Streitgespräch

20. April 2019 16:56; Akt: 20.04.2019 19:52 Print

Kann sich eine Frau freiwillig prostituieren?

von J. Käser - Prostitution sei mit Menschenwürde niemals vereinbar, sagt eine «Überlebende der Prostitution». Eine Philosophin widerspricht ihr.

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Die finanzielle Situation der Prostituierten im Kanton Zürich hat sich laut dem Regierungsrat tendenziell verschlechtert. Wegen des finanziellen Drucks würde immer öfter aufs Kondom verzichtet, was etwa das HIV-Risiko erhöht. Auch die Psyche der Frauen leide, heisst es in der Antwort auf eine Anfrage von FDP, Grünen und EVP. Eine ehemalige Prostituierte und eine Philosophin diskutieren über das älteste Gewerbe der Welt. Die Philosophin Susanne Schmetkamp sagt, man müsse zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Prostitution unterscheiden. Ist Prostitution mit Menschenwürde vereinbar? Und kann Prostitution wirklich freiwillig ausgeübt werden? Marie Merklinger* sagt: «Nein. Eine Prostituierte kann zwar ihren Stolz bewahren, die Würde aber nicht – die nehmen ihr in der Prostitution die Männer. Ein Freier sagte mir: «Loch ist Loch». Die Frau wird auf eine Funktion reduziert und entwürdigt.» Susanne Schmetkamp: «Das sehe ich anders. Sexarbeit ist mit Menschenwürde vereinbar, Zwangsprostitution nicht. Den eigenen Körper zu Geld zu machen, ist nicht per se problematisch: Models oder Sportler erhalten auch Lohn für eine Arbeit, die sehr direkt mit Aktivitäten ihres Körpers zusammenhängt. Ihnen spricht man die Würde auch nicht ab.» Die Farley-Studie von 2003 belegt, dass rund 90 Prozent der Frauen, die sich ohne finanziellen Zwang prostituieren, in der Kindheit Missbrauch erlebten. Die Studie wird kontrovers diskutiert, auch in diesem Streitgespräch. Ist Gleichberechtigung in einer Gesellschaft mit legaler Prostitution möglich? (Symbolbild)

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Die finanzielle Situation der Prostituierten im Kanton Zürich hat sich laut dem Regierungsrat tendenziell verschlechtert. Wegen des finanziellen Drucks würde immer öfter auf Kondome verzichtet, was etwa das HIV-Risiko erhöht. Auch die Psyche der Frauen leide, heisst es in der Antwort auf eine Anfrage von FDP, Grünen und EVP. Eine Ex-Prostituierte (Marie Merklinger) und eine Philosophin (Susanne Schmetkamp) diskutieren über das älteste Gewerbe der Welt.

Ist Prostitution mit Menschenwürde vereinbar?

Marie Merklinger*: Nein. Eine Prostituierte kann zwar ihren Stolz bewahren, die Würde aber nicht – die nehmen ihr in der Prostitution die Männer. Würde ist kein individuell bestimmbarer Begriff wie etwa Stolz. Ähnlich bei «Opfer»: Ich suche mir nicht aus, ein Opfer zu sein. Der Täter entscheidet durch seine Tat, mich zu einem zu machen. Ein Freier sagte mir: «Loch ist Loch». Da wird die Frau auf eine Funktion reduziert und damit entwürdigt. Freier behandeln die Frauen höchstens mit so viel Respekt, dass sie selber am nächsten Morgen gerade noch in den Spiegel schauen können. Kant sagt: Was käuflich ist, kann keine Würde haben.

Susanne Schmetkamp*: Das sehe ich anders. Sexarbeit ist mit Menschenwürde vereinbar, Zwangsprostitution nicht. Den eigenen Körper zu Geld zu machen, ist nicht per se problematisch: Models oder Sportler erhalten auch Lohn für eine Arbeit, die sehr direkt mit Aktivitäten ihres Körpers zusammenhängt. Ihnen spricht man die Würde auch nicht ab. Solange ein Freier eine Prostituierte, die diesen Weg selbstbestimmt wählt, nicht als Ware, sondern als Person achtet und wertschätzt, kann die Würde gewahrt werden.

Kann Prostitution freiwillig ausgeübt werden?

