Überstunden

03. September 2019 04:44; Akt: 03.09.2019 06:50 Print

Jeder 5. Angestellte arbeitet in der Freizeit

von P. Michel - Für viele hört die Arbeit nach Feierabend nicht auf: Um das Pensum zu schaffen, arbeiten 19 Prozent der Angestellten mehrmals pro Woche zu Hause weiter.

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Die Arbeit hört für viele vor der Haustür nicht auf: 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen gaben in der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundes an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in der Freizeit arbeiten, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen. Dabei zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Branchen: Während Lehrer, ... ... Bauern ... ... und Akademiker am meisten zusätzlich in der Freizeit arbeiten, sind Angestellte in der Industrie und der Verwaltung weniger betroffen. Lehrer haben die Möglichkeit, ihre Zeit flexibler einzuteilen als andere Berufe – das fördert aber auch die Selbstausbeutung», sagt Dagmar Rösler, Präsidentin des Lehrerverbandes. «Das akademische Personal vom Doktoranden bis zum Professor stempelt nicht – es wird erwartet, dass auch in der Freizeit gearbeitet wird», sagt Hans Rudolf Schelling, Präsident der Gewerkschaft VPOD Gruppe Uni Zürich. Einerseits sei die grosse Freiheit dieser Arbeitsweise ein Privileg, andererseits berge es die Gefahr von Burnouts. «Viele haben Angst, ihre Überzeit in der Freizeit anzumelden», so Schelling. Gerade im akademischen Bereich, wo die Abhängigkeit vom Vorgesetzten gross sei, wenn diese zugleich über die akademische Qualifikation bestimmten, sei das ein Problem. «Es ist aber trotzdem wichtig, die Stunden aufzuschreiben.» «Diese Stunden müssen in jedem Fall erfasst und dem Arbeitgeber rechtzeitig angezeigt werden, damit der Arbeitnehmende seinen Anspruch auf Entschädigung bzw. Kompensation der Überstunden auch beweisen und durchsetzen kann», sagt auch Caroline Hasler von Angestellte Schweiz.

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Die Lehrerin korrigiert am Wochenende noch eine Matheprüfung, die wissenschaftliche Mitarbeiterin brütet am Abend weiter über ihre Forschungsfrage, der Geschäftsleitungs-Assistent telefoniert am freien Tag mit dem Chef: Die Arbeit hört für viele vor der Haustür nicht auf. 21 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen gaben in der aktuellen Gesundheitsbefragung des Bundes an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in der Freizeit arbeiten, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen.

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Dabei zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Branchen: Während Lehrer, Bauern und Akademiker am meisten zusätzlich in der Freizeit arbeiten, sind Angestellte in der Industrie und der Verwaltung weniger betroffen.

Lehrer sind gefährdet, sich selbst auszubeuten

Dass Lehrer Hunderte Stunden in der Freizeit arbeiten, um den Unterricht pflichtbewusst vorzubereiten oder die aufwendige Elternarbeit zu meistern, stellte der Lehrerverband jüngst in einer Umfrage fest. Er forderte deshalb die Senkung der Pflichtlektionenzahl und mehr bezahlte Zeit für Elternarbeit. «Lehrer haben die Möglichkeit, ihre Zeit flexibler einzuteilen als andere Berufe – das fördert aber auch die Selbstausbeutung», sagt Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Die Zahlen sind für sie keine Überraschung: «Wer seinen Job gut machen will, kommt um Arbeit in der Freizeit fast nicht herum.»

Ähnlich tönt es bei den Akademikern. «Das akademische Personal vom Doktoranden bis zum Professor stempelt nicht – es wird erwartet, dass auch in der Freizeit gearbeitet wird», sagt Hans Rudolf Schelling, Präsident der Gewerkschaft VPOD Gruppe Uni Zürich. Einerseits sei die grosse Freiheit dieser Arbeitsweise ein Privileg, andererseits berge es die Gefahr von Burnouts.

Abgeltung ist möglich – Angestellte trauen sich nicht

Eher verschont von Freizeit-Einsätzen bleiben Verwaltungsangestellte und Industrie-Mitarbeiter. «In der Industrie ist die Arbeit oft an Ort an einer Maschine zu erledigen, da kann man kaum in der Freizeit schnell noch was machen», sagt Dieter Egli von der Gewerkschaft Syna. Die spontane Mehrarbeit in der Freizeit mit einer Pauschale – etwa analog einer Spesenpauschale – abzugelten, fände er problematisch. Wichtig sei, dass die Angestellten sich trauten, ihre Zusatzarbeit in der Freizeit auch beim Arbeitgeber anzumelden und entschädigen zu lassen – inklusive Wochenendzuschläge.

Dafür plädiert auch Hans Rudolf Schelling: «Viele haben Angst, ihre Überzeit in der Freizeit anzumelden.» Gerade im akademischen Bereich, wo die Abhängigkeit vom Vorgesetzten gross sei, wenn diese zugleich über die akademische Qualifikation bestimmten, sei das ein Problem.«Es ist aber trotzdem wichtig, die Stunden aufzuschreiben und mindestens Kompensation zu verlangen.» Denn sonst mache die Vermischung von Arbeit und Freizeit krank, und die Angestellten seien ständig mit dem Kopf bei der Arbeit. Auch Christine Michel von der Unia sagt: «Es braucht ein Recht auf Nichterreichbarsein.»

