Tränen in der Klinik

07. Januar 2016 09:49; Akt: 07.01.2016 09:49 Print

Jeder vierte Arzt weint vor Patienten

Ärzte, die in Tränen ausbrechen – laut einer Umfrage kommt dies unter Medizinern häufig vor. Doch ist das noch professionell? Schweizer Ärzte erzählen.

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Von Gefühlen übermannt: Das passiert Ärzten teilweise auch in Anwesenheit ihrer Patienten. (Bild: Fotolia)

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Bei Ärzten wird viel geweint. Menschen brechen in Tränen aus, wenn sie eine schlimme Diagnose bekommen, wenn sie erfahren, dass ihr Partner unheilbar krank ist, oder wenn sie ihr Kind verlieren. Doch es sind nicht immer nur die Patienten, die weinen. Manchmal bricht auch der Arzt in Tränen aus.

Wie häufig dies passiert, haben Psychologen von der niederländischen Universität Tilburg untersucht. Insgesamt wurden 776 Ärzte befragt. 48 Prozent gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres am Arbeitsplatz geweint zu haben. Knapp 26 Prozent taten dies sogar vor den Patienten, schreibt die «Deutsche Ärztezeitung».

«Mir sind schon die Tränen in die Augen geschossen»

In der Schweiz werden Ärzte nur darauf geschult, wie man eine schlechte Nachricht überbringt. «Ob und wann wir weinen dürfen, wird uns nicht beigebracht», sagt Alexander Kiss, Chefarzt Psychosomatik am Unispital Basel. Wirklich geheult habe er selbst noch nie vor einem Patienten. «Aber mir sind auch schon die Tränen in die Augen geschossen.» Er habe damals ein Kind behandelt, das schwer krank war.

Doch darf ein Arzt das? «Das kommt drauf an: Einerseits, wie der Patient die Tränen interpretiert, und andererseits, weswegen ein Arzt weint.» Tue er dies aufgrund privater Probleme, indem er sich quasi beim Patienten ausheule, sei das ein absolutes No-go. «Das ist unprofessionell im höchsten Masse», so Kiss.

Wenn ein Arzt aber von Mitgefühl übermannt werde und dem mit ein paar Tränen Ausdruck verleihe, sei das menschlich und verzeihlich. «Solange es nicht zur Norm wird, denke ich, darf ein Arzt auch einmal vor einem Patienten weinen.» Grundsätzlich sei aber eine respektvolle Distanz empfehlenswert. Ärzte müssten auch lernen, sich abzugrenzen.

Unfallchirurgie vs. Gynäkologie

Natürlich spiele es auch eine Rolle, wo ein Arzt tätig sei. «Auf der Unfallchirurgie oder im Notfall darf man die Contenance nicht verlieren, das wäre verheerend.» Studien zeigten jedoch, dass beispielsweise auf der Kinderonkologie, wo rund 20 Prozent der Patienten sterben, das Thema Trauer und Tränen unter Ärzten öfter zur Sprache komme.

Dass die Fachrichtung eine grosse Rolle bezüglich Tränen am Arbeitsplatz spielt, glaubt auch Gudrun Theile, Oberärztin Palliative Care am Unispital Zürich: «Ich kann mir vorstellen, dass in der Gynäkologie – beispielsweise vor Rührung bei einer Geburt – hin und wieder eine Träne fliesst und dies auch akzeptiert ist.»

«Mitweinen ist häufige Ursache für Tränen»

Aber auch wenn es um kranke Kinder gehe, seien Tränen schneller einmal da. Gerade eben habe ihr eine Kollegin erzählt, dass sie in einem Familiengespräch, das eine junge sterbende Patientin betraf, kurz weinen musste. Der Grund sei die kleine Tochter gewesen, die in diesem Gespräch plötzlich ihre bisherige nach aussen dargestellte Gleichgültigkeit verloren und selbst heftig zu weinen angefangen habe.

«Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Mitweinen noch eine der häufigeren Ursachen für ärztliche Tränen ist», sagt Theile. Trotzdem gebe es Grenzen: Es entspreche wohl keiner professionellen Haltung mehr, wenn dieses Weinen in ein schluchzendes Jammern übergehe. «Dann besteht eine zu grosse Identifikation mit der Situation des Patienten, die ein professionelles Handeln erschwert.»

«Patienten schätzen meine emotionale Art»

Hausärztin Eva Kaiser sieht die Sache gelassen: «Ich bin nah am Wasser gebaut und stehe dazu.» Sie habe extra eine psychosomatische Ausbildung gemacht, um mehr über den Umgang mit Nähe und Distanz zum Patienten zu lernen. «Es hat sich für mich herausgestellt, dass meine emotionale Art ein Plus ist, das zumindest meine Patienten sehr schätzen.» Kaiser hat die Erfahrung gemacht, dass ihr gelegentliches Mitweinen und ihre starke Anteilnahme von ihren Patienten als «echt» wahrgenommen werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simon am 07.01.2016 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das professionell?

    Professionell hin oder her, es ist menschlich.

    einklappen einklappen
  • Dr.Feelgood am 07.01.2016 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Also die Lebensqualität nimmt sicher zu

    wenn man Mitgefühl und Menschlichkeit erfährt. Das schafft keine Pille..

  • Lucas am 07.01.2016 09:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja klar ist das Professionel

    Aertze sind Menschen und dürfen wie Patienten Gefühle zeigen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mel S am 07.01.2016 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschlich

    Das ist sowas von ok. Passiert mir als Pflegefachfrau nach 20 Jahren immernoch. Ein gutes Zeichen dafür, dass man eben nicht "abstumpft" mit der Zeit. Mensch bleibt Mensch der Titel bezieht sich auf den Beruf. Nicht auf die Seele.

  • speakthetruth am 07.01.2016 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Vor Patienten nie

    Vor Patienten nehme ich mich immer zusammen. Abends zu Hause sieht die Situation anders aus, da ist oft viel Frust, Trauer, Wut und Verzweiflung vorhanden, stundenlang grüble ich über Situationen nach, aber meine Patienten erfahren nie etwas davon, sie sollen nicht den Eindruck erhalten, dass sie mich belasten. Ich werde z.T. als sehr kühl kritisiert, aber das ist keineswegs meine Natur ich versuche wirklich nur die Patienten zu schützen.

  • Fränzi am 07.01.2016 14:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Menschliche Geste

    Schön, dass Ärzte menschlich sind. Leider sind zuviele schon abgebrüht.

  • Pflege am 07.01.2016 13:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SRK

    Natürlich dürfen Ärzte auch weinen aber ich hoffe doch das er sich schon vor meinem Besuch bei ihm meine Krankenakte gelesen hat!!Ich arbeite in einem Altersheim in der Pflege und logisch geht einem der Tod eines Bewohners auch zu Herzen. Weinen tu ich zu Hause in meinen vier Wänden weil ich bei der Arbeit echt keine Zeit dafür habe!!

  • Joline am 07.01.2016 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Positiv

    Mitfühlende Ärzte sind Menschen, welche den Patienten nicht nur als Nummer sehen, sondern ebenfalls als Menschen. Das ist sehr wohl positiv.