Mit Pfefferspray bewaffnet

20. September 2019 09:51; Akt: 20.09.2019 13:24 Print

Jeder Dritte hat nachts Angst im ÖV

Eine neue Studie zeigt: Obwohl die Kriminalität in der Schweiz zurückgeht, wächst die Furcht davor.

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Seit 2012 geht die Kriminalität in der Schweiz de facto zurück. Aber über die Hälfte der Bevölkerung befürchtet das Gegenteil. Jedem Dritten wirds nachts mulmig in öffentlichen Verkehrsmitteln und jeder Sechste trägt Pfefferspray oder andere Abwehrwaffen mit sich.

An den unmittelbaren Erfahrungen kann es nicht liegen, denn nur ein verschwindender Prozentsatz der Befragten ist in den zwölf Monaten vor der Umfrage mit Verbrechen in Berührung gekommen: 6 Prozent wurden bestohlen, 2,1 Prozent körperlich verletzt, 0,4 Prozent beraubt, 0,2 Prozent vergewaltigt. Über ein Zehntel war von Sachbeschädigung betroffen, 11,5 Prozent von Cyberkriminalität, dem Spitzenreiter bei den Auskunftspersonen.

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Je rechter, je ängstlicher

Das geht aus einer Befragung über Kriminalitätsopfererfahrungen und Kriminalitätswahrnehmung hervor, welche die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchführte. Im Frühjahr 2018 verschickten die Forscher um Studienleiter Dirk Baier 10'000 Fragebögen an zufällig ausgewählte erwachsene Frauen und Männer in der Schweiz. 2111 Leute füllten das Dokument aus - laut Mitteilung der ZHAW vom Freitag eine übliche Rücklaufquote.

Warum verkennen über 50 Prozent der Bevölkerung die Tatsache, dass die Schweiz sicherer geworden ist. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind gemäss den Studienautoren Medienkonsum und politische Einstellung.

Häufiger Konsum privater Fernsehsender verstärkt die Furcht, der Konsum von überregionalen Tageszeitungen reduziert sie, haben die Forscher herausgefunden. Geschürt werden Ängste vor Verbrechen auch von rechten Parteien: «Je weiter rechts sich Befragte verorten, umso eher sind sie der Meinung, dass Kriminalität ein Problem ist und umso eher werden höhere Strafen gefordert», lässt sich Baier im Communiqué zitieren.

Misstrauen und Differenzierung

Die Abwehrhaltung geht dabei häufig über das übliche Mass an Misstrauen hinaus: Unter den Bevölkerungsgruppen, denen am ehesten Böses unterstellt wird, stehen Ausländer an erster Stelle. 51,9 Prozent der Befragten finden, in der Schweiz lebten zu viele Menschen aus anderen Herkunftsländern. 27,9 Prozent der Auskunftspersonen sind sogar der Meinung, Musliminnen und Muslimen sollte die Zuwanderung in die Schweiz untersagt werden. Und 12 Prozent bekennen sich offen zur Homophobie.

Eigenwillig ist zum Teil auch die Differenzierung der Befragten zwischen illegalen und legalen Handlungen: Acht von zehn Schweizern finden, erzwungener Geschlechtsverkehr in der Ehe, schnelles Autofahren, Betrug bei der Steuererklärung, Ladendiebstahl, Fahren unter Alkoholeinfluss und Schwarzfahren seien zu Recht verboten. Schwangerschaftsabbruch und Alkoholmissbrauch halten sie dagegen für tolerierbar.

Ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Befragten sprach sich für die Legalisierung von Rauschmitteln aus: 54,1 Prozent fanden, Kiffen sei legal, 23,8 Prozent waren der Meinung, auch Kokainkonsum sollte erlaubt sein.

(sda)