Schlacht bei Marignano

18. September 2013 13:37; Akt: 18.09.2013 13:45 Print

Keine Feier für die grösste Schlappe der Eidgenossen

von S. Hehli - 1515 endeten die Schweizer Grossmachtsträume bei der Schlacht von Marignano – für viele die Geburtsstunde der Neutralität. Der Bundesrat will das Datum dennoch nicht feiern.

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Gerne hätten sich die alten Eidgenossen neben dem Tessin noch weitere Gebiete südlich des Gotthards unter den Nagel gerissen. 1515 kam mit der Schlacht von Marignano in der Nähe von Mailand die Wende: Die französische Artillerie richtete unter den eidgenössischen Truppen ein Blutbad an, die mit den Franzosen verbündeten Venezianer erledigten den Rest – die Schweizer beklagten Verluste von gegen 10'000 Mann, fast die Hälfte der nach Süden entsandten Armee.

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Für den Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano markiert die verheerende Niederlage den Beginn der Schweizer Neutralitätspolitik. Er wollte deshalb vom Bundesrat wissen, ob dieser gedenke, die Festivitäten zum 500. Jahrestag im übernächsten Jahr zu unterstützen. Geplant sind eine grosse Gedenkfeier, ein Gedenkschiessen, Publikationen und ein Geschichtskongress.

«Keine gesamtschweizerische Aufgabe»

Die Landesregierung winkt jedoch ab. Sie anerkennt in ihrer Antwort zwar, dass Marignano einen Wendepunkt der eidgenössischen Geschichte darstelle und das kollektive Gedächtnis beeinflusst habe. Aber der Bundesrat mag keine Feierlichkeiten anstossen. Auch will er die Kassen nicht öffnen. Die Erinnerung an Marignano sei «keine gesamtschweizerische Aufgabe». 1865, 1915 und 1965 seien keine Gedenkmünzen zur Schlacht geprägt worden.

Nationalrat Romano findet, die Wehrhaftigkeit sei ein Teil der Schweizer Identität und für die Motivation der Schweizer Armee von entscheidender Bedeutung. Deshalb trage die Erinnerung an Marignano zum «wachen militärischen Sinn im Land» bei. Auch in diesem Punkt zeigt ihm der Bundesrat die kalte Schulter: Die Niederlage von Marignano spiele im Zusammenhang mit der Wehrhaftigkeit nur eine untergeordnete Rolle.

Geburtsstunde der Neutralität?

Susanna Burghartz, Basler Professorin für Schweizer Geschichte, hat Verständnis für die Zurückhaltung des Bundesrates. «Sich angesichts von Marignano an die wehrhaften Eidgenossen erinnern zu wollen, ist unmodern.» Das sei nicht vereinbar mit der heutigen Schweiz, die ihre Rolle in der Welt nicht mehr militärisch, sondern als Friedensvermittlerin definiert. Sie bezweifelt auch, dass die Schlacht die Geburtsstunde der Schweizer Neutralität ist: Dieses Konzept sei in seiner modernen Fassung erst im 19. Jahrhundert aufgekommen.

Marignano habe jedoch durchaus zu einer Machtkonstellation geführt, die in den folgenden 300 Jahren für das Überleben der noch fragilen Eidgenossenschaft günstig war, erklärt die Historikerin. Um die Schweiz gab es Machtblöcke, die wenig Interesse hatten, das Gebiet zu erobern – etwa die Franzosen oder die Habsburger. «So konnte die Eidgenossenschaft auch die innere Zerreissprobe der Reformation ab 1521 überstehen», sagt Burghartz.

Nachdenken über heutige Armee statt Fahnenappelle

Einer der Gründe für die Schonung der Schweiz nach 1515 war, dass sie den Nachbarn als Lieferantin von Söldnern nützlich war. Burghartz plädiert denn auch dafür, die Erinnerung an die Schlacht für heutige Problemstellungen zu nutzen, statt markige Fahnenappelle durchzuführen. «Wir könnten vor dem Hintergrund von Marignano die derzeit aktuelle Frage der Söldnerfirmen debattieren – oder über die Bedeutung der Armee für die Sicherung des staatlichen Gewaltmonopols in der Zukunft nachdenken.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Geyer am 18.09.2013 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Ruhmreiche Kriegsreisende

    Ich gedenke meinen ehrvollen Vorfahren täglich. Da braucht es kein offizielles Dekret. Schweizer Reisläufer revolutionierten die Schlachtenordnung grundlegend, standen in vielen Schlachten wehrhaft und siegreich. Kämpften in Paris und Rom bis zum letzten Mann, Wiesen Karl den Kühnen in die Schranken und waren Vorbild nachfolgender Landsknechte aus dem H.R.R. Deutscher Nation. Sie medial durch Historikerin XY verrunglimpfen oder schmälern zu wollen, ist schlichtweg respektlos.

  • Dani am 18.09.2013 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade.

    Schade haben unsere Vorfahren damals verloren. Sonst wäre jetzt bis Mailand schweizer Staatsgebiet und ich könnte meinen geliebten Old Williams aus dem Südtirol literweise nach hause karren.

  • Roman M. am 18.09.2013 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wichtiges Geschehniss

    Feiern wäre wohl nicht der richtige Ansatz. Aber einen Gedenkanlass dürfte es doch geben. Schliesslich war diese Niederlage der Startschuss für viele gesellschaftliche Veränderungen (Reformation, Neutralität), die schlussendlich zur modernen Schweiz führte. Finde ich eigentlich noch wichtig für unser eigenes Verständnis.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marco Schwarz am 18.09.2013 22:12 Report Diesen Beitrag melden

    the story-teller

    Wenn unsere furchtlosen Vorfahren doch wenigstens das Veltlin und die Toskana eingenommen hätten. Ich muss nämlich eingestehen, dass sich mein Magen im Laufe der Jahre zu dem Organ entwickelt hat, welches mir am meisten Vergnügen bereitet

  • Martin Geyer am 18.09.2013 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Ruhmreiche Kriegsreisende

    Ich gedenke meinen ehrvollen Vorfahren täglich. Da braucht es kein offizielles Dekret. Schweizer Reisläufer revolutionierten die Schlachtenordnung grundlegend, standen in vielen Schlachten wehrhaft und siegreich. Kämpften in Paris und Rom bis zum letzten Mann, Wiesen Karl den Kühnen in die Schranken und waren Vorbild nachfolgender Landsknechte aus dem H.R.R. Deutscher Nation. Sie medial durch Historikerin XY verrunglimpfen oder schmälern zu wollen, ist schlichtweg respektlos.

  • Roman M. am 18.09.2013 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wichtiges Geschehniss

    Feiern wäre wohl nicht der richtige Ansatz. Aber einen Gedenkanlass dürfte es doch geben. Schliesslich war diese Niederlage der Startschuss für viele gesellschaftliche Veränderungen (Reformation, Neutralität), die schlussendlich zur modernen Schweiz führte. Finde ich eigentlich noch wichtig für unser eigenes Verständnis.

  • Dani am 18.09.2013 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade.

    Schade haben unsere Vorfahren damals verloren. Sonst wäre jetzt bis Mailand schweizer Staatsgebiet und ich könnte meinen geliebten Old Williams aus dem Südtirol literweise nach hause karren.

  • Ruedi am 18.09.2013 18:24 Report Diesen Beitrag melden

    Feiern?

    Warum den Tag der eigenen Niederlage zum Feiertag erklären? Sowas würden höchstens die Franzosen machen, denn die können nicht allzuviele Siege vorweisen ;-)