Kartell im Engadin

26. April 2018 15:36; Akt: 27.04.2018 09:04 Print

So täuschten die Baufirmen die Behörden

Über Jahre hinweg sprachen sich Baufirmen im Kanton Graubünden ab. Der Whistleblower ging in Konkurs, die Politik windet sich.

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Die Eidgenössische Wettbewerbskommission (Weko) büsst verschiedene Baufirmen im Unterengadin mit über 7,5 Millionen Franken. Sie sollen über Jahre Preise abgesprochen und ein Kartell gebildet haben. Das Online-Magazin «Republik» hat in einer mehrteiligen Serie Details des Falls enthüllt, über den zuvor die «Südostschweiz» und die «NZZ am Sonntag» berichteten.

Die Reporter haben den Whistleblower, Adam Quadroni, nach eigenen Angaben tagelang interviewt, Akten gesichtet und im Umfeld recherchiert. Sie hielten ihn für glaubwürdig.

Whistleblower war Teil des Kartells

Quadroni betrieb im Ort Ramosch selber eine Baufirma, die 2013 Konkurs anmeldete. Bis 2009 soll er selber Teil des Kartells gewesen sein. Die Funktionsweise: An sogenannten «Vorversammlungen» besprachen die Baufirmen die aktuellen Bauprojekte.

Die beteiligten Unternehmer sollen dabei beschlossen haben, welche Firma zu welchem Preis bieten soll. Die «Republik» beschreibt den Mechanismus wie folgt: Die Firma, die den Auftrag erhalten soll, gibt das günstigste Angebot. Das errechnet sich aus einem Durchschnittspreis der Kalkulationen aller Beteiligten – plus einem Zuschlag.

Behörden ausgetrickst

Die anderen Kartellbeteiligten verpflichteten sich, mindestens 7 Prozent teurere Offerten einzureichen. So konnte garantiert werden, dass der Auftrag tatsächlich an den günstigsten Anbieter ging, denn die Behörden haben einen Ermessensspielraum von nur 4 Prozent.

Durch Kartellabsprachen sind die Preise höher, als sie es im offenen Wettbewerb wären. Die Kosten dafür tragen bei öffentlichen Ausschreibungen die Steuerzahler. Die OECD geht von 10 bis 20 Prozent höheren Preisen aus. Die Weko hatte in einer Untersuchung im Tessin festgestellt, dass die Preise nach der Auflösung eines Strassenbau-Kartells um 30 Prozent sanken.

War Regierungsrat informiert?

Als «Strippenzieher» des Kartells ortet die «Republik» Roland Conrad, den Verwaltungsratspräsidenten der Foffa-Conrad-Gruppe. Er hatte sich 2012 selbst angezeigt, nachdem die Weko Hausdurchsuchungen durchgeführt hatte. Seine Firma soll nach dem Entscheid der Weko mit Sanktionen und Verfahrenskosten in Höhe von 4,7 bis 5,5 Millionen Franken gebüsst werden.

Schon 2009 hatte Quadroni die Unterlagen, die das Kartell belegen, dem Tiefbauamt Graubünden und kurz darauf dem damaligen Gemeindepräsidenten von Scuol und heutigen BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini präsentiert. Danach geschah nichts. Über die Gründe gehen die Schilderungen auseinander.

«Von Absprachen nichts mitbekommen»

Parolini sagt, Quadroni habe ihm die Akten nicht überlassen wollen. Das Tiefbauamt teilt mit, die Unterlagen hätten Sachverhalte betroffen, die mehr als zehn Jahre zurückliegen. Als Quadronis Unternehmensberater die Dokumente 2012 ohne Rücksprache an die Weko verschickte, ging es allerdings schnell: Es folgten Hausdurchsuchungen, Selbstanzeigen und Untersuchungen.

In die Vorgänge involviert ist auch der BDP-Regierungsratskandidat Andreas Felix. Er war Geschäftsführer des Graubündnerischen Baumeisterverbands, der laut Weko bis 2008 die Versammlungen organisierte und mit Verfahrenskosten gebüsst werden soll. Gegenüber der «Republik» sagt Felix, er habe von den Absprachen nichts mitbekommen.

Das Kartell dauerte bis 2012. Das betroffene Beschaffungsvolumen dürfte laut Weko 100 Millionen Franken «deutlich übertreffen». Noch hängig ist der Entscheid der Weko zu einer Untersuchung, die den Strassenbau im ganzen Kanton Graubünden betrifft und «grösserer Natur» ist.

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wissender am 26.04.2018 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    Denkt jemand

    das sei in anderen Regionen anders?

    einklappen einklappen
  • Andy am 26.04.2018 15:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überraschung??

    Ist man da überrascht?!?

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  • B. Eton am 26.04.2018 15:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So läufts

    Erstaunlich. Für einmal nicht das Wallis.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Korrupt Ion am 27.04.2018 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer das Gleiche...

    Es wird einen Grund haben, warum die Bündner Regierung immer die gleichen Firmen genommen hat. Und wer immer noch glaubt ein Politiker sei ein Volksverter, der glaubt auch noch an den Storch.

  • Anonym am 27.04.2018 16:12 Report Diesen Beitrag melden

    Die kleinen Fische werden bestraft

    Ja, und ich musste nun hautnah miterleben, wie ein Familienmitglied (mit Kindern) einer dieser Firmen entlassen wurde. Ohne richtige Begründung. Nach so vielen Jahren Treue. Eine wahre Schande.

  • Walter am 27.04.2018 16:04 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt auch positives

    Es ist gut das das in Licht kommt große Strafen wären fällig, aber es darf auch geschrieben werden das es Firmen gibt die Arbeiter am Albulatunnel übernehmen die bei der Konkursiten Italienischen Firma tätig waren und seit Monaten kein Lohn mehr bekamen, für dies Menschen ein Glücksfall

  • Matth am 27.04.2018 15:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu tiefe Bussen

    Wieso sind die Bussen aber geringer als die geschätzten Mehrkosten? Das animiert doch gerade zu zum Fehlverhalten. Selbst wenn man erwischt wird, steht man immer noch besser da...

  • Heimwerker am 27.04.2018 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    Parallelimporte forcieren

    Werkzeug, Geräte und Material sind im Baumarkt viel günstiger. Im angrenzenden Ausland sowieso. Gut, dass Aldi auch Werkzeug und Sanitärzubehör verkauft, aber leider noch viel zu wenig (...).