«Falls sie nicht umkehren»

15. Oktober 2019 04:47; Akt: 15.10.2019 08:11 Print

Jungschar rät, «sündige» Leiter abzusetzen

von P. Michel - Evangelikale Jungschis verpflichten ihre Teilnehmer zu einem strikt christlichen Lebensstil. Einige dieser Gruppen werben weiter mit dem Programm «Jugend und Sport».

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In einem Ratgeber der BESJ zur Frage «Wie gut ist unsere Jugendarbeit?» heisst es: «Wenn ein Leiter in Sünde lebt, wird er darauf angesprochen, ermahnt und abgesetzt, falls er nicht umkehrt?» Was genau «in Sünde leben» heisst, wird nicht ausgeführt. Klar hingegen ist: Jungschis, die sich zu solchen Grundsätzen bekennen, dürfen keine Bundesgelder beanspruchen, wie das Baspo bestätigt: «Es ist keine Art der Missionierung zulässig.» Ein Blick ins Netz zeigt aber, dass es weiterhin Jungscharen gibt, die auf ihren Websites auf die Vorgaben der BESJ verweisen und dort auch Lager unter Jugend und Sport (J+S) anpreisen. Auch eine Basler Jungschi weist sich als BESJ-Mitglied aus, das auch, wie es auf der Homepage scheint, ihre Lager noch unter J+S anmeldet. «Jungscharen, die sich etwa dazu bekennen, sündige Leiter auszuschliessen, dürfen keine Gelder des Bundes erhalten», sagt Quadranti. Wie bei den damaligen homophoben Aussagen liege es beim Bundesamt für Sport Baspo, hier konsequent durchzugreifen. Der Bund erklärt, dass es für BESJ-Lager definitiv ab 2019 keine Gelder mehr gebe. Der Bund der Evangelikalen Jungscharen selbst betont, bei den Dokumente handle es sich nur um Anregungen, nicht um Regelwerke. «Leitende werden nicht automatisch abgesetzt, wenn sie einen Fehler machen», sagt Sprecher Adrian Jaggi. Die Gemeinden würden vor Ort selbst entscheiden, welche Regeln bei ihnen gälten und wie diese gewichtet und umgesetzt würden. Man gebe keinen Regelkatalog vor, was eine Sünde sei. «Wir orientieren uns an einer biblisch-christlichen Ethik.» «Vor der Aufnahme eines Vereines werden Statuten, Website sowie das Lagerprogramm geprüft», sagt Baspo-Sprecher Christoph Lauener. Fehlhandlungen liessen sich bei einem so grossen Programm mit hunderttausenden von Kindern und Jugendlichen nie ausschliessen. «Wir finanzieren keine Religionspolizei mit Sportfördergeldern.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ) sorgte für Empörung, als er auf seiner Website mit Bibelzitaten gegen Homosexuelle hetzte. Der Internetauftritt wurde inzwischen überarbeitet, die entsprechenden Links führen ins Leere. Trotzdem finden sich unter der Rubrik «Ressourcen» weiterhin Empfehlungen, die für Kritik sorgen.

In einem Selbsttest können Leiter etwa überprüfen, wie es um ihre Gemeinde steht: Wie viele Mitglieder lesen täglich in der Bibel? Wie viele besuchen mindestens dreimal im Monat einen Gottesdienst? Gehen die Leiter als Vorbilder voran und übernachten in geschlechtergetrennten Zimmern?

«Wird ein sündiger Leiter abgesetzt?»

Expliziter wird es in einem Ratgeber zur Frage «Wie gut ist unsere Jugendarbeit?». Unter den Fragen, die die Jungscharleiter beantworten müssen: Besteht ein «klares Konzept zur Kinderbekehrung?» Und: «Wenn ein Leiter in Sünde lebt, wird er darauf angesprochen, ermahnt und abgesetzt, falls er nicht umkehrt?»

Was genau «in Sünde leben» heisst, wird nicht ausgeführt. Klar hingegen ist, Jungschis, die sich zu solchen Grundsätzen bekennen, dürfen keine Bundesgelder beanspruchen, wie das Baspo bestätigt: «Es ist keine Art der Missionierung zulässig» (siehe Box).

Jungschis werben weiterhin mit Jugend und Sport

Ein Blick ins Netz zeigt aber, dass es weiterhin Jungscharen gibt, die sich auf ihren Websites zu den Vorgaben der BESJ bekennen und dort auch Lager unter Jugend und Sport (J+S) anpreisen. Eine Basler Jungschi, die BESJ-Mitglied ist, dankt etwa in ihrem Jahresbericht explizit dem Bund für die finanzielle Unterstützung. Auf der Homepage steht unter der Ankündigung der aktuellen Lager explizit, dass man Geld von Jugend und Sport erhalte.

Für BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti ist klar: Aussagen wie jene zu den sündigen Leitern gingen im 21. Jahrhundert «gar nicht». «Jungscharen, die sich etwa dazu bekennen, sündige Leiter auszuschliessen, dürfen keine Gelder des Bundes erhalten», sagt Quadranti. Der Bund müsse hier konsequent durchgreifen. Das Bundesamt für Sport erklärt, dass es für BESJ-Lager definitiv seit 2019 keine Gelder mehr gebe.

Gemeinden entscheiden selbst darüber, was eine «Sünde» ist

Der Bund der Evangelikalen Jungscharen selbst betont, bei den Dokumenten handle es sich nur um Anregungen, nicht um Regelwerke. «Leitende werden nicht automatisch abgesetzt, wenn sie einen Fehler machen», sagt Sprecher Adrian Jaggi. Die Gemeinden würden vor Ort selbst entscheiden, welche Regeln bei ihnen gälten und wie diese gewichtet und umgesetzt würden. Man gebe keinen Regelkatalog vor, was eine Sünde sei. «Wir orientieren uns an einer biblisch-christlichen Ethik.»

Jaggi betont, der BESJ und seine Gruppen seien nicht mehr bei Jugend und Sport dabei. Wie erklärt er aber, dass weiterhin einige Jungschis Jugend und Sport explizit als Gönner aufführen? «Es kann sein, dass sich eine Handvoll Gruppen zusätzlich bei einem anderen Ausbildungsverband angehängt haben, um weiterhin bei J+S dabei sein zu können.»

Bund prüft Lagerprogramme und Vereine

Das Bundesamt für Sport betont, bei Jugend und Sport sei keine Art der Missionierung zulässig. «Vor der Aufnahme eines Vereines werden Statuten, Website sowie das Lagerprogramm geprüft», sagt Sprecher Christoph Lauener. Fehlhandlungen liessen sich bei einem so grossen Programm mit Hunderttausenden von Kindern und Jugendlichen nie ausschliessen. «Wir finanzieren keine Religionspolizei mit Sportfördergeldern.»


«Leiter auf Linie bringen»



Für Susanne Schaaf von der Fachstelle Infosekta sind der starke Missionscharakter und die strikten moralischen Regeln keine Überraschung. «Es geht auch darum, sicherzustellen, dass nicht-evangelikal ausgerichtete Christen erkannt werden und die Kinder nur von Gläubigen betreut werden, die die ‹richtige› Linie vertreten.» Sie stellt dabei fest, dass die Evangelikalen ihr «Wording» im Lauf der Zeit angepasst haben. Eher selten werde etwa «Homosexualität als Sünde oder von Dämonen bewirkt» explizit beschrieben.

Das Sündenregister

Laut Schaaf zeigt sich diese Zurückhaltung auch in der Formulierung «in Sünde leben» auf dem BESJ-Ratgeber. Für jene, für die diese Ratschläge gedacht seien, sei die Botschaft aber klar: «Sex vor der Ehe, gelebte Homosexualität oder Abtreibung sind tabu.»

