Islam-Expertin

07. Mai 2018 05:47; Akt: 07.05.2018 08:30 Print

«Erdogan will Türken in der Schweiz auf Kurs bringen»

In einem Theater spielten türkische Buben Krieg. Das Stück entstand in einem von der Türkei finanzierten Freifach. Laut Saïda Keller-Messahli hat das System.

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Sie posieren als Leichen, zugedeckt mit türkischen Fahnen, oder richten Waffen aufeinander, während aus den Lautsprechern Maschinengewehrsalven ertönen: Im Rahmen eines Kurses für Heimatliche Sprache und Kultur (HSK) Ende März spielten St. Galler Schulkinder in Uttwil TG die Schlacht von Gallipoli im Jahr 1915 nach. Die Kurse werden von der türkischen Botschaft finanziert. Islam-Kennerin Saïda Keller-Messahli nimmt Stellung.

Frau Keller-Messahli, Sie haben immer wieder Erdogans Einfluss in der Schweiz kritisiert. Sind Schüler, die in Militäruniformen marschieren und eine Schlacht nachstellen, eine neue Dimension?
Das ist in der Tat eine bedenkliche neue Dimension: Die Institutionen von Recep Tayyip Erdogan in der Schweiz, zu denen auch die türkische Religionsbehörde Diyanet oder die Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD), gehören, sind schamlos geworden – jetzt, da ihre circa 70 Moscheen und diversen Stiftungen Fuss gefasst haben und unbehelligt wirken können.

Nachgespielt wurde die Schlacht von Gallipoli 1915. Was ist die Symbolkraft dieses Ereignisses?
Die Symbolkraft dieser Schlacht, die das damalige Osmanische Reich gegen Frankreich, Grossbritannien und Australien gewann, besteht darin, die Macht des «Türkentums» und des Islam zu glorifizieren und die Assoziation zur heutigen Türkei herzustellen.

Was ist das Ziel der türkischen Botschaft und Erdogan?
Es geht überall darum, türkischstämmige Personengruppen – insbesondere Kinder – auf Erdogan-Kurs zu bringen, der für den politischen Islam steht. Mit der Propaganda will Erdogan erreichen, dass Schüler «Türkentum» und Islam zu ihrer Sache machen.

Hinter dem Unterricht soll die türkische Botschaft stehen. Welche Rolle spielt die Botschaft bei der Verbreitung von Erdogans Propaganda an den Schulen?
Sie spielt eine zentrale Rolle zwischen allen türkischen Institutionen in der Schweiz. Sie wirkt als Verstärkerin und Garantin von Erdogans Propaganda in allen europäischen Ländern. Indem sie finanzielle und organisatorische Aspekte abdeckt, gelingt es ihr, die Menschen einzubinden.

Die Aufführung war Teil des HSK-Unterrichts, der für den türkischen Teil von der Botschaft finanziert und organisiert wird. Was müssten die Kantone tun, um solche Auswüchse zu verhindern?
Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb eine öffentliche Schule es zulässt, dass eine ausländische Botschaft Zugriff auf ihre Räume und ihre Schüler erhält. Hier hat sich die Schule instrumentalisieren lassen. Die Kantone müssen der türkischen Botschaft klarmachen, dass eine politische Instrumentalisierung dieses Unterrichts nicht akzeptabel ist. Ansonsten sollten sie die Zusammenarbeit beenden.

Wer schickt seine Kinder in diese Türkischkurse? Sind das bereits Erdogan-Fans – oder sind da auch gemässigte Eltern dabei?
Die meisten Eltern denken sich wohl nichts Böses dabei, ihre Kinder in Kurse zu schicken, in denen sie die Kultur und die Sprache des Heimatlandes kennen lernen. Das Gefährliche im Fall der Türkei: In jeder ethnischen Gruppe besteht ein Gruppendruck, dem sich nur eigenwillige Menschen entziehen können. Hat sich mal herumgesprochen, dass es «sich gehört», die Kinder dorthin zu schicken und dass die Dienstleistung womöglich gratis ist und ein edles Ziel hat, werden viele Eltern mitmachen – obwohl dort Anschauungen vermittelt werden, die sie selbst nicht teilen. Ich glaube nicht, dass Erdogan-kritische Leute ihre Kinder der türkischen Botschaft überlassen würden.