Schmetkamp:
Die Frage nach Freiheit und Freiwilligkeit ist schwierig zu beantworten. Stimmen, die sagen, dass Sexarbeit ausschliesslich unter direktem oder indirektem Zwang ausgeübt wird, pauschalisieren und sprechen den Frauen jegliche Autonomie ab. Das ist heikel. Unter irgendeinem indirekten Zwang stehen wir dauernd, der Mensch kann nach dieser Argumentation gar nie gänzlich frei sein. Wir sollten uns dennoch als autonom verstehen und danach – so weit wie möglich – zu handeln versuchen. Um nochmals zu betonen: Zwangsprostitution verletzt die Menschenwürde. Gegen die organisierte Kriminalität der Prostitution muss gezielt vorgegangen werden.

Merklinger: Es ist möglich, dass eine kleine Minderheit das freiwillig tut. Diese Frauen, die öffentlich verkünden, wie toll ihre Tätigkeit doch sei, negieren aber die grosse Mehrheit von Frauen, die sich für 20-Franken-Ficks kaputt machen lassen müssen, weil sie keine Wahl haben. Ich finde es inakzeptabel, dass diese Frauen, ihre Freiheit, sich legal prostituieren zu dürfen, auf dem Rücken von unzähligen Frauen, meist Migrantinnen aus Osteuropa, ausleben.

Die Farley-Studie von 2003 belegt, dass rund 90 Prozent der Frauen, die sich ohne finanziellen Zwang prostituieren, in der Kindheit Missbrauch erlebten.

Merklinger: Ich denke nicht, dass Missbrauch in der Kindheit ein Grund fürs Anschaffen ist. Doch wenn man Missbrauch erlebt hat, eignet man sich Fähigkeiten an wie zu dissoziieren, um sich aus der unerträglichen Situation auszublenden. Das ist in der Prostitution durchaus hilfreich: Schliesslich hat man Sex mit Männern, die dafür zahlen müssen, dass man es überhaupt über sich ergehen lässt.

Schmetkamp: An der Studie ist sicher etwas dran. Ich halte aber nichts davon, die Identität der Frauen an der Missbrauchserfahrung festzumachen und sie so zusätzlich abzustempeln. Spricht man einer Frau ab, sich freiwillig für die Prostitution zu entscheiden, zwängt man sie in eine Opferrolle, die ihr nicht gerecht wird.

Ist Gleichberechtigung in einer Gesellschaft mit legaler Prostitution möglich?

Schmetkamp: Erstens ist die Gleichstellung in verschiedensten Bereichen noch nicht realisiert, etwa beim Lohn oder der Familienarbeit. Die Autonomie der Frau muss eindeutig gestärkt werden, aber das schliesst die freiwillige Prostitution nicht aus. Zweitens: Das Argument der Gleichberechtigung durch Abschaffung der Sexarbeit ist doch genau dann falsch, wenn man Callboys miteinbezieht. Ist unsere Gesellschaft gerechter, wenn es gleich viel Callboys wie Prostituierte gibt? Die Fragen sind: Wie können wir strukturelle Geschlechter-Ungleichheit überwinden? Wie können wir unsere Leben würdevoll gestalten? Und welchen Platz geben wir dem Bedürfnis nach Sexualität und Zärtlichkeit für ein gutes Leben?

Merklinger: Ich bin für das nordische Modell, wobei Prostitution legal, der Kauf von sogenannten sexuellen Dienstleistungen jedoch illegal ist. Hierbei wird die Gleichberechtigung gestärkt: Eine Gruppe der Gesellschaft lernt, dass die andere nicht ständig sexuell verfügbar – und damit auch nicht käuflich – ist. Zudem wird der organisierten Kriminalität der Boden entzogen und die wenigen Frauen, die es vorgeblich gern und freiwillig tun, können das weiterhin ungestraft machen. Ich wünsche mir von der freiwilligen Minderheit Solidarität mit der grossen Zahl an Frauen und Mädchen, die es nicht freiwillig tun. Im Moment werden diese Frauen und Mädchen bei uns kaputt gefickt und dann weggeschmissen.

*Marie Merklinger ist «Überlebende der Prostitution» und Aktivistin
*Susanne Schmetkamp, Philosophin, lehrt und forscht an den Unis Basel, St.Gallen und Konstanz