Nur wer Stunden aufschreibt, hat Beweise

Damit dies klappt, ist laut Caroline Hasler, Arbeitsrechtlerin beim Verband Angestellte Schweiz, eine genaue Dokumentation der Arbeit während der Freizeit nötig. «Es kommt in unserer digitalen Arbeitswelt öfters vor, dass Arbeitnehmende auch während ihrer Freizeit arbeiten. In der Regel sind dies dann Überstunden, die aus betrieblichen Gründen notwendig sind.» Betrieblich notwendig seien Überstunden beispielsweise dann, wenn ein Projekt auf einen bestimmten Termin abgeschlossen werden müsse.

«Diese Stunden müssen in jedem Fall erfasst und dem Arbeitgeber rechtzeitig angezeigt werden, damit der Anspruch auf Entschädigung oder Kompensation der Überstunden auch bewiesen und durchgesetzt werden kann.» Nicht nur müsse das Arbeitsgesetz eingehalten werden, sagt Hasler: «Über einen längeren Zeitraum zu leistende Überstundenarbeit ist nicht zumutbar für den Arbeitnehmenden und gefährdet dessen Gesundheit.»

Ständige Überstunden müssen gemeldet werden

Wichtig sei es deshalb, dem Chef frühzeitig zu melden, wenn der eigene Job nicht im vorgesehenen Pensum erledigt werden könne. «Meldet der Arbeitnehmende die Überstunden dem Arbeitgeber nicht, so könnte der Chef sagen, dass die Überstunden nicht notwendig gewesen seien und die Überstunden-Ansprüche aus der Freizeit ablehnen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Will Tell am 03.09.2019 06:01 Report Diesen Beitrag melden

    Geben und nehmen

    Geben und nehmen. Ich arbeite als Informatiker regelmässig in der Freizeit ind zwar freiwillig und ohne es aufzuschreiben. Dafür achte ich aber auch nicht darauf, ob die Kaffeepause mal länger ausfällt. Es muss sich einfach insgesamt okay anfühlen.

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  • Ima Gun Di am 03.09.2019 05:51 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld ...

    Viele können mit sich ausserhalb der Arbeitswelt nichts anfangen. Kenne genug, die am liebsten 24h arbeiten würden. Diese merken erst spät, dass man sie hier nur ausnutzt. Dann werden sie depressiv. Persönliche Hygiene (der Seele, nicht des Körpers) ist ein Bestandteil von langfristigen Erfolg - Work-Life Balance.

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  • Vertigo am 03.09.2019 05:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lehrpersonal kann sich doch die Zeit einteilen

    Das Beispiel mit den Lehrern finde ich absurd. Wenn kein Unterricht ist und in den vielen Ferien kann man doch kaum von übermässige Überstanden reden. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • not your hubby am 04.09.2019 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    schade

    beleidigen zu wollen aber es stimmt halt doch. je länger je mehr fällt auf, die schweiz ist ein armes, reiches land. die meisten länder rundherum sind wesentlich ärmer, die leute aber wesentlich erfüllter und somit glücklicher. da muss man sich auch nicht durch den lohn oder die arbeit definieren. sehr schade. es gibt ein passendes sprichwort dazu : die, die hunger haben, haben keine zähne, die die zähne haben, haben keinen hunger.

  • Christa am 04.09.2019 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Ja genau, Sie täuschen sich! Es gibt viele obligatorische Anlässe neben der Unterrichtszeit, die dazu führen, dass man entweder zu wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts hat oder zuviel arbeitet. Zu Gunstern der Schülerinnen und Schüler wird meist die zweite Variante gewählt ....

  • Lebensüberstunden am 04.09.2019 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Untrend

    Allein der Ausdruck "Work-Life-Balance" macht bereits klar, dass es sich hier um zwei völlig unterschiedliche Dinge handelt. Die einen verstehen nur von letzterem nichts mehr.

  • Kroko am 04.09.2019 09:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warten ist Gold

    Ich, Kroko Choco Lato, bescheinige hiermit, dass ich nicht in meiner Freizeit arbeite. Denn dann ist meine Familie mein Boss und meine 35 Mitarbeiter im Geschäft müssen warten bis ich wieder zurück bin.

  • Kritiker S. am 04.09.2019 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Projektleiter

    Ich bin Projektleiter und habe regen Kundenkontakt. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich auch mal am Abend noch ein Mail von zu Hause aus beantworten muss, wenn z.B. meine US Kunden am arbeiten sind. Als Projektleiter wird auch erwartet, dass man sich wenn immer nötig um seine Projekte kümmert. Es ist ja keine Maschine die man am morgen startet und am Abend stoppt.

    • Susi am 04.09.2019 10:04 Report Diesen Beitrag melden

      @Kritiker S.

      Daumen runter gibt es von den Leuten die das nicht verstehen (können oder wollen). Ich arbeite auch in einem internationalen Umfeld und Meetings mit den Chinesen sind halt am Morgen und die mit den Amis am (späten) Nachmittag, das ist nicht jeden Tag so, aber wenn es halt so ist, reichen die normalen 8h halt nicht. Man kann die Meetings natürlich auch ablehnen wenn es mal nicht passt, aber dauernd ist ein no go.

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