Genitalverstümmelung

01. Dezember 2011 20:00; Akt: 01.12.2011 22:51 Print

Junge Aargauerin sollte beschnitten werden

von Annette Hirschberg - Eine muslimische Konvertitin und ihr irakischer Mann suchten eine Ärztin, um ihre 11-jährige Tochter zu beschneiden. Jetzt wurden sie vom Bezirksgericht Lenzburg verurteilt.

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«Machen Sie auch Beschneidungen von Mädchen?»: Der Stiefvater wurde wegen Vorbereitungshandlungen zur Beschneidung verurteilt. (Bild: Colourbox)

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«Sie sind doch Ärztin? Machen Sie auch Beschneidungen von Mädchen?», fragte eine Person am Telefon eine muslimische Ärztin. Die Ärztin verneinte sofort vehement. Darauf sagte die Person: «Ich suche jemand, der das für meine Tochter machen würde.» Die Ärztin verneinte erneut und beendete empört den Anruf.

So ähnlich soll sich am Abend des 13. Juni 2007 ein 39 Sekunden dauerndes Gespräch zwischen einem Elternteil der im Aargau wohnhaften Familie G. und einer Spitalärztin aus der Ostschweiz abgespielt haben. Aufgrund dieses Telefonats wurden die Eltern fünf Tage später von der Aargauer Polizei abgeholt und die damals 11-jährige Tochter Fatma für 6 Monate in einer Pflegefamilie untergebracht. Seither muss sie halbjährlich von einem Gynäkologen kontrollieren lassen, ob ihre Genitalien unversehrt sind.

Eltern stellen den Sachverhalt anders dar

2010 wurden die Eltern des Mädchens wegen Vorbereitungshandlungen zu schwerer Körperverletzung per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 200 und 400 Franken verurteilt. Weil die Eheleute Burim und Dorothea G. dieses Urteil nicht hinnehmen wollen, standen sie am heutigen Donnerstag, 1. Dezember, vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Aus Sicht des Staatsanwaltes ist erwiesen, dass der Ehemann und Stiefvater der 11-Jährigen, der damals 32-jährige Iraker Burim G., bei der Ärztin angerufen hat. Die Ärztin und deren Ehemann, wollen beide «eine männliche Stimme mit ausländischem Akzent» erkannt haben. Die Eltern stellen den Sachverhalt aber anders dar: Von Anfang an behauptete die damals 49-jährige Mutter, sie habe das Telefonat gemacht. Sie habe eine tiefe Stimme und werde oft für einen Mann gehalten.

Ein Familienleben nach strengen islamischen Regeln

Auch den Inhalt des Gesprächs stellt die Familienmutter, eine zum Islam konvertierte Schweizerin mit deutschen Wurzeln, anders dar. Sie habe sich aus pädagogischen Gründen bei der Ärztin über die Beschneidung und deren Problematik erkundigen wollen. «Meine Tochter zu beschneiden war in diesem kurzen Gespräch kein Thema.» Und: Sie sei gegen Beschneidung. Dem hält die Gerichtspräsidentin ein Zitat aus einem Brief entgegen, den Dorothea G. an den leiblichen Vater von Fatma geschrieben hatte. Dort schrieb sie: «Aus diesem und nur aus diesem Grund fragte ich die Ärztin, ob sie meine Tochter beschneiden würde.»

In der Befragung vor Gericht wird klar, dass Familie G. nach strengen muslimischen Prinzipien lebt. An Schullagern durfte Fatma kaum je teilnehmen. Ging sie mit, musste gewährleistet sein, dass sie dreimal täglich beten kann. Vom Schwimmunterricht wurden das Mädchen und ihre zwei Brüder meist dispensiert. Zu Hause wurden intensiv islamische Rituale gelebt. Der Lehrer von Fatma berichtete zudem, dass sie bereits als 11-Jährige am Ramadan fastete und in der Schule keine christlichen Lieder singen durfte.

«Religiöse Neugier» und «pädagogisches Interesse»

Für den Anwalt des Ehepaars hat seine Mandantin glaubhaft dargelegt, dass sie und nicht ihr Mann der Ärztin angerufen hat. Ihre Tochter zu verletzen habe sie nie im Sinn gehabt. Das Gericht glaubt hingegen, dass Burim G. das Telefonat vom 13. Juni 2007 getätigt hat und verurteilt ihn wegen Vorbereitungshandlungen zu schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 90 Franken und einer Busse von 400 Franken. Dorothea G. erhält wegen Irreführung der Rechtspflege eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 10 Franken und eine Busse von 200 Franken. Der Anwalt des Ehepaars kündigt an, das Urteil weiterzuziehen.

Alle Namen sind geändert.