Die Chartas, die für die Zulassung zu J+S unterzeichnet werden müssten, seien allgemein gehalten, sagt Schaaf. Daher hätten viele Evangelikale kein Problem, die Punkte zu unterzeichnen, während in der Praxis ihre Grundhaltung weiter durchdrücken könne. «Es stellt sich grundsätzlich die Frage, inwiefern ein dogmatisches Glaubensverständnis in die Betreuung von Kindern und Jugendlichen an offiziellen Freizeitanlässen einfliesst.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Eleonor Weber am 15.10.2019 06:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlverhalten

    Eine Kollegin von mir wurde als Leiterin in der Jungschi ausgeschlossen, weil sie mit ihrem damaligen Freund (noch vor der Hochzeit) in die Ferien gefahren ist. Eine andere Kollegin hat bei ihrem - notabene sich nicht zu Jesus bekennenden - Freund übernachtet und wollte sich nach Gesprächen mit der Jungschileitung nicht von ihm trennen. Auch sie wurde weggeschickt.. Da werden Menschen aufgrund ihres "Fehlverhaltens" aus einer ganzen Gesellschaft ausgeschlossen. Für mich grenzt so eine Organisation an eine Sekte.

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  • Bernerin am 15.10.2019 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jungschi fägt

    Gott sei Dank, gibt es soviele ehrenamtliche Jungschileiter und die Jungschar. Jungschi ist eine super Sache. Alle meine nun erwachsenen Kinder haben immer spannende Nachmittage und super Lager erlebt. Besj macht einen guten Job.

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  • karl am 15.10.2019 06:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    empfehlungen von gruppierungen

    C'mon. Leben und leben lassen. Eine juso wird auch niemand tolerieren der svp ideen verbreitet. Bei leistungssportvereinen für jugentliche wird nicht toleriert, wenn jemand raucht. Bei den christen will man, dass alle aus den eigenen reihen sind. Absolut normal.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tölke am 15.10.2019 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Verwechslung?

    Wieso verwechseln Leute eigentlich so oft gute Umgangsformen und Anstand mit "Christentum" oder "Bibel"? Nur weil man nichts mit Religionen anfangen kann, heisst das noch lange nicht, dass man draussen nackt fluchend und kichernd mit der Axt rumrennt und Leute spaltet.

  • Napalm am 15.10.2019 20:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu?

    Wozu braucht es eine göttliche Fantasiegestalt zum erlernen normaler Umgangsformen? Ich brauchte auch keinen Gott, um zu lernen, wie man eine Toilette benutzt oder Auto fährt.

  • Geheim am 15.10.2019 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle??!!

    Entschuldigung aber wie sollte man das bitte genau kontrollieren können? Ich meine wenn ich ein Leiter in einer solchen Schaar wäre würde ich es dich einfach niemandem erzählen dass ich zB mit dem Freund schlafen würde..... Und für was gibt es dann bitte die Beichte ich meine ja nur Gott ist Vater, ein gnädiger Vater wieso sollten also junge Menschen nicht auch von Fehlentscheidungen und Fehlern hören dürfen und sehen wie andere christliche Menschen mit ihrer "unperfektheit" umgehen und aich bessern können?? Gott erlaubt uns Fehler zu machen, denn er liebt und verzeiht uns!!!

  • Franz Toler am 15.10.2019 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Wo bleibt die Toleranz?

    Aufgrund der sexuellen Orientierung darf also niemand ausgeschlossen werden, ansonsten ist es Diskriminierung. Alle schreien auf! Angenommen ein nicht straffälliger, jedoch bekennende/r pädophile Mann/Frau ist als Leiter/-in tätig, dürfte man somit wegen des Diskriminierungsverbot nicht ausschliessen. Und wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr schicken, ist das auch intolerant!

  • Seppmitpepp am 15.10.2019 20:12 Report Diesen Beitrag melden

    brauche keine Glaubensvorschriften

    kenne ich gut aus meiner Jugendzeit.. da gabs Harekrischna, Zeugen Jehovas, Mormonen... und alle meinten dies sei nun DER Glaube. Mich konnten sie nie überzeugen, bin meinen freien Weg gegangen, aus der Kirche ausgetreten und lebe heute mit 85 gesund und munter.