Sozialdarwinismus

09. November 2018 05:45; Akt: 09.11.2018 05:45 Print

Jeder Fünfte fühlt sich als Schweizer überlegen

Aussagen wie «Weisse sind zu Recht führend» oder «Schweizer sind von Natur aus überlegen» finden Zuspruch. Experten erklären, was dahintersteckt.

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Nationalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sind unter 17- und 18-Jährigen verbreitet: Laut der ZHAW-Extremismusstudie stimmen 19,1 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund der Aussage zu, dass die Schweizer «von Natur aus anderen Völkern überlegen» seien.

Der Zuspruch für ausländerfeindliche und rassistische Aussagen begründet Giorgio Andreoli von der Fachstelle Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus einerseits mit der intensiven Zuwanderungsdiskussion sowie mit der Angst vor sozialem Abstieg (siehe Interview).

«Populismus machte Aussagen salonfähig»

«Ausländerfeindliche und sozialdarwinistische Haltungen entstehen aus der Überzeugung heraus, dass wir unseren Wohlstand aufgrund angeborener Tugenden wie Fleiss oder Pünktlichkeit verdient haben und deshalb ‹fitter› sind als andere», ergänzt Miryam Eser, die an der ZHAW zu Extremismus forscht. Ein Grund für die relativ hohen Zustimmungswerte sei vermutlich, dass Positionen wie «Schweizer sind von Natur aus überlegen» oder «die Weissen sind zu Recht führend» im Gegensatz zu Deutschland hierzulande nicht so verpönt seien. Ein weiterer Faktor sei der Populismus, der radikale Positionen gegenüber Ausländern salonfähig gemacht habe, sagt Eser.

Die Studienautoren weisen auf weitere Gründe für rechtsextreme Einstellungen hin. So wünschen sich Befragte, die ausländerfeindlichen und rassistischen Aussagen zustimmten, ebenfalls «führende Köpfe, die uns genau sagen, was wir tun sollen». Dieser Hang zum Autoritarismus ist laut den Autoren auf autoritäre Erziehung zurückzuführen. Die dadurch angestaute Aggression werde dann auf «Andersartige und Schwächere verschoben». Ebenfalls gibt es Hinweise darauf, dass grundsätzlich Extremisten jeglicher Strömung empfänglich für «Verschwörungmentalitäten» sind.

Ist den Jugendlichen die Radikalität ihrer Aussagen bewusst?

Für Studienautor Dirk Baier liegt hinter der Abwertung anderer Nationalitäten ein einfacher psychologischer Prozess: «Man sagt sich: ‹Ich gehöre zu einer Gruppe, die mehr wert ist als andere Gruppen.› Menschen sind keine isolierten Wesen, sondern sie möchten sich Gruppen zugehörig fühlen.»

Die Tragweite ihrer Aussagen sei vielen Jugendlichen aber wohl nicht bewusst, sagt Baier: Es geht den meisten Jugendlichen um die Selbstaufwertung. Dass darin eine Abwertung und Herabsetzung des Anderen steckt, ist den Jugendlichen nicht unbedingt bewusst.»

Die Studie zeigt auch, dass Fremdenfeindlichkeit auch bei Personen mit Migrationshintergrund vorkommt. Mit 10,9 Prozent liegt der Wert jener, die fremdenfeindlichen Aussagen zustimmen, jedoch um mehr als die Hälfte tiefer als bei jenen ohne ausländischen Wurzeln. Am meisten Zustimmung für ausländerfeindliche Aussagen äusserten in der Studie die Italiener mit 16,7 Prozent. Am tiefsten lag der Wert bei den Bosniern mit 4,3 Prozent.

Warum können auch Migranten ausländerfeindlich sein?

Andreolis Erklärung: «Wenn eine Person sich selbst in einem fremden Land befindet und gewisse Integrationsleistungen erbracht hat, dann kann es zu Abgrenzungen zu anderen Personen, die noch nicht so weit integriert sind, kommen. Andere ‹Fremde› können dann als Bedrohung wahrgenommen werden.»

(pam/nk)