Windeln im Zug gewechselt

21. August 2019 10:24; Akt: 21.08.2019 15:52 Print

Kind von Wickel-Mami ist schwer krank

Nach einem langen Tag im Spital wickelte Yvonne W. ihr zwei Monate altes Kind im Zugabteil. Die Aktion wurde tausendfach kommentiert. Einige Kommentare trafen die Mutter sehr.

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In einem Viererabteil des Intercity von Bern nach Zürich wickelte eine Frau letzte Woche ihr Baby. Andere Pendler hätten wegen des Gestanks das Weite gesucht, sagte ein Leser-Reporter. Auch in den Kommentaren auf 20 Minuten gab die Aktion zu reden.

Dass das Thema interessiert, zeigen auch die Reaktionen auf einen offenen Brief von Bloggerin Tanja Suppiger. Darin schrieb sie etwa, wie stolz sie auf die Entscheidung der Mutter sei. Der Brief wurde auf Facebook innerhalb von drei Tagen über 5400-mal gelikt und über 800-mal kommentiert.

Ganztägige Untersuchung im Kinderspital

Yvonne W.* aus dem Kanton Zürich ist die betroffene Mutter. Zu 20 Minuten sagt sie: «Ich hätte nie gedacht, dass die Aktion solche Wellen wirft.» Sie führt aus, wie es zu der Situation im Zug gekommen ist: «Mein zwei Monate altes Kind ist mit einer seltenen Krankheit geboren und wir hatten eine ganztägige Untersuchung im Kinderspital Bern. Nach diesem Tag waren wir einfach total erschöpft.»

Als sie dann die rund dreistündige Heimfahrt antreten konnte, habe sie zuerst im Gang stehen bleiben müssen, weil der Zug so voll gewesen sei. «Ich würde nie freiwillig mit einem Baby zu Stosszeiten den Zug nehmen. Aber an diesem Tag ging es nicht anders.»

Wickeln dauerte etwas länger

Eine Frau habe ihr dann den Sitzplatz angeboten: «Ich merkte ziemlich schnell, dass die Windel voll war. Trotzdem habe ich gewartet, bis der Zug in Zürich leerer wurde, damit ich die anderen Passagiere mit dem Wickeln nicht störe.» Bis dahin habe sie ihr Baby mit ihrer Jacke umwickelt, damit sich die anderen nicht am Geruch störten. «Weil aber die Babykleidung auch dreckig geworden ist, hat das Wickeln etwas länger als sonst gedauert.»

Sie habe nicht gewusst, dass sie fotografiert worden sei: «Um ehrlich zu sein: Ich bin froh, hat die Person mich fotografiert und nicht angesprochen. Es war ein wirklich nervenaufreibender Tag. Ich hätte keine Nerven dafür gehabt.» Aus dem Augenwinkel habe sie jedoch wahrgenommen, dass vorbeilaufende Passagiere sie beobachtet hätten.

«Ich habe mir lange überlegt, was ich machen soll»

Auch jetzt noch sei sie aber der Meinung, dass sie genug Rücksicht auf die anderen genommen habe. «Ich wusste, dass ich mein Kind dort wickeln darf, habe aber nicht gewusst, dass es im Zug Wickeltische gibt», sagt W. «Ausserdem hatte ich eine Unterlage und habe dann auch alles so entsorgt, dass es nicht stinkt.» Sie beteuert, niemandem den Platz weggenommen zu haben: «Es waren ja viele dabei, auszusteigen oder einzusteigen. Es musste wirklich niemand wegen uns stehen.»

Per Zufall hat sie durch eine Verwandte dann erfahren, dass ihre Aktion solche Wellen geschlagen hat: «Der Bericht hat mich nicht gestört. Einige Kommentare haben mich aber verletzt. So hiess es etwa, dass ich mich in aller Öffentlichkeit nun für meine Aktion entschuldigen solle, obwohl ich ja nichts falsch gemacht habe. Die Kommentare haben mich zum Grübeln gebracht und an mir selbst zweifeln lassen.»

Der Zuspruch von anderen Frauen, aber auch der offene Brief hätten ihre Stimmung jedoch wieder gehoben. «Ich fand es sehr schön, dass jemand meine Situation und Gefühle so in Worte gefasst hat. Denn ich habe mir im Zug wirklich lange überlegt, was ich machen soll.»

*Name der Redaktion bekannt

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dreifachmami am 21.08.2019 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grundbedürfnis

    Liebe Mutter, es tut mir leid, dass Du dich sogar noch rechtfertigen musst. Ich hätte auch mein Kind ohne Spitalaufenthalt gewickelt. Ich stille auch mein Kind. Es ist doch beides das normalste auf der Welt...Grundbedürfnis! Essen,trinken,Toilette..... Meine Freundin sagte vor einem Monat, wie traurig es sei, die Schweizer haben mehr Freude an einem Hund als an einem Baby. Ich dachte sie übertreibt. Aber als ich deine Geschichte gelesen habe,merkte ich,wie Recht sie hat...sehr traurig.... Dir und deinem Baby alles Gute und viel Kraft solche Meinungen zu ignorieren und abzuhacken...

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  • Waldis am 21.08.2019 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Ein unangehnemer geruch breitete sich aus"

    Ein Leser dchrieb "Ein unangenehmer Geruch breitete sich aus". Auch eine nicht gewechselte Windel breitet einrn unangehmen Geruch aus. Also kurz Wikeln und der unangehneme Geruch vergeht und das Baby fühlt sich wohl. Also bitte einbischen Rücksicht nehmen

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  • icky am 21.08.2019 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Vorurteile...

    Mich hat das Verhalten der Mutter nie gestört, hätte es auch nicht, wenn ich vor Ort gewesen wäre. Stossend finde ich, dass vor wenigen Tagen noch so viele auf die Mutter einprügelten und jetzt bei der neuen Ausgangslage finden es alle ok. Was lernen wir daraus: passen wir auf mit Vorurteilen (auch wenn es eigentlich keine Rolle spielen sollte, ob das Kind krank ist oder nicht). Die grösste Schande ist sowiso der Lesereporter

Die neusten Leser-Kommentare

  • S.K am 21.08.2019 18:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stay strong

    Ich entschuldige mich für die Taten meiner Mitmenschen "sie wissen" es einfach nicht besser. Ich wünsche ihnen und dem Baby alles gute für die Zukunft

  • Manuel am 21.08.2019 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Mir fehlen die Worte

    Liebe Yvonne W., Du musst Dich ganz sicher nicht rechtfertigen. Windeln wechseln, Stillen und so weiter ist und bleibt in der Öffentlichkeit erlaubt!

  • P. Ampers am 21.08.2019 17:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinneswandel ?

    Auf einmal sind alle auf der Seite der wickelnden Mutter, und letzte Woche wurde noch gehackt was das Zeug hält ! Ich bleibe dabei, denn wir haben alle unsere Probleme, einen schwierigen Arbeitstag, sind müde und fertig mit den Nerven etc., trotzdem müssen wir uns an die Umgangsformen halten, sonst würden wir uns alle nur noch "anbellen" und die Situation würde ausarten. Auch diese Mutter hätte die paar Schritte zur Toilette machen können, trotz allem Schicksal welches wir verstehen und bedauern ! Kräftig Daumen runter LOL !

  • Martin am 21.08.2019 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    Unanständig...

    ist, wer fremde heimlich im Zug fotografiert und es dann zur Zeitung sