Einbürgerung

19. Februar 2020 04:46; Akt: 19.02.2020 08:12 Print

Italiener und Ösis pfeifen auf den roten Pass

Neue Zahlen zeigen, welche Nationalitäten am häufigsten den roten Pass erhalten. Bei Russen ist er am beliebtesten, während Italiener lieber verzichten.

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Russen beantragen laut einer Studie der Uni Genf deutlich öfter den roten Pass als Italiener oder Österreicher. «Als Russin ist man Bürgerin eines Drittstaates, das Reisen mit dem russischen Pass ist extrem mühsam. Spontane Reisen sind unmöglich, jedes Mal ist ein Visum nötig», erklärt Galina Spirito. Die Russin befindet sich zurzeit im ordentlichen Einbürgerungsverfahren. Ähnlich sieht es Olga Gehrig. Sie liess sich vor zwei Jahren einbürgern. «Man zahlt ohne Schweizer Pass bis zu 40 Prozent höhere Versicherungsprämien. Auch bei der Jobsuche hilft der rote Pass», so die gebürtige Russin. Diese Nachteile hätten die EU-Bürger weniger. «Der Druck, sich einbürgern zu lassen, ist bei diesen Nationalitäten deshalb wohl weniger hoch.» Bei den Italienern liegt die standardisierte Einbürgerungsquote deutlich tiefer. Auch Mimmo Esteriore hat nur den italienischen Pass. «Als Italiener bin ich hier so gut integriert, dass ich den roten Pass nicht zum Leben brauche. Das Verhältnis von Schweizern und Italienern ist sehr brüderlich, ich spüre da keinen Unterschied, nur weil ich einen italienischen Pass habe.» Auch bei den Österreichern gibt es viele, die wenig Drang nach dem roten Pass verspüren. Ihre standardisierte Einbürgerungsquote liegt bei 0,69 Prozent. «Eigentlich könnte ich als Österreicherin nächsten Monat den roten Pass beantragen, ich lebe nämlich dann genau seit zehn Jahren in der Schweiz. Doch in Österreich gibt es keine Doppelbürgerschaft, ich müsste also den österreichischen Pass abgeben», begründet Julia K. aus Dübendorf. Zu diesem Schritt sei sie nicht bereit, da sei ihr Nationalstolz zu gross. «Das zeigt sich etwa, wenn beim Skifahren österreichische Athleten gegen Schweizer antreten. Da schlägt mein Herz für Österreich.»

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Wer seit zehn Jahren in der Schweiz wohnt und über eine C-Bewilligung verfügt, kann beim Kanton oder bei der Gemeinde ein Gesuch um Einbürgerung stellen. Erstmals legen nun die Eidgenössische Migrationskommission und die Uni Genf detaillierte Zahlen zur lokalen Einbürgerungspraxis vor. Dabei zeigt sich auch, bei welchen Nationalitäten das Schweizer Bürgerrecht besonders beliebt ist – und welche lieber verzichten.

Diese acht Nationen verfügen über die höchsten Anteile an eingebürgerten Personen (Zahlen in Prozent):

Spitzenreiter sind dabei die Russen, wie die Daten für 2011 bis 2017 zeigen. 10,3 Prozent der in der Schweiz wohnhaften Russen liessen sich laut der standardisierten Einbürgerungsquote ordentlich einbürgern. Diese standardisierte Quote geht von einer Standardbevölkerung aus, um Unterschiede zwischen den Nationalitäten beim Alter, dem Geburtsort und der Aufenthaltsdauer aufzuheben. Eine geringe standardisierte Einbürgerungsquote von 1,2 Prozent findet man hingegen bei den Italienern, der grössten ausländischen Gemeinschaft in der Schweiz. Am wenigsten lassen sich mit einer Quote von 0.7 Prozent die Österreicher einbürgern.

Diese acht Nationen verfügen über die geringsten Anteile an eingebürgerten Personen (Zahlen in Prozent):

Vorteile dank Schweizer Pass

Allgemein sind die Einbürgerungsquoten bei denjenigen Gruppen am höchsten, deren Sprache und Kultur sich stark von der Schweiz unterscheidet. Somit führen nach den Russen die Iraker (6,0 Prozent) und Inder (4,1 Prozent) das Ranking an. Geringe Quoten findet man vor allem bei den Schweizer Nachbarländern. Laut Philippe Wanner, Professor für Demografie an der Universität Genf, gibt es dafür zwei Hauptgründe. «Erstens sind internationale Reisen für Nicht-EU-Bürger mit einem Schweizer Pass erleichtert möglich. Zweitens ist für Menschen aus anderen Kulturkreisen die Einbürgerung ein Mittel zur besseren Integration und Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt.»

SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann sieht das kritisch: «Es ist problematisch, wenn Ausländer bei der Einbürgerung nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind und die Integrationswille in den Hintergrund gerät». Deshalb müsse die Gemeinde genau hinschauen, ob die Einbürgerungskandidaten auch bereit sind, ihre Bürgerpflicht wahrzunehmen.

Allfällige Rückkehr ist entscheidend

Pascale Steiner von der Eidgenössischen Migrationskommission sieht das anders: «Wenn eine Person etwa bessere Chancen am Arbeitsmarkt erhält, kann sie wiederum mehr Steuern zahlen, was der ganzen Gesellschaft zugute kommt.» Ausserdem gebe es noch andere wichtige Gründe für ein Einbürgerungsgesuch, wie die Möglichkeit der Teilhabe an öffentlichen Entscheidungsprozessen. Laut Steiner lebt eine Demokratie davon, dass möglichst viele Bürger mitentscheiden können. Dieser Ansicht ist auch Wanner: «Besonders für Personen aus nicht demokratischen Ländern ist interessant, dass sie als Schweizer Bürger das öffentliche Leben mitbestimmen können. Auch gibt es vielfach einen emotionalen Bezug zur Schweiz, etwa weil der Partner Schweizer ist.»

Für den Einbürgerungswillen ist entscheidend, ob Pläne einer allfälligen Rückkehr ins Herkunftsland bestehen. Laut Wanner bestehen auch hier systematische Unterschiede zwischen den Nationalitäten: «EU-Bürger sind nicht an die Schweiz als Wohnort gebunden. Hingegen kommen Staatsangehörige von Nicht-EU-Ländern oft dauerhaft in die Schweiz, etwa weil die politische oder ökonomische Situation im Heimatland schwierig ist. Die Beantragung eines Schweizer Passes ist somit ein logischer Schritt.»


Statistische Methoden

Die rohen Einbürgerungsquoten werden berechnet, indem die Anzahl der Einbürgerungen durch die Zahl der entsprechenden Ausländergruppe dividiert wird. Standardisierte Quoten dienen in diesem Fall dazu, verschiedene Nationalitäten oder Städte vergleichbar zu machen. Somit geht man bei den standardisierten Quoten davon aus, dass die Bevölkerungsgruppen aller Nationalitäten bezüglich Alter, Geburtsort und Aufenthaltsdauer in der Schweiz gleich aufgebaut sind.

Die hier besprochenen Einbürgerungsquoten beziehen sich nur auf die ordentlichen Einbürgerungen. Nicht Teil der Analyse ist die erleichterte Einbürgerung, von der insbesondere ausländische Ehepartner oder Kinder von Schweizern profitieren. Allein der Bund ist dann für den Entscheid zuständig.

(les)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luca am 19.02.2020 05:58 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht pfeifen

    Als schweizerisch-italienischer Doppelbürger gefällt mir dieser Titel überhaupt nicht. Glaube nicht, dass Italiener auf den Pass "pfeifen". Das liesse nämlich auf eine Ablehnung der Schweiz und der Integration schliessen. Habe eher den Eindruck, dass Italiener ihre Identität nicht gegen die Vorteile tauschen wollen, welche durch den Pass erhältlich sind. Man könnte wohl auch sagen, dass man nicht als Profiteure dastehen will, welche zwar den Pass haben, sich aber dennoch nicht integrieren. Integration hat nichts mit dem Besitz von Papieren zu tun, sondern mit der Einstellung gegenüber der CH.

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  • Österreicher am 19.02.2020 06:19 Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzgebung beachten

    Österreich erlaubt im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern keine Doppelstaatsbürgerschaften. Man müsste seine österr. Staatsbürgerschaft also abgeben. Das ist der Hauptgrund....

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  • Sepp am 19.02.2020 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    I glaubs net

    Warum sollte ein Österreicher ,Interesse an einem Schweizer Pass haben ???

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hugo am 19.02.2020 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    In die Hose

    gegangener Hetzversuch.

  • Nina M. S am 19.02.2020 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Es kommen sowieso immer noch zu viele ungebetene G

    Gebt jedem der sich in der CH anmeldet, den Schweizerpass, ohne die 10 Jahre Wartefrist. Einzige Bedingung, der alte Pass verschwindet.

  • popi am 19.02.2020 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Doch Logo

    Die untersten 4 der Einbürgerungsmuffel haben mit Garantie auch keine Schweizerfahne im Garten - LOL

  • lilli lustig am 19.02.2020 10:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jodelklup echo vom schütschtein

    klaro.... der kehreimer schweiz . je extremer desto besser. haubtsache CH .

  • CH'S am 19.02.2020 09:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Profiteure

    Die ohne Pass sollen endlich auch Militär leisten oder zumindest zahlen müssen. Besonders wer hier geboren ist. Sind doch alles profiteure.