Unreife Kinder

18. Juni 2014 10:25; Akt: 18.06.2014 10:29 Print

Jetzt braucht es schon Vorkurse für den Chindsgi

von D. Pomper - Weil viele Kinder im Kindergarten überfordert sind, bieten Gemeinden davor Vorbereitungskurse an. Dort lernen sie zuzuhören und nicht zu drängeln.

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Der vierjährige Kindergärtler Mario kann noch nicht allein auf die Toilette. Will Tanja trinken, drängelt sie vor, stösst ihre Kameradin vom Lavabo weg und haut ihr wenn nötig auch noch eins. Chayenne fängt an zu weinen, wenn sie mit ihrem Gspänli über das Rasen-Bort hinuterrennen soll, statt wie gewohnt auf der geteerten Strasse.

Solche Szenen ereignen sich in Schweizer Kindergärten immer häufiger. «Unser Kindergartenalltag ist ein Abbild der Gesellschaft, die sich verändert hat», sagt Ruth Fritschi vom Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband.

Auf diese Veränderung reagieren nun viele Schweizer Gemeinden in Kooperation mit gemeinnützigen Institutionen, Vereinen und Schulen mit Projekten.

In Aarau etwa gibt es nun einen Vorbereitungskurs für den Kindergarten, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet. Dort lernen die drei- bis vierjährigen Kinder neue Regeln, kneten Figuren, malen mit Stiften und übernehmen in der Gruppe kleine Aufgaben. Jedes Kind erhält einen «Bildungskoffer» mit Spiel- und Bastelmaterial, das zu Hause zum Üben verwendet werden soll. Auch Informationen für Eltern sind darin enthalten.

«Man merkt genau, wer in der Spielgruppe war und wer nicht»

Auch das Zürcher Volksschulamt und der Zürcher Lehrerverband haben erkannt, dass es Schwierigkeiten mit speziellen Kindern mit einem hohen Betreuungsgrad gibt. Deshalb gibt es in mehreren Zürcher Gemeinden sogenannte Spielgruppen Plus, die subventioniert sind. Diese richten sich an Kinder ab drei Jahren mit Migrationshintergrund.

«Dort lernen sie nicht nur die Sprache, sondern auch basteln, zeichnen, kleben oder malen und soziale Kontakte, die viele von ihnen gar nicht haben», sagt Brigitte Fleuti, Präsidentin des Zürcher Kindergartenverbands. Auch typisch schweizerische Rituale würden ihnen nähergebracht: «Wir sitzen im Kreis und zelebrieren ein gesundes Znüni.» Das Konzept sei ein grosser Erfolg: «Man merkt genau, wer in der Spielgruppe war und wer nicht.» Auch Schweizer Eltern würden deshalb aufgefordert, ihre Kinder in die Spielgruppe zu schicken.

Eltern miteinbeziehen

In St. Gallen gibt es Spiki («von Spielgruppen in den Kindergarten») – ein Angebot im Rahmen der frühen Förderung, das von der Stadt subventioniert wird. «Die Entwicklungsunterschiede bei den Kindern sind teilweise gross. Mit dem Spiki-Angebot wird die Zeit vor dem Kindergarten genutzt, die Kinder entsprechend zu fördern, zu unterstützen und ihnen eine anregende und verlässliche Lernumwelt zu bieten. So soll die Chancengerechtigkeit im Hinblick auf die Schullaufbahn verbessert werden», sagt Claudia Wiedemann Zaugg vom Amt für Gesellschaftsfragen der Stadt St. Gallen.

Auch auf Elternbildung wird Wert gelegt: «Die Eltern und erziehungsberechtigten Personen haben eine Schlüsselrolle als Bezugspersonen eines Kindes, so dass wir Wert darauf legen, sie in ihren Kompetenzen mittels Einbezug in die Spielgruppe zu unterstützen und zu stärken.»