Ähnliche Unterrichtsstrukturen gibt es auch in Deutschland. Ist die Erdogan-Propaganda an ausländischen Schulen ein europaweites Phänomen?
Ja. Über verschiedene Kanäle wie Koranschulen, Moscheen und Freifächer an der öffentlichen Schule wird versucht, Zugriff auf die Diaspora in allen Ländern Europas zu erhalten, um sie einzubinden, zu bewirtschaften und auf Kurs zu bringen.

Saïda Keller-Messahli ist Präsidentin des Vereins für einen fortschrittlichen Islam.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Biker am 07.05.2018 06:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neu und Alt

    Ich höre immer Heimatland. Wenn ich als Lebensmittelpunkt, da wo mein Heim ist, meine neue Heimat, ein anderes Land wähle, als mein Geburtsland, dann ist das neue Land meine Heimat. Diese Kultur sollte dann die Meine sein, nicht der alte, abgeschnittene Zopf. Ich verstehe nicht, warum man etwas glorifizieren und dem nachhängen sollte, das man weggeworfen hat, zugunsten etwas Neuem. Wenn doch das Alte so viel besser und erstrebenswerter ist, warum etwas Neues beginnen? Gilt für alle Ausländer, die hier sind und bleiben wollen. Lernt unsere Kultur und Werte kennen. Das Alte ist vorbei.

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  • Eidgenosse am 07.05.2018 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schweizer Kultur nummer 1

    Wer in der schweiz lebt, lebt unsere kultur

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  • Maria am 07.05.2018 06:50 Report Diesen Beitrag melden

    Erst der Anfang

    Jeder vernünftige Mensch sah das alles schon lange so kommen. Und es wird noch ganz anderes auf uns zukommen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • thomas jordi am 07.05.2018 18:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    colanio

    wirklich nichts bessereszu bieten? niemals dürfte solches zugelassen werden!

  • Mani Motz am 07.05.2018 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuhause heisst auch die Kultur leben

    Jeder sollte dort leben, wo er sich zuhause fühlt und dann auch diesen Ort als sein Zuhause nennen.

  • steven am 07.05.2018 09:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schweiz 2018

    ich finde alleine schon die tatsache erschreckend, dass es an einer schweizer primarschule genügend türkischstämmige kinder hat, um ein das osmanische reich verherrlichendes theater aufzuführen. sollte an schweizer schulen nicht tell von schweizerstämmigen kindern aufgeführt werden? oder führen das die schweizstämmigen schüler in der türkei auf?

  • Eidgenoss am 07.05.2018 08:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Dass die Schweiz es zulässt, dass ein Diktator politische Propaganda in der Schweiz betreibt, ist des Guten zu viel. Ich erwarte vom Bundesrat eine rasche Erklärung, dass das nicht geht. Oder ist das von unsern 7 Mitgliedern zu viel verlangt? Wollen die unsere Schweiz komplett verkaufen? Und die lieben Erdogan-Unterstützer hier: wenn der so gut ist wie ihr meint: ab nach Ankara, obe way, und heute noch.

  • Seislerbueb am 07.05.2018 08:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Little Istanbul

    Ich habe jahrelang mit Türken zusammen gearbeitet. Es ist erschreckend in was für einer Parallelgesellschaft viele dieser Leute leben. Selbst solche aus 2. und 3. Generation. Sie sind zum Teil sehr Nationalistisch und halten nicht viel von der Schweiz und unseren Gepflogenheiten. Ausserdem hörte ich ständig frauenfeindliche, homophobe und rasstische Aussagen. Man sollte die Zuwanderung aus der Türkei endlich begrenzen, vorallem der Familiennachzug. Ich will nicht das hier Zustände wie in Deutschland herrschen.