Sorgen der Lernenden

21. Juni 2019 04:51; Akt: 21.06.2019 14:28 Print

«Muss arbeiten, als wäre ich fertig mit der Lehre»

von P. Michel - Eine Umfrage zeigt, mit welchen Belastungen Lernende kämpfen. «Ich muss arbeiten, als wäre ich schon fertig mit der Lehre», sagt ein Automobilfachmann.

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Was bewegt Lernende während ihrer Berufslehre? Das will die Pädagogische Hochschule St. Gallen in ihrer Befragung «Lebenswelten» herausfinden. Ein erster, unveröffentlichter Zwischenbericht liegt nun vor. Die bereits ausgewerteten Daten von 953 Befragten aus der Ostschweiz aus den Berufen von Kauffrau über Heizungsinstallateur bis hin zur Polymechanikerin zeigen: Die Lehre ist für viele kein Zuckerschlecken.

So stimmen mehr als 60 Prozent der Lernenden der Aussage, bei der Arbeit häufig unter Zeitdruck zu stehen, mit «teilweise» bis «völlig» zu (siehe Grafik oben). Jeder Zehnte gibt an, es stimme völlig, dass er mehr Verschnaufpausen brauche. Die jungen Berufsleute sehen sich zudem mit grossen Ansprüchen konfrontiert: Mehr als die Hälfte findet, es stimme «teilweise» bis «völlig», dass an sie zu hohe Anforderungen gestellt würden.

In der Befragung äusserten sich die Lernenden auch konkret dazu, wie sie den Druck im Arbeitsleben wahrnehmen. Eine Auswahl:

«Ich muss arbeiten, als wäre ich fertig mit meiner Lehre. Ich darf zwar fragen, aber ich muss die Zeiten einhalten.»
- Automobilfachmann, 1. Lehrjahr

«Es ist viel Zeitmangel vorhanden, mit dem ich nicht immer klarkomme. Durch Personalmangel entsteht noch mehr Stress.»
Fachfrau Gesundheit, 1. Lehrjahr

«Es gibt keine Verschnaufpausen, ich muss konstant an vielen verschiedenen Aufgaben arbeiten. Viele Überstunden, den ganzen Tag weg von zu Hause sein.»
Grafikerin, 3. Lehrjahr

«Unter Zeitdruck arbeiten, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Allen gerecht zu werden, sei es den Patienten oder der Berufsbildnerin, Angehörigen und Lehrerinnen.»
Fachfrau Gesundheit, 2. Lehrjahr

Andrea Ruckstuhl betreut mit seinem Mentoringprogramm Jobcaddie Jugendliche, die mit dem Chef oder der Lehre allgemein Probleme haben. Der Eintritt in die Lehre stelle für Jugendliche, einen drastischen Einschnitt dar. «Sie wollen leisten – aber zum ersten Mal im Arbeitsleben zu stehen und plötzlich liefern zu müssen, kann auch zur Überforderung führen», sagt Ruckstuhl.

Wenig Zeit, sich einzuarbeiten

Dies habe aber generell mit dem gestiegenen Druck in der Arbeitswelt zu tun. «Ein Schreiner musste früher handwerkliches Können besitzen, heute muss er zwingend einen Computer bedienen können», so Ruckstuhl. «Diese Realität kann für viele trotz vorheriger Schnupperlehre ein Schock sein», sagt er. Hinzu komme der Zeitdruck, unter dem viele Betriebe stünden. Es bleibe wenig Zeit für Lernende, sich gründlich in eine Aufgabe einzuarbeiten. So stören sich laut Befragung auch mehr als 40 Prozent der Befragten daran, immer wieder bei der Arbeit unterbrochen zu werden.

Ruckstuhl beobachtet, dass die meisten Lehrvertragsauflösungen wegen Konflikten mit Mitarbeitern oder dem Chef erfolgten. Das sei wiederum auf den Druck zurückzuführen. Denn wenn die Berufsbildner gestresst seien, hätten sie auch kaum Zeit für die Lernenden – und die fehlende Hilfe führe bei den Jugendlichen zu Überforderung. Es sei nicht die Lehre, die von den Jugendlichen zu viel verlange, sondern die Betreuung sei oftmals nicht ausreichend, so Ruckstuhl.

20-Prozent-Pensum für Berufsbildner als Minimum

Die meisten Lehrverträge werden im ersten Lehrjahr aufgelöst: Es sind je nach Branche 20 bis 25 Prozent. «Wer als Berufsbildner das verhindern und eine gute Betreuung bieten will, muss ein 20-Prozent-Pensum aufwenden», findet Ruckstuhl.

Anja Gebhardt, Studienautorin und Bereichsleiterin Berufsbildungsforscherung am Institut Professionsforschung und Kompetenzentwicklung der PHSG, betont, dass es sich bei den Werten um die Selbsteinschätzung der Lernenden handle.

