«Toleranzschwelle 0»

09. Juli 2019 10:26; Akt: 09.07.2019 17:54 Print

Das sind die Forderungen nach dem Frauenstreik

Das Parlament müsse weitere Massnahmen zur Gleichstellung zwischen Mann und Frau ergreifen. Verfolgen Sie hier live die Medienkonferenz der Schweizer Gewerkschaften.

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Die grösste Demo der jüngeren Geschichte: Demonstration am Frauenstreik, hier in Zürich. Auch in Lausanne gingen Tausende auf die Strassen. Die Berner Innenstadt fest in der Hand der Demonstrantinnen. Streikende blockieren beim Zürcher Central den Verkehr. Auch die Rettungsfahrzeuge von Schutz und Rettung kommen nicht durch, wie die Stadtpolizei Zürich mitteilt. Die SP-Nationalraetinnen Nadine Masshardt, Yvonne Feri, Laurence Fehlmann Rielle, Priska Seiler Graf, Barbara Gysi, Mattea Meyer, und Jacqueline Badran, von links, während der Sommersession in Bern. Um 11 Uhr wurde die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrochen. Auch Bundesrätin Viola Amherd trägt heute Violett. Auch Mitarbeiterinnen einer Kita in Winterthur legten am Freitag ihre Arbeit nieder. In Bern hängten maskierte Aktivistinnen am Morgen Plakate auf. Der Theaterplatz in Luzern ist voll besetzt. Zwei Frauen ziehen eine Klitoris-Skulptur über die Hardbrücke in Zürich. In St. Gallen haben sich ebenfalls zahlreiche Frauen zum Streik versammelt. In Sitten VS wollten die Frauen ins Rathaus. Die Polizei hinderte sie daran. Am Freitag dominiert in der Schweiz die Farbe Violett. (Bild aus Lausanne) Am frühen Freitagmorgen verbrannten Aktivistinnen BHs... ...und Schilder. Die Frauen versammelten sich um das Feuer. In Rumlingen BL wird zum Streik aufgerufen. Der Aufruf hängt am Viadukt. Die Gemeinde ist damit nicht allein. In der Nacht auf Freitag und am frühen Morgen sind in Lausanne Frauen auf die Strasse gegangen. (13. Juni 2019) Bereits am Donnerstagabend leuchtete der Roche-Turm in Basel im Zeichen des Frauenstreiks. Auch das Konzert Theater Bern ist bereit für den Frauenstreik. (13. Juni 2019) Erich Hess (SVP-BE) riss am 13. Juni 2019 vom Rednerpult des Berner Stadtparlaments ein Plakat, das zum Frauenstreik aufruft. Die SVP-Fraktion - die ausschliesslich aus Männern besteht - hatte im Vorfeld einstimmig beschlossen, das Plakat zu tolerieren. Doch Hess sah durch das Plakat die politische Neutralität des Parlaments verletzt und entfernte es. In der Stadt Zürich läuft zum Frauenstreik am 14. Juni 2019 einiges. Das bunte Programm beinhaltet unter anderem eine Klitoriswanderung oder auch «Menstruiern aufs Patriarchat». Eine mobile Klitoris wandert den ganzen Tag durch die Stadt. Abends können Streikende auch noch zur Vulvaschau. Was diese genau beinhaltet, wird nicht beschrieben. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: 18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018. Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.» «Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen. 57 Prozent der Frauen fühlen sich diskriminiert, während 67 Prozent der Männer keine Benachteiligungen sehen. Für Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist die Notwendigkeit des Streiks ungebrochen, obwohl eine Mehrheit von 53 Prozent keine Diskriminierung der Frauen sieht. «Wir haben Fortschritte gemacht. Aber dass jede Vierte offenbar respektlosen Umgang erlebt, ist weiterhin alarmierend.» Dass zudem die Lohnungleichheit als grösstes Problem gesehen wird, erstaunt Trachsel nicht: «Das ist seit 20 Jahren das Topthema. Es ist objektiv messbar und bewegt daher am meisten.» Doch wie ist es zu erklären, dass 67 Prozent der Männer finden, Chancengleichheit sei gegeben oder gar sie selbst seien diskriminiert? «Männer müssen ins Militär und haben keinen Vaterschaftsurlaub. Sie können sich auch diskriminiert fühlen», sagt Trachsel. Da aber die Rechte der Frauen eher debattiert würden, wehrten sich die Männer, indem sie Frauen die Solidarität entzögen, so Trachsels Interpretation. «Im Vergleich zur Generation meiner Mutter sind wir privilegiert», sagt Claudine Esseiva von den FDP-Frauen. In den letzten Jahren habe man viel erreicht. Die Zahlen zeigten aber, dass es noch Nachholbedarf gebe – auch wenn die Hälfte der Befragten Frauen als nicht benachteiligt ansieht.

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Die Gewerkschaften wollen die «Kraft der grossen Mobilisierung» nutzen und die Forderungen des Frauenstreiks vom 14. Juni in die Lohn- und GAV-Verhandlungen tragen. Zentrale Forderung ist eine Aufwertung der klassischen Frauenberufe.

«Mit aller Kraft» wollen die Gewerkschaften die Streikforderungen in die herbstlichen Verhandlungen mit der Arbeitgeberseite tragen, wie sie am Dienstag vor den Medien in Bern betonten. Mehr als eine halbe Million Frauen und solidarische Männer hätten am 14. Juni eine deutliche Aufforderung an die Politik gesendet.

