonzept

«Die Katastrophenplanung des Bundes geht von einem Unfallszenario aus, bei dem zehnmal weniger Radioaktivität austritt als in Fukushima und 100-mal weniger als in Tschernobyl», sagt Aefu-Geschäftsleiter Martin Forter. «Entgegen der Beteuerungen der Behörden ist der Schutz der Bevölkerung bei einem Unfall wie in Fukushima nicht gewährleistet.»

Zudem trete die radioaktive Wolke frühestens sechs Stunden nach dem Unfallbeginn aus und nicht bereits nach vier oder gar zwei Stunden, wie es in den schwereren Szenarien zu erwarten sei. Forter: «Es ist absurd. Der AKW-Unfall muss sich nach dem Zeitplan der Behörden richten.»

Kurt Münger, Kommunikationschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs), weist die Kritik zurück. Man habe den Unfall von Fukushima sehr wohl analysiert: «Der Notfallschutz in der Schweiz ist im Fall eines Atomunfalls auf einem sehr hohen Niveau sichergestellt. Die zuständigen Behörden haben viele Massnahmen vorbereitet und sie werden in Übungen laufend durchgespielt.» Die massgeblichen Unfallszenarien habe das Ensi in einer breit abgestützten Arbeitsgruppe erarbeitet. Sie würden den Risiken in Schweizer Kernanlagen «weitgehend gerecht», heisst es bei der Aufsichtsbehörde.

• Der Katastrophenalarm

Laut der Ärzte-Gruppe fehlt es auch an konkreten Plänen, wie grössere Städte wie Bern, Biel oder Aarau bei einem schweren Unfall evakuiert würden. «Doch noch nicht einmal die Information der Bevölkerung würde funktionieren, wenn der Strom ausfällt», kritisiert Forter: «Ein UKW-Radio mit Batterien hat heute kaum mehr jemand zu Hause.» Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde auch das Handynetz kollabieren. «Damit wird auch das Aufgebot der Sicherheits- und Rettungsorganisationen im betroffenen Gebiet zum Problem.»

Babs-Sprecher Kurt Münger hält fest: «Die Sirenen funktionieren unabhängig von der Stromversorgung über längere Zeit. Zudem hätten immer noch viele ein Radiogerät, etwa im Auto.» Auch hätten die lokalen Behörden weitere Möglichkeiten, etwa Lautsprecherdurchsagen vor Ort. Die Kantone seien gesetzlich verpflichtet, die Evakuierung sicherzustellen.

• Das Unfallrisiko

Forter kritisiert, dass der Bund Szenarien ausschliesse, weil sie als unwahrscheinlich gelten. «Der Bund geht davon aus, dass ein schwerer Unfall nur einmal in 1 bis 10 Millionen Jahren vorkommt.» Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung sei umstritten, zumal Risiken wie vorsätzliche Flugzeugabstürze, Cyber- oder Terrorangriffe nicht in die Rechnung einbezogen würden. Lenke einer ein Flugzeug in das Kraftwerk Beznau, könne sehr viel Radioaktivität austreten.

Beim Ensi heisst es, dass alle in Betrieb stehenden Kraftwerke in der Schweiz die gesetzlich vorgeschriebenen Anforderungen erfüllen. Diese schreibt das Umweltdepartement in einer Verordnung fest. Beispielsweise muss ein Betreiber nachweisen, dass ein Kernschaden gemäss Wahrscheinlichkeitsrechnung seltener als alle 10'000 Jahre vorkommt.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • PFKBG am 14.10.2016 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mal die

    Schweizer Armee ist gerüstet, geschweige für einen Atomunfall..

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  • zorro am 14.10.2016 20:52 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz klar NICHT, denn...

    ...schon die Standorte sind MITTE in der Aglo, z.B Bern Mühleberg. DIREKT in der Anflugschneisse zu Bern Belpmoos und in unmittelbarer Nähe von Bern und dem Bundeshaus. EINEN GRÖSSEREN SCHWACHSINN habe ich selten gesehen. Wenn das mal knallt, dann ist BERN weg und damit die gesamte "Regierung"!

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  • Sirenchen am 14.10.2016 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr durchdacht

    Der Passus mit "Schliesslich hat man ein Radiogerät im Auto gefällt mir ganz gut". Ertönt der Sirenenalarm sollte man doch einen Schutzraum aufsuchen und sich raschtmöglich darin begeben. Nun soll man in die Garage Radio hören?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sandra B. am 15.10.2016 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Haarsträubende Kommentare

    Ich habe mir die Mühe gemacht die Kommentare hier durchzulesen. Auffallend ist, dass viel Angst geschürt wird. Leute die für KKW sind, werden diffamiert und persönlich angegriffen. Das zeugt von wenig Überzeugung der Initianten vom Erfolg der Initiative. Ich war noch unschlüssig aber stimme jetzt garantiert mit Nein.

    • Peter Sager am 16.10.2016 00:06 Report Diesen Beitrag melden

      47 Jahre sind genug

      Liebe Sandra, dies ist Dein Recht mit Nein zu stimmen. Denke nur die ältesten AKW der Welt sind weniger Sicher als Dir gesagt wird. Es kann was passieren mit Ihnen, willst Du dies?

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  • Lisa L. am 15.10.2016 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    1-100 Millionen Jahre?

    «Der Bund geht davon aus, dass ein schwerer Unfall nur einmal in 1 bis 10 Millionen Jahren vorkommt.» ...hab die in Geschichte nicht aufgepasst? Aktuell gibt es alle 15-20 Jahre einen AKW GAU!

  • Ed von richti am 15.10.2016 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Bundesrat und Wissenschaftler Informieren das

    Ich wünschte mir mal eine Fernsehsendung wo der Bundesrat mir genau erklärt was genau bei einem Supergau mit der Bevölkerung passieren wird. Wer wohin evakuiert wird. Wie das auf den Strassen zu und her geht. Wie die nächst betroffen versorgt werden. Wie gross die Gesundheitliche Gefährdung ist. Dies ohne Parteienpolitik nein nur mit Unterstützung von Kompetenten Wissenschaftler der ETH und dem PSI Würenlingen.

    • Strupi am 15.10.2016 23:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ed von richti

      Als erstes solltest die zugestellten Jodtabletten schlucken, nachdem es übers Radio bekannt gegeben wurde. Danach wird alles am Radio gesagt, zumindest sagten mir das meine Eltern so...

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  • Eidg.Patriot am 15.10.2016 18:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das mit

    Den jodtabletten ist auch so ein plazebo

  • Tanzlehrer am 15.10.2016 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Die Geschichte zeigt es doch.

    Immer wieder die selben dummen Fehler. Sie warten so lange bis es knallt und erst dann wird reagiert. Dann wird die Schuld ein wenig hin und her geschoben, ein paar Jahre lang. Dann wird behauptet man habe daraus gelernt. Man schaltet alle Kraftwerke oder was auch immer, aus. Später kommt die nächste ach so revolutionäre Erfindung. Die Leute sind begeistert und es wird Kohle gemacht ohne Ende. Bis ein Problem plötzlich auftaucht, dann wiederholt sich die Geschichte, immer und immer wieder. Und sie lernen nichts, schon seit Zehntausend Jahren geht das so. Es gibt dabei eine Konstante, Geld.