Whistleblower Quadroni

22. Mai 2018 17:10; Akt: 22.05.2018 17:10 Print

Jetzt wird gegen die Bündner Polizei ermittelt

Die Beamten sollen bei der Verhaftung des Baukartell-Whistleblowers brutal vorgegangen sein. Zwei Anzeigen sind hängig.

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Bei der Verhaftung des Whistleblowers Adam Quadroni soll die Polizei brutal vorgegangen sein. Jetzt laufen Ermittlungen. Er brachte das Baukartell im Unterengadin zu Fall: Doch es gab auch Vorwürfe gegen den Whistleblower selber. Quadroni soll laut «Blick» die Liquiditätsplanung seiner Firma Linard Quadroni SA frisiert haben, weswegen ein Treuhänder Millionen in die Firma investiert habe in der Hoffnung, sie vor dem Konkurs retten zu können. Der neue Bericht stellt Quadronis Märtyrerstatus in Frage. Bisher hiess es, Quadroni habe wegen der Aufdeckung des Kartells alles verloren: Firma, Frau und Kinder. Ein Student richtete aus Mitleid für den Mann eine Crowdfunding-Kampagne ein, die bis jetzt über eine Viertelmillion Franken Hilfsgelder sammelte. Bis 2012 sollen sich Baufirmen im Unterengadin abgesprochen haben. Das Kartell wird nun von der Weko gebüsst. Die am meisten betroffene Firma soll bis zu 5,5 Millionen Franken Sanktionen bezahlen. Das Online-Magazin «Die Republik» hat Details des Falls recherchiert. Neben den Bauunternehmern spielen auch diverse Politiker und die Kantonspolizei eine Rolle. Letztere hatte den Whistleblower mit einem Sondereinsatzkommando zwangsweise in eine Klinik eingeliefert. Involviert ist auch der BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini. Er soll schon 2009 vom Kartell gewusst und nichts unternommen haben. Zur «Republik» sagt er, der Whistleblower habe ihm die Unterlagen nicht aushändigen wollen. Der WEko-Präsident Andreas Heinemann sagt zu den Absprachen: «Dass Kartelle illegal sind, ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen.»

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Die Umstände einer Verhaftung des Whistleblowers Adam Quadroni im Juni 2017 durch die Bündner Kantonspolizei beschäftigen die Justiz. Eine ausserordentliche Staatsanwältin soll eine Vielzahl an Vorwürfen auf strafrechtlich relevantes Vorgehen untersuchen.

Als ausserordentliche Staatsanwältin ernannte die Bündner Regierung Esther Omlin, Oberstaatsanwältin des Kantons Obwalden. Die Ernennung erfolgte auf Antrag der Bündner Staatsanwaltschaft, wie diese am Dienstag mitteilte.

Über die Verhaftung des Whistleblowers und reuigen Mitgliedes des Bündner Baukartells, Adam Quadroni, wurde in den Medien wiederholt berichtet. Gesichert ist indes nur der Umstand, dass die Verhaftung stattfand.

Aussagen zum angeblich brutalen Vorgehen der Polizei stammen allein von Quadroni selber und sind nicht bestätigt. Auch ist unklar, ob die Verhaftung überhaupt im Zusammenhang mit dem Baukartell-Skandal stand.

Zwei Strafanzeigen eingegangen

Bei der Staatsanwaltschaft sind zur Verhaftung Quadronis zwei Strafanzeigen eingegangen, wie Claudio Riedi, erster Staatsanwalt und Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Graubünden, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda erklärte.

Eine Strafanzeige reichte Quadroni ein, die andere der Bündner Justizdirektor Christian Rathgeb. Beide Anzeigen richten sich «gegen Unbekannt». Omlin führt Strafuntersuchungen zu beiden Anzeigen. Sie soll prüfen, ob im Zusammenhang mit der Verhaftung und den diesbezüglich gemachten Anschuldigungen ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt.

Gefahr von Befangenheitsvorwürfen

Die 43-jährige Omlin sei eine in Strafuntersuchungen erfahrene Fachperson und im Umgang mit komplexen, ausserkantonalen Straffällen routiniert, hiess es. Sie habe solche bereits für andere Kantone geführt.

Mit der Ernennung einer ausserkantonalen Staatsanwältin will die Bündner Staatsanwaltschaft «die Gefahr von Befangenheitsvorwürfen vermeiden», wie Mediensprecher Riedi erklärte. Hintergrund des Vorgehens sei die Zugehörigkeit beider Institutionen - der Polizei und der Staatsanwaltschaft - zur Bündner Justiz.

Auch Regierung lässt untersuchen

Eine weitere, unabhängige Untersuchung zum ominösen Polizeieinsatz läuft auf Geheiss der Bündner Regierung, wie seit zwei Wochen bekannt ist. Diese wird ebenfalls von einem ausserkantonalen Juristen geführt. Andreas Brunner, ehemaliger Leitender Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich, soll «alle Vorwürfe lückenlos aufklären».

Die illegalen Absprachen im Unterengadin sind schweizweit der bisher grösste aufgeflogene Fall von Manipulationen auf dem Bau. Die Wettbewerbskommission (Weko) büsste sieben Baufirmen mit total 7,5 Millionen Franken. Die Bussen sind noch nicht rechtskräftig und können vor Bundesverwaltungsgericht angefochten werden.

(hvw/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gabriel am 22.05.2018 17:20 Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Schlamm

    Unglaublich. Ich hoffe die Korruptonskartelle in anderen Kantonen kommen ans helle Licht.

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  • alfmir am 22.05.2018 17:29 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie komisch....

    Wenn ich durch Basel fahre, fällt mir immer wieder auf, dass bei gewissen "ewigen" Baustellen meist immer die gleichen Firmennamen zu sehen sind...

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  • H. K. am 22.05.2018 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Begrenztes Phänomen?

    Eigentlich kann ich mir fast nicht vorstellen, dass das in dem Kanton die einzigen Absprachen waren. Wie steht es wohl mit den anderen Regionen, wo viel Geld gemacht wird? Weisse Arena & Co.? Diese Baumfirmen sind doch eigentlich kantonsweit unterwegs...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gaggogustafson am 23.05.2018 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quadroni ist kein Saubermann

    Wenn alle ausser Quadroni die Preise absprechen. Müsste Quadroni ja jede Ausschreibung gewinnen. Trotzdem ging er pleite.

  • r^kölsk am 23.05.2018 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    leider

    in der Schweiz die Korruption ist auch weit verbreitet.

  • fischli am 23.05.2018 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    P.V.

    Seit ein anderer grosser Bündner seit Monaten in der U- Haft schmort, ist meine Meinung über die Gerechtigkeit hierzulande wieder gewachsen. Hoffentlich beschert das gewissen Feudalherren in diesem aktuellen Fall etwas unruhige Zeiten.

  • Nora am 23.05.2018 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    Was jetzt passiert...

    ...ist die typische Schmier- und Schmutzkampagne gegen den "Verräter". Lasst euch davon nicht blenden, diese Mann ist mit Snowden, Manning und Assange auf eine Stufe zu setzen und entspechend zu unterstützen. Und logisch hat er auch mitgemacht, wie könnte er sonst davon wissen? Aber er hat sich gegen Gier und Profit für sein Gewissen entschieden.

  • Kurt Fischer am 23.05.2018 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Und was ist mit den Richtern ...

    wenn Du nicht Bündner bist, bist Du schuldig.