Lesen Sie im zweiten Teil: «Achtung, darum versagt Ihr Kind im Kindergarten»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Iwan Flury am 18.06.2014 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    In Abrahams Schoss, mit Watte umwickelt

    Liebe Eltern, last doch die Kinder Kinder sein, nicht immer pass auf, das solltest du nicht und dies auch nicht und sowas sowieso nicht! Wenn ein Kind hinfällt, dann fällt es hin, etwas "Heile, heile säge" einen Kuss darauf und gut ist... Aber welche Mutter hat dafür noch Zeit? Lieber die Kinder einsperren oder draussen an sich fesseln. Keine Eigenverantwirtung, kein isiko, keine Selbstständigkeit. Darum sind viele im Kindergarten überfordert... aber dafür ist ja die Lehrerin da, um dieses Manko zu beheben, um wenn der Kindergarten aus ist, holen wir unsere Kinder mit den Auto ab... Weiter so!

  • Sturzenegger am 18.06.2014 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Gesellschaft verliert an Qualität

    Was früher Gang und Gäbe war, ist heute schwer zu finden: Disziplin, Anstand, Freundlichkeit, Höflichkeit, Respekt, Stolz, Sprachkenntnis, Zusammenhalt, Kulturkenntnis... Wir müssen heute unsere Kinder zur Schule schicken, damit sie das lernen, weil wir alle schlechte Eltern sind und ihnen das selber nicht beibringen können. Weil die Kultur sich immer mehr durch Einflüsse von Aussen verändert, müssen wir uns anpassen und so werden Eigenschaften, wie ich oben genannt habe, auch verwässert oder verdrängt! Schade eigentlich.

  • Stefen am 18.06.2014 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    Oh mein Gott, wie hab ich nur überlebt

    ich bin schon mit 4 Jahren alleine rausgegangen zum Spielen... Die Mutter hat nur hin und wieder einen Blick aus dem Küchenfenster geworfen und konnte sich darauf verlassen, dass ich weiss, was ich tue... Ich kam natürlich regelmässig mit Kratzern und Schürfwunden nach Hause, aber ich musste ja auch durch jedes Gebüsch kriechen und auf jeden Baum klettern...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Es Mami am 19.06.2014 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu früh, zu wenig Kindsein lassen...

    Mit vier Jahren ist es einfach noch zu früh für den Kindsgi! Lasst die Kinder doch noch so lange wie möglich Kinder sein, sie werden früh genug in Normen gepresst und müssen Erwachsen sein.

  • sandrina am 18.06.2014 23:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht zu fassen

    ehrlich? einen vorkurs für den kindergarten? wie wäre es, die einschulung um ein jahr zu verschieben? dann sind die kinder reifer... lasst kinder doch noch kinder sein...

  • Yaktriber am 18.06.2014 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    zu früh?

    Eventuell ist es auch einfach zu früh mit knapp 4 jährig in unsere Leitungsgesellschaft geschubst zu werden! Am liebsten will das Volk wohl die Leistungsgesellschaft bereits ab Geburt, oder? Das Ganze hinterfragen? Nein, warum auch?? und bei der nächsten Statistiken bezüglich Selbstmorden wo die CH wieder eine (traurige) Spitzenposition einnehmen wird, fragen sich dann alle wieder nach den Gründen.

  • aargau er am 18.06.2014 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    alles importiert

    Unsere Politiker übernehmen gerne Expertenberichte aus dem Ausland. Der Trend ist klar, man möchte dem ausländischen Arbeitnehmer immer mehr "Belastungen" abnehmen. Lasst doch unsere Kinder "Kinder" sein. Wir benötigen nicht eine überbehütete externe Stelle, die uns die Arbeit "Kinder" abnimmt, sondern das soll zu Hause geschehen, wie es unsere Tradition ist. Kinder sind keine Roboter, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die etwas Wärme zu Hause benötigen. Übrigens stamme ich aus einer Generation, wo es in unserer Gemeinde noch keinen Kindergarten gab. Ich bin auch "alt" und weise geworden

  • Dani W am 18.06.2014 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Länder andere Sitten

    In anderen Europäischen Ländern ist es normal die Kinder ab 4 oder gar 3 in den KG zu schicken. Unser ältester ist im Mai 4 geworden aber ist seit September in der französischen Maternelle. Wir lebten in China und da gingen alle Kinder ab 3 in den KG. Jetzt sind wir in NL und hier werden Kinder sobald sie 4 sind in KG geschickt (ist billiger als KiTa). Jedes Kind ist anders, aber unser Sohn ist nicht überfordert, er geht sehr gerne in KG und ist stolz über alles was er lernt (v.a. Namen schreiben) und bastelt. Im Umgang mit anderen Kinder hat es auch viel gelernt.