Mindestlohn von 4000 Franken

Das Parlament müsse weitere wirksame Massnahmen ergreifen. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub und Geschlechterrichtwerte seien ein Anfang, reichten jedoch bei weitem nicht.

In den Lohn- und GAV-Verhandlungen wollen die SGB-Gewerkschaften Mindestlöhne von 4000 Franken in Branchen mit hohem Frauenanteil und generell faire Löhne für Frauen fordern, namentlich im Gesundheitswesen.

In allen öffentlichen und subventionierten Betrieben verlangt der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) regelmässige Lohnüberprüfungen. Für gleiche Funktionen bei gleichen Voraussetzungen müsse eine «Toleranzschwelle 0» gelten.

Klassische Frauenberufe höher einreihen

Als klassische Frauenberufe taxierte Tätigkeiten müssten deutlich höher eingereiht werden auf den Lohnskalen. Dazu zählten sämtliche Berufe, bei denen es um die Betreuung von Kindern, Kranken, Betagten und Hilfsbedürftigen geht, so VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber gemäss Medienunterlagen.

Im Bildungsbereich müsse die Arbeit im Kindergarten aufgewertet werden. Kindergärtnerinnen und -gärtner müssten gleich viel verdienen wie Primarlehrkräfte.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Weiter braucht es laut Prelicz-Huber im Gesundheitsbereich die Anerkennung der Umkleidezeit als Arbeitszeit, Frühpensionierungsmöglichkeiten ab 60 bei voller Rente und Gesamtarbeitsverträge (GAV) in der privaten Pflege. Die Arbeitszeit für alle soll sukzessive auf 35 Stunden pro Woche gesenkt werden

Zudem sollen von den Unternehmen betriebliche Reglemente und Leitlinien zur Verhinderung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sowie Schulungen dazu eingefordert werden. Schliesslich müssten Lehrmittel auf diskriminierende Darstellungen und Geschlechterstereotypen überprüft und angepasst werden.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan Stammtisch am 09.07.2019 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichstellung denn auch durchgängig?

    Wieso werden denn die Forderungen nach Gleichstellung in den Bereichen Bevölkerungsschutz (Militärdienst), Rentenalter und Witwenrenten nicht laut? Ach, ich weiss schon...

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  • F. Rau am 09.07.2019 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer zahlt?

    Es reicht! Feministinnen schaden den Frauen! Wer soll das alles bezahlen? Statt immer zu fordern, arbeitet zuerst einmal. Frauen haben heutzutage alle Möglichkeiten, nur wollen/nehmen sie viele nicht wahr.

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  • nadia M. am 09.07.2019 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie jetzt?

    sollen die Frauen jetzt bereits mit 60 in die Rente dürfen und nur 35std arbeiten müssen bei gleichem Lohn wie Männer mit 65 Rente und deutlich mehr Arbeitszeit oder wie??? wenn ja wo wäre dann da die Gleichberechtigung? müsste eher auf 65 erhöht werden sowie mehr Arbeitszeit geben

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Erna Koritz am 10.07.2019 22:09 Report Diesen Beitrag melden

    Diplomingenieur

    Als gelernter DDR - Bürger bin ich überrascht über die Forderungen. Bei uns gab es keinen Lastenausgleich bei Scheidung, Witwenrente erst ab 1972, 100 Mark, Kindergeld 20 Mark. Da waren die Frauen gezwungen, arbeiten zu gehen. Nachdem das selbstverständlich war, ergriffen sie alle Möglichkeiten auch technische Berufe und Studien, übernahmen Verantwortung. Bis zur mittleren Ebene dominierten Frauen in leitenden Positionen. Die alleroberste Ebene der Regierung war von Männern besetzt. Wahrscheinlich lieben Frauen eher die sachbezogene Arbeit als das Geklüngel in Chefetagen. Quoten sind Quatsch

  • Heinz Maier am 10.07.2019 22:05 Report Diesen Beitrag melden

    frauen verdienen weniger?

    frage: wenn frauen tatsächlich günstiger sind und die gleiche leistung erbringen wie männer, was hätte ich dann für ein interesse einen teureren mann einzustellen?

  • Peter am 10.07.2019 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Frauenanliegen?

    Das sind doch keine Frauenanliegen. Das sind klassische Anliegen der politischen Linken. 35 Stundenwochen ein Frauenanliegen? Gibt doch auch Arbeitgeberinnen und Frauen als Personalverantwortliche. Sind denn das keine richtigen Frauen? Aufgrund dieser «Avanti Popolo» Rhetorik verliert das Ganze als Frauenbewegung massiv an Legitimität. Eigentlich schade, es gäbe wirklich anliegen die alle Frauen betreffen würden. Aber das Ganze wird wieder mal politisch ausgeschlachtet.

  • Das Oorakl am 10.07.2019 20:02 Report Diesen Beitrag melden

    Perspektiven

    Jeder Macho hat mehr Anstand von Hausfrauen und Hausmänner als es 90% der berufstätige Frauen haben. Einfach mal den berufstätigen "Frauen" zuhören wie diese über die Hausfrauen und Hausmänner urteilen. Das hat übrigens mit Neid zu tun. Ich erinnere dann alle an Euch "Frauen" wenn es dann mal knallt :-)

  • Michi am 10.07.2019 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Provozieren um zu denunzieren

    Das ist das Hauptwerkeug des Femminismus!