Lernende seien nicht zu belastet

Inwiefern der Druck real sei, sei nicht feststellbar. Auch sie vermutet aber, dass Lernende beim Lehreintritt zu viel zu schnell erfassen müssten. Insgesamt seien die Befragten aber nicht zu stark belastet in ihrer Lehre: Auf einer Skala von 1 bis 5 lag der Mittelwert beim Zeitdruck bei 2,84. «Die Ursachen für den erlebten Zeitdruck in der Berufsausbildung werden im weiteren Verlauf der Studie vertieft», sagt Gebhardt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John Wick am 21.06.2019 05:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich fühle mich...

    ...manchmal auch überfordert mit den Lehrlingen ;-)

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  • Igel am 21.06.2019 05:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoch und Tief

    Diese Probleme hatten wir auch. Und wir haben das gemeistert mit Fleiss und Einsatz. Wir sind weniger in Ausgang. Früh am Abend schlafen um am Morgen Fit für die Arbeit zu sein. Heute ist bei Vielen doch nur Chillen und Verweichlichung angesagt mit möglichst hohem Lohn ende Monat. Arbeitsleben ist kein Honiglecken.

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  • Arbeiter am 21.06.2019 05:05 Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu weich

    Die Jugendlichen sind es nicht mehr gewohnt, hart zu arbeiten. Sie fokussieren sich auf andere "wichtigere" Dinge. Die wenigsten schreiben sich auf, welche Hausaufgaben sie in der Berufsschule erledigen müssen, um 5:45 aufzustehen ist für sie schon zu viel, auf der anderen Seite wollen sie das neuste Handy, Strand-und Partyferien, bald einen Fachhochschulabschluss. Sie sollen zuerst lernen hart zu arbeiten!! Da sind die Eltern in der Pflicht. Prost Nägeli

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M. Meier am 22.06.2019 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin unendlich dankbar dass

    ich und viel andere vor etwa 40 Jahren hart ins Arbeitsleben einsteigen mussten. Wir wagten kaum den Chef um Ferien zu fragen. Mussten früh Verantwortung tragen und arbeiteten wöchentlich oft 50 Stunden. Die Chefs und Lehrer waren Respektspersonen. Niemand blieb umsonst zuhause. Heute wimmelts von Weichlingen und Memmen. Sie merkens nicht mal. In etwa 20 Jahren werden wir auf noch tieferem europäischem Niveau angelangt sein. Keine Chance das zu stoppen.

    • Pears am 22.06.2019 20:49 Report Diesen Beitrag melden

      @M.Meier

      Sie wagten kaum den Chef um Ferien zu fragen. Bedeutet dass denn nicht, dass sie auch ein Weichling und Memme waren?

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  • Sandro am 22.06.2019 15:14 Report Diesen Beitrag melden

    Das war leider schon immer so

    Lehrlinge sind vor allem billige Arbeitskräfte. Bereits in den 70/80ern wurde man 3-4 Jahre lang für einen Hungerlohn ausgebeutet und hat nix gelernt wenn man nicht selbst schaute.

  • Rico S am 22.06.2019 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Lernen mit Zeitdruck umzugehen

    Lasst das ja den Gesetzgeber nicht hören, sonst fängt er gleich an zu legiferieren. Eine herausfordernde Lehrstelle, die die Stifte auch den Zeitdruck spüren lässt, der die heutige Gesellschaft in der Arbeitswelt ausgesetzt ist, ist sicher kein Nachteil für die persönliche Entwicklung und die Herausforderungen des künftigen Berufslebens. Allenfalls kommen dann später noch die vielseitigen Herausforderungen einer eigenen Familie hinzu. Macht also nichts, wenn man rechtzeitig lernt, mit Druck umzugehen.

  • Peter S am 22.06.2019 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte entwicklung

    Seid einigen jahren beobachte ich wie die neuen lernenden immer träger werden, keine ahnung von qualität und ordnung haben, den unterschied zwischen sauber und dreckig nicht kennen und trotz zigmalem erklären mündlich schriftlich vorzeigen etc. Die arbeit nicht auf die reihe kriege, oft gehen die ersten beiden lehrjahre für erziehung drauf. Es ist richtig schwer geworden geignete lehrlinge zu finden. Hab oftmals schwächeren die chance gegeben, wurdenmit 4jahren stress belohnt. Ich denke viele sollten sich mal in den hintern klemmen.

  • Frontbericht am 22.06.2019 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Nehmt sie noch mehr in Schutz

    Hört mal auf zu jammern. Wir bilden sehr erfolgreich Lernende im Betrieb aus. Trotzdem muss euch sagen das von 10 Jugendlichen 7 unbrauchbar sind. Total nicht belastbar, leben in ihrer Instagram Welt. Wir spüren ganz klar das junge Menschen mit Migrationshintergründen die Eigenschaften für eine Lehre noch besitzten und wollen und noch auf die Zähne beissen können. Ganz klares Versagen der schweizer Eltern und Schulsystem ist die Wurzel. Werte fehlen den Lernenden. Wir hatten doch auch eine schwere Lehre und sind wir falsch rausgekommen? Nein !