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22. September 2015 13:07; Akt: 22.09.2015 13:07 Print

Jeder vierte Lehrling ist unzufrieden

Viele Junge sind laut einer Studie mit ihrer Lehre nicht zufrieden. Besonders schwierig sei es in Kleinbetrieben, wo Lehrlinge oft nicht genug betreut würden.

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Gut 70‘000 junge Schweizer treten jedes Jahr eine Lehre an. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag des Lehrstellenportals Yousty.ch zeigt jetzt, wie glücklich Schweizer Lehrlinge mit ihrem Job sind. Das Ergebnis fällt laut den Studienautoren «ernüchternd» aus: Auf einer Skala von 1 bis 6 erhalten die Lehrbetriebe von ihren Stiften im Schnitt die knapp genügenden Noten 4,3 (Männer) respektive 4,2 (Frauen). Ein Viertel der Lehrlinge ist unzufrieden.

Schuld sind etwa ein schlechtes Betriebsklima oder langweilige Tätigkeiten. Immerhin: Fast 80 Prozent der befragten 4968 Lernenden gehen davon aus, dass sie mit ihrer Lehre besser oder eher besser für den Arbeitsmarkt gerüstet sein werden als mit einem Uni-Abschluss.

Die Online-Studie kommt zudem zum Schluss, dass Schweizer zufriedener sind als Ausländer. Oft seien Ausländer bei der Lehrstellensuche durch Sprachbarrieren oder Diskriminierung benachteiligt, so die Autoren. Grosse Unterschiede gibt es zwischen den Branchen: Besonders glücklich sind die Lehrlinge der Banken- und Versicherungsbranche, besonders unglücklich jene in Reinigungsunternehmen.

Lehrlinge in Kleinstbetrieben eher unzufrieden

Während Lehrlinge in grösseren Betrieben meist zufrieden sind, ist die Stimmung in Kleinstbetrieben öfter mies: Die Stifte in Kleinstbetrieben (unter zehn Angestellte) bewerten ihre Zufriedenheit mit der ungenügenden Note 3,9. Die Autoren der Studie machen die Unternehmensstrukturen dafür verantwortlich. In Kleinstbetrieben sei oft der Chef allein für den Lehrling verantwortlich und habe keine Zeit, sich neben der Unternehmensführung auch noch um die Ausbildung zu kümmern.

Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler nimmt die KMU allerdings in Schutz. Er sieht die direkte Einbindung in das Unternehmen auch als Vorteil: «In Grossbetrieben gibt es ganze Abteilungen, die sich um Lehrlinge kümmern. Diese sind dann oft eher in einer geschützten Werkstatt», so Bigler. In den Kleinbetrieben sei man oft direkter dem Markt ausgesetzt, was vielleicht die Lehrlinge mehr in die Pflicht nehme, aber ihnen langfristig nütze, da man sie so auf die Arbeitswelt vorbereite.

«Oft werden Lehrlinge als billige Arbeitskräfte missbraucht»

In den Augen der Juso liegt ein Grund für die Unzufriedenheit von Lehrlingen aber auch darin, dass diese oft als «billige Arbeitskräfte missbraucht» würden. «Sie müssen Kaffee holen oder putzen. Das ist sicher nicht Sinn einer Berufslehre», so Präsident Fabian Molina.

Die Jungpartei ist deshalb bereits aktiv geworden und sammelt Unterschriften für eine Petition, die Lehrlinge in Unternehmen besserstellen soll. So fordert die Jungpartei zum Beispiel einen Mindestlohn für Lehrlinge, ein Verbot von berufsfremden Arbeiten und ein Sorgentelefon für frustrierte Lehrlinge. Bereits 12'000 Leute haben die Petition unterzeichnet. Sie soll Ende Oktober dem Nationalratspräsidenten Stéphane Rossini abgegeben werden.

Domenica Mauch von der Lehrstellenplattform yousty.ch rät derweil zu einer genauen Information vor Lehrstellenantritt, um Frustration mit der eigenen Lehrstelle zu vermeiden. Auch eine Schnupperlehre könne hilfreich bei der Wahl der richtigen Lehrstelle sein. Zahlreiche Firmen würden diese auf yousty.ch anbieten. So liessen sich bereits viele Konflikte vermeiden. «Tritt während der Lehre ein Problem auf, sollte man das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen», so Mauch. Hilfe gebe es auch bei der Berufsberatung oder bei Pro Juventute.

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • mimo am 22.09.2015 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lehrjahre sind keine herrenjahre!

    ich hab im 4. Lehrjahr kundenspezifische projekte abgewickelt die über 1 mio gekostet haben und trotzdem musste ich jeden Freitag die mülleimer im büro leeren. ja mein gott, davon sterbe ich nicht! als polymech darfst du in der schnupperlehre auch fräsen und dann im 1. lehrjahr 2 mt. mit der feile am schraubstock stehn. man lernt halt erst krabbeln und dann laufen, also heult nich rum, wo es nicht nötig ist!

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  • Heinz am 22.09.2015 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    wäre auch zu erfahren, wie zufrieden die Betriebe heutzutage mit ihren Lehrlingen sind!

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  • papierlischweizer am 22.09.2015 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    so ist das leben

    da kann ich nur sagen: willkommen im leben!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Schweizer Bürger am 23.09.2015 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig aber wahr

    Eine Lehrstelle zu finden ist wie in ein Supermarkt zu gehen und etwas einzukaufen. Die Lehrstellen werden einem hinterher geworfen. Nur nach der Lehre dann wird man aus der Firma rausgeworfen. Dann lässt man noch die ganze Frust am ehemaligen Lehrling raus und fertig. So läuft es in den Firmen, ich bin der Meinung gegen solche Firmen sollte man ein Lehrlingsausbildverbot verhängen. Das würde diesen Firmen richtig weh machen. Dann haben sie niemanden mehr zu ausnützen. Wer jemand ausbildet sollte sich verpflichten den ausgebildeten lehrling mindestens 2 Jahre noch in seinem Betrieb behalten.

  • babs am 23.09.2015 08:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lehre

    es hat sich doch nichts geändert früher war man genau so unzufrieden wie heute auch stellt euch nicht immer besser hin als es war unsere jungen werden in ein paar jahren das selbe behaupten so ist es und so wird es immer sein ha ha

  • Lia am 23.09.2015 06:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was würdet Ihr ihm raten?

    Eine Frage in die Runde hier: Was ratet Ihr einem 20 jährigen Schweizer mit kosovarischen Wurzeln der vor zwei Jahren die Lehre als Detailhändler abgeschlossen hat und seither keine Stelle findet? Was rädt man so einem?

    • Schweizer am 23.09.2015 10:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Arbeit

      Was ratet ihr einem 25-jährigem Schweizer, der mit Mittelschule und einer sehr gut abgeschlossenen Lehre keine Arbeit findet??

    • Schweizer Bürger am 23.09.2015 14:09 Report Diesen Beitrag melden

      Man muss einfach alles sehen

      @Lia Mal hinterfragen warum er keinen Job findet. Es liegt nicht immer daran weil er Kosovare ist. Und es gibt viele Jobs die offen sind dann muss man halt mal vom Detailhandel abschwenken und Praktikums in anderen Bereichen aufsuchen (Bau, Gastgewerbe, etc) die suchen immer Leute und das wirkt sich auch positiv auf die zukünftige Stellensuche aus. Das hat mir viel gebracht ich konnte an 3 Orten anfangen, in meinem gelernten Beruf.

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  • Aladin Burger am 23.09.2015 02:41 Report Diesen Beitrag melden

    Die Realität sieht düsterer aus

    Schön, dass das auch mal jemand erkennt. Traurig, dass man dazu eine Online-Studie braucht. Ich würde sagen, es ist in der Realität eher so, dass 50% unzufrieden sind. In diesem Alter hat man noch keine so ausgeprägte Persönlichkeit und man hat noch die jugendliche Naivität und Hoffnung, dass alles besser wird. Mit einer Lehre wird man zu Arbeitstieren und Konsumenten erzogen. Schade, dass dies kaum erkannt, und schon gar nicht darüber gesprochen wird.

  • Lili am 22.09.2015 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kleine betriebe

    Ich habe meine lehre in einem kleinen Betrieb gemacht,und bin mega dankbar dafür und ist klar man muss mehr arbeiten und wird auch mehr kontroliert als in einen grossem Betrieb aber man lernt viel mehr.Ich bilde selber heute lernende aus und was mich immer ertaunt ist dass einige Eltern die Kids nicht vorbereiten und wenn man mehr verlangt,dann kommen die Eltern und sagen es sind nur Kinder.Aber wenn die Eltern die Kindern vorbereiten könnten dass nicht alles lauft nach seine nase und dass man gewisse Arbeite machen muss weil es gehört zu der Lehre dazu.Dann wären die Jungen motivierter.