Psychische Probleme

04. Februar 2014 11:37; Akt: 05.02.2014 11:08 Print

Junge beziehen immer häufiger eine IV-Rente

Eine steigende Anzahl junger Erwachsener lebt von einer Invalidenrente – meist wegen psychischer Probleme. Jetzt werden befristete Renten für Junge geprüft.

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Psychische Probleme wie Borderline-Störungen oder ADHS sind die häufigsten IV-Gründe bei Jungen.

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Die Zahl der jungen IV-Rentner nimmt in der Schweiz stetig zu. Bereits 18-Jährige bekommen am Ende des Monats Rente statt Lohn überwiesen. In vier von fünf Fällen klagen die Betroffenen über psychische Probleme, schreibt der «Tages-Anzeiger». Jedes Jahr erhalten mit dieser Begründung rund 1300 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahre in der Schweiz von der Invalidenversicherung einen positiven Bescheid. Damit hat sich diese Zahl in den vergangenen 20 Jahren fast verdreifacht. Und dies, obwohl die IV seit 2003 angestrengt dabei ist, die Anzahl der Dossiers zu verringern. Während die Gesamtzahl der neuen IV-Rentner deshalb von 2008 bis 2012 um 14 Prozent abgenommen hat, haben die Jungen auch in dieser Zeit nochmals um elf Prozent zugelegt.

Bei der Gesamtmenge aller IV-Renten machen psychische Probleme rund die Hälfte der Diagnosen aus. Bei den unter 25-Jährigen sind es zwischen 70 und 80 Prozent. Besonders häufig werden Persönlichkeitsstörungen, etwa Borderline-Erkrankungen oder das Aufmerksamkeitsdefizit ADHS, geltend gemacht. Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland, hat eine Vermutung, warum man im jungen Alter offenbar leichter an eine IV-Rente kommt. «Die IV ist nicht ganz frei, sondern von den begutachtenden Psychiatern abhängig. Diese sind bei den Jungen offensichtlich pessimistischer geworden, was deren Arbeitsfähigkeit betrifft», sagt er im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Dies sei eine negative Entwicklung, zumal die Chance, dass jemand wieder von der Rente wegkommt, bei einem Prozent pro Jahr liege. «Bei den Jungen besteht also die Gefahr, dass sie während 40 oder 45 Jahren eine IV-Rente beziehen.»

«Anreiz, aus Rente herauszukommen, ist gering»

Auch beim Bundesamt für Sozialversicherungen ist man besorgt. Nebst Verbesserungen bei der Eingliederung Jugendlicher will man deshalb befristete Renten für Junge prüfen. Das wäre sehr im Sinn des Kinder- und Jugendarztes Oskar Bänziger, ehemaliger Leiter des regionalärztlichen Dienstes der IV Nordostschweiz. Er schlägt vor, unter 25-Jährigen nur noch eine befristete Rente zu erteilen. Zusammen mit unterstützenden Massnahmen solle dies Druck aufbauen, in die Arbeitswelt einzusteigen. Aktuell sei der Anreiz, aus der Rente herauszukommen, gering – unter anderem, weil Junge Erwachsene ohne berufliche Ausbildung kaum einen Job fänden, bei dem sie ähnlich viel Einkommen erzielen wie mit einer IV-Rente plus Ergänzungsleistungen.

Von politischer Seite gibt es wenig positives Feedback für die Idee. SP-Nationalrätin Silvia Schenker ist strikt dagegen. Wer sage, das Rentensystem mache den Verbleib in der Rente zu attraktiv, unterstelle, dass jemand die Wahl habe zwischen Arbeit und Rentnerdasein. Sogar bei der SVP zeigt man sich zurückhaltend: Nationalrat Toni Bortoluzzi fordert, dass zuerst die Gründe für die häufigen psychischen Erkrankungen erforscht werden. Ausserdem müssten die Arbeitgeber sich mehr für die Eingliederung engagieren.

Sind Sie jung und beziehen eine IV-Rente? Melden Sie sich unter feedback@20minuten.ch

(nj)