Knausriger Betrieb

03. März 2015 17:22; Akt: 03.03.2015 18:36 Print

Jobsuchende muss beim Interview Getränk zahlen

Eigentlich dachte A. L., dass ihr das Getränk beim Bewerbungsgespräch offeriert wird. Doch sie musste zahlen. Ein Experte kann das nicht nachvollziehen.

storybild

Bei einem Bewerbungsgespräch wird meistens ein Getränk angeboten. (Bild: Colourbox)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach der Matura war A. L.* (23) auf der Suche nach einer Teilzeitstelle im Servicebereich. Dabei wurde sie von einem Gastrobetrieb zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. «Ich wurde von der Geschäftsführerin begrüsst und gefragt, ob ich etwas trinken wolle», erinnert sich L. Da habe sie sich spontan für einen Orangensaft entschieden.

Umfrage
Zahlen fürs Getränk beim Jobinterview – finden Sie das in Ordnung?
3 %
93 %
4 %
Insgesamt 24876 Teilnehmer

«Das Bewerbungsgespräch verlief normal. Doch danach folgte etwas Unübliches», so L. Nachdem sich die Geschäftsführerin verabschiedet habe, sei eine Serviceangestellte an ihren Tisch gekommen. «Das macht dann fünf Franken», habe die gesagt. Darauf sei L. völlig perplex gewesen: «Eigentlich dachte ich, dass bei Bewerbungsgesprächen Getränke offeriert werden! Ich habe dann einfach bezahlt und das Lokal verlassen.»

«Wir können nicht jedem ein Gratisgetränk geben»

Die Leiterin des betroffenen Lokals bestätigt: «Bei einem Jobinterview muss das Getränk selber bezahlt werden.» Nur weil ein Getränk angeboten werde, heisse das noch lange nicht, dass es auch kostenlos sei. «Wir haben sehr viele Bewerber und laden diese auch gerne zu Gesprächen ein. Wir können doch nicht jedem einzelnen ein Gratisgetränk offerieren», so die Geschäftsführerin.

Hinzu komme, dass viele Bewerber nicht ernsthaft auf der Suche nach Arbeit seien. «Das tönt komisch. Aber wer Arbeitslosengeld kassiert, muss vom RAV aus pro Monat eine gewisse Anzahl Bewerbungen schreiben. Wir haben einige solche Fälle. Wer kein Interesse an einer Stelle bei uns hat, sollte nicht unterstützt werden», sagt die Geschäftsleiterin. «Nur bei längeren Gesprächen mit Aussicht auf eine Anstellung sind wir bereit, die Getränkekosten zu übernehmen.»

Verdutzter Experte

Personalexperte Matthias Mölleney hat dazu eine klare Meinung: «Das geht gar nicht. So etwas kann ich gar nicht glauben.» Eigentlich gehe es bei vergleichbaren Diskussionen in der Schweiz vielfach darum, ob der Arbeitgeber die Spesen übernehmen soll. «In Deutschland ist es zum Beispiel gang und gäbe, dass bei einem Bewerbungsgespräch sogar die Kosten der Anreise bezahlt werden», so Mölleney.

Dass ein Arbeitgeber zu knausrig sei, Getränkekosten zu übernehmen, sei abwegig. «Leider gibt es alles, was es nicht gibt. Ich würde auf jeden Fall nicht in diesem Betrieb arbeiten wollen.»

*Name der Redaktion bekannt.

(ced)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • swiss gastro am 03.03.2015 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zukunftsfähig

    Das Gastgewerbe ist wie kein anderer Sektor auf einen guten team spirit angewiesen. Dies betrifft Mitarbeiter ebenso wie Betriebsleiter. Wer sich als Chef so verhält hinterlässt einen negativen Eindruck spätestens bei der Mitarbeiter/in, die den Betrag einkassieren muss. Eine langfristige Perspektive haben Betriebe, die so geführt werden, in der Regel nicht.

    einklappen einklappen
  • peter-brunner am 03.03.2015 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist geil

    Wahrscheinlich werdem beim Personalessen auch die Erbsli und die Frites abgezählt.

    einklappen einklappen
  • tom vedar am 03.03.2015 17:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unfair aber

    bei 10 bewerbungsgespräche am tag ein lukratives geschäft!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Manu am 04.03.2015 20:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt auch grosszügige

    Ich bekamm mal bei einem Vorstellungsgespräch eines Getränkehändlers einen 20fr. Gutschein.

  • Stefan Gerber am 04.03.2015 16:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wacht auf!

    Man kann den schweizern die rente kürzen, die steuern erhöhen, die kk-prämien erhöhen, sie total überwachen, ihre telefone und e-mails ausspionieren, ihre jobs ins ausland verlagern, sie mit 50 entlassen, ihnen biometrische pässe andrehen, ihre volksentscheide ignorieren, sie bei wahlen anlügen etc. alles kein problem. Aber wehe sie müssen ein getränk bei einem vorstellungsgespräch selbst bezahlen. Dann wehren sich die schweizer und empören sich. Wacht auf!

  • Ueli am 04.03.2015 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anfahrtskostenvergütung

    Dem Saftladen muss es ja richtig schlecht gehen. Viele Bewerber werden eingeladen und jeder muss seinen Konsum selber bezahlen. So wird aus Bewerbern einfach mal Kunden gemacht. Es wäre nur fair, den Laden mit Namen zu nennen.

  • mike2000 am 04.03.2015 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Gegenrechnung

    Ich würde dann auch eine Rechnung stellen. Anfahrtskosten, Zeitaufwand für Bewerbungsschreiben sowie der Aufwand des Gespräches und Spesen für ein Getränk im Wert von CHF 5.-- Diese Rechnung verfällt dann bei einer Anstellung.

  • J. Ertlmeier am 04.03.2015 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Perfekt

    Leichter kann man es einem Bewerber nicht machen sich gegen die Firma zu entscheiden.