Ohne davon zu wissen

12. August 2018 02:54; Akt: 12.08.2018 02:54 Print

Jede 5. Prostituierte hat Geschlechtskrankheit

Das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie ist alarmierend: In der Schweiz leiden 20 Prozent der Sexarbeiterinnen an einer übertragbaren Krankheit.

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Viele Prostituierte sind Trägerinnen von Tripper, Chlamydien und Syphilis. «Werden die Frauen nicht behandelt, besteht eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit», so Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen. Prostituierte arbeiten teils von temporärenSexsalons in Wohnungen aus. Ein solcher Fall ereignete sich Ende 2017 beim Albisriederplatz: Eine Zürcherin (30) hatte ihre Wohnung untervermietet und verreiste nach Hawaii. Statt selber einzuziehen, richtete ihr Untermieter Heiko S. in der Wohnung ein illegales Bordell ein. Eine Mitbewohnerin demonstrierte mit einem Flugblatt dagegen. Ihr Untermieter gab sich als seriöser Geschäftsmann aus. Trotz der Zunahme von Pop-up-Salons hat sich die Situation im Sexgewerbe beruhigt. Gemäss dem neusten Bericht über die Entwicklung des Prostitutionsgewerbes sei etwa auf dem ehemaligen Strassenstrich auf dem Sihlquai keine Prostitution mehr feststellbar. Auch habe sich gemäss Bericht zwischen 2015 und 2017 das Angebot des Strichplatzes Depotweg weiter etabliert. Pro Nacht arbeiten rund 20 bis 30 Prostituierte auf dem Strichplatz. Das sind weniger als früher am Sihlquai. Prostituierte als Piktogramm: Wegweiser zum Strichplatz und zu den Wohnmobilen, in denen Frauen anschaffen. 10er-Zone: Auf dem Strichplatz in Altstetten ist nur langsames Fahren erlaubt. Übersichtsplan: Die Freier werden im Kreisverkehr über den Platz geschickt. Unterstand, um sich zu präsentieren: Regenschutz und Sitzgelegenheit für die Prostituierten. Zufahrt über die Aargauerstrasse: Wegweiser zum Strichplatz, auf dem ... ... Einbahnverkehr gilt. Sollen für die Prostituierten die Sicherheit verbessern: Autoboxen für den Strassenstrich. Werbung für die Zielgruppe: Plakat der Aids-Prävention in der Sexbox. Die neue Infrastruktur erfordert neue Piktogramme: Strichplatzregeln in der grafischen Darstellung. Beratung vor Ort: Büro der Organisation Dora Flora.

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Die Konkurrenz im hiesigen Rotlichtmilieu ist gross. Mit Folgen für die Gesundheit der Frauen. Der Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, Pietro Vernazza, hat mit seinem Team über 600 Prostituierte auf sexuell übertragbare Infektionen getestet. Erste Resultate der noch unveröffentlichten Studie liegen der «SonntagsZeitung» vor und zeigen: Jede fünfte Sexarbeiterin hierzulande leidet an einer Geschlechtskrankheit, und zwar, ohne dass sie davon weiss.

Besonders häufig sind die Frauen Trägerinnen von Tripper, Chlamydien und Syphilis. HIV und Hepatitis fanden die Forscher praktisch nicht. Ob den Untersuchungsergebnissen ist der HIV-Spezialist trotzdem alarmiert. «Werden die Frauen nicht behandelt, besteht eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit», sagt er. «Freier können die Infektionen in ihre Familien tragen.»

Vernazza schlägt deshalb vor, den Prostituierten den Zugang zu Infektions-Tests zu erleichtern und sie finanziell zu unterstützen. Wegen Geldnöten suchen Prostituierte häufig spät ärztliche Hilfe. 300 Franken kostet die Suche nach den fünf verbreitetsten sexuell übertragbaren Krankheiten. Eigentlich. Erste Labors kommen Prostituierten oder NGOs entgegen. Vernazza freuts. «Würden Sexarbeiterinnen alle sechs Monate zum Test kommen, hätten wir schon viel erreicht», ist er überzeugt. «Denn einmal erkannt, lassen sich Tripper, Chlamydien und Syphilis rasch und effizient mit Antibiotika behandeln und heilen.»

(roy)