Auf Augenhöhe

12. Januar 2020 07:47; Akt: 12.01.2020 11:41 Print

Jugendliche beraten einander in Sorgen-Chat

Sofie (20) wusste einst selbst nicht mehr weiter. Jetzt berät sie Jugendliche mit Problemen. «Ich kann mich besser in sie hineinversetzen», sagt sie.

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Liebeskummer, Probleme in der Schule, die Trennung der Eltern, Selbstzweifel bis hin zu Suizidgedanken – das alles kann Jugendliche in ihrem Alltag belasten. Jedoch ist die Hemmschwelle oft hoch, mit jemandem darüber zu sprechen. Ein Gespräch mit Gleichaltrigen kann helfen, Hemmungen abzubauen und Vertrauen zu schaffen.

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Deshalb wurde von Pro Juventute im April 2018 das Konzept «Chatten mit Gleichaltrigen» ins Leben gerufen, bei dem Jugendliche mit Gleichaltrigen zwischen 15 und 24 Jahren chatten können. Mittlerweile zählt das Angebot 27 aktive «Peers», 2019 wurden über 2000 Beratungen durchgeführt.

«Ich bekomme Anfragen über verschiedenste Themen», sagt Beraterin Sofie* (20). Typische Fragen seien: Wie hast du entschieden, bei wem du nach der Trennung deiner Eltern wohnen willst? Wie komme ich über die Trennung von meinem Freund hinweg? Wieso bekommen meine Klassenkameraden mehr Likes bei ihren Instagram-Bildern? Bin ich nicht gut genug?

Laut Sofie werden aber nicht nur psychisch belastende Themen angesprochen. Manche Mädchen würden etwa einfach wissen wollen, wie der erste Besuch beim Frauenarzt abläuft. «Gewisse brauchen einfach jemanden zum Reden, andere wollen Ratschläge oder eine Anlaufstelle, wo sie sich melden können.»

Peers mussten auch Krisen überwinden

Sofie ist überzeugt, dass die Hemmschwelle im Gespräch mit Gleichaltrigen geringer ist und dass sich die Jugendlichen früher melden als beispielsweise beim Sorgentelefon 147. Dieser Meinung ist auch Thomas Brunner, Leiter Beratung bei Pro Juventute. «Man kann sich seinen Berater aussuchen. So kann man mit jemandem chatten, der etwa gleich alt ist, eine ähnliche Ausbildung absolviert oder auch ein Scheidungskind ist.»

Das trägt laut Brunner zu einer Normalisierung bei: «Die Jugendlichen haben nicht mehr das Gefühl, dass sie die einzigen sind, die beispielsweise unter Liebeskummer leiden – und sie erhalten im Austausch mit Gleichaltrige eine Idee davon, wie andere mit dem Problem umgehen. Das ist für die Betroffenen motivierend.»

Laut Brunner geht es bei der Peer-Beratung nicht darum, Wissen zu vermitteln. «Die Peers haben keine thematische Ausbildung, etwa zum Thema Selbstverletzung. Wir lassen sie die Situationen ausschliesslich von ihrem eigenen Leben ausgehend beurteilen.» Allen Beratern sei gemein, dass sie im Leben auch schon Krisen überwinden mussten. Das schaffe Nähe. Aus diesem Grund will Sofie aber auch anonym bleiben.

Auch Sofie sagt: «Ich kann mich besser in die Jugendlichen hineinversetzen, wenn ich schon Ähnliches erlebt habe, etwa die Trennung der Eltern.» Trotzdem könne sie sich gut abgrenzen. «Da ich mit den Betroffenen zusammen versuche den nächsten Schritt herauszufinden, kann ich es auch gleich verarbeiten. Wenn ich doch mal unsicher bin, kann ich immer einen Profiberater fragen.»

Profis können einschreiten

Für die Qualitätssicherung und den Schutz der jugendlichen Berater sei sehr wichtig, dass immer ein Profiberater vor Ort ist, so Brunner. «Aufgabe des Profis ist es, dem Gespräch zu folgen und bei Bedarf zu intervenieren.» Das Chatten kann für die Peers psychisch belastend sein und zu Überforderung führen.

«Es können eigene Erinnerungen hochkommen, beispielsweise, wenn der Berater wie der Ratsuchende unter einer Essstörung gelitten hat. In solchen Situationen kann ein Profi Unterstützung bieten», sagt Brunner. Ausserdem solle der Profi einschreiten, wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt. «Das ist etwa der Fall, wenn jemand ein Gespräch über seine Beziehung in ein Gespräch über Sexpraktiken abschweifen lässt.»

Sofie zieht eine positive Bilanz. «In den fast zwei Jahren, in denen ich als Beraterin tätig bin, haben sich auch viele von ganzem Herzen bedankt. Ich selbst wäre an kritischen Punkten in meinem Leben froh gewesen, wenn ein solches Angebot bestanden hätte.» Sie freue sich weiterhin, Jugendlichen weiterhelfen zu können. Doch spätestens in fünf Jahren ist Schluss: Die Berater gehen nämlich an ihrem 25. Geburtstag in «Pension».

*Name geändert

(les)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lalulaa am 12.01.2020 08:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sehr gut

    Das ist eine ganz tolle Sache! Als Jugendarbeiterin werde ich den Jugendlichen diesen input weitergeben!

    einklappen einklappen
  • Putzfeejohndeere am 12.01.2020 08:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finde ich eine gute sache.

    Das finde ich gut so was. Viel können nicht reden weil viel verstehn es nicht.

  • Ginger195 am 12.01.2020 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Total gut

    Sowas finde ich immer noch am Besten. Niemand kann dir nachfühlen wie schlecht es dir geht wenn derjenige nicht selbst sowas erlebt hat somit kann man auch besser Helfen und gewisse Reaktionen verstehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alois Bündner am 12.01.2020 20:24 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Bestens

    Sofern es ehrlich und wohlwollend ablauft warum nicht! Weiter so liebe jungen Leute, aber bitte ehrlich zueinander!

  • Zeri am 12.01.2020 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Danke für ihren einsatz!

  • franz am 12.01.2020 17:25 Report Diesen Beitrag melden

    nachschauen

    also an dei Schülerinnen nicht schreien wenns nur aus Blödsinn passiert !aber wenn ein Schrei durch unser Quartier geht springen alle um zu Helfen ein Satz auf die Terasse und wir würden Alarm loslassen ! auch Nachts würden wir auf die strasse gehen und das tun die meisten Mütter und väter

  • Die Schizotante am 12.01.2020 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Es beisst sich

    Ich habe einen speziellen Arbeitsplatz, bin 27 und habe aufgrund der momentanen Lebenssituation einige Freunde, die wesentlich älter sind. Ich stelle immer wieder fest, dass ich nicht ernst genommen und von vielen Gesprächen ausgeschlossen werde. Schade! Werde mir jetzt Freunde in meinem Alter suchen, weil nur die wirklich zuhören und ältere nehmen Junge nicht ernst. Dabei wäre das so wichtig!

  • Mutti am 12.01.2020 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Jugendliche beraten sich gegenseitig

    Das finde ich nicht gut. Ein Austausch kann förderlich sein aber zu einer guten Beratung gehört ein Mensch mit menschlicher Erfahrung und klarer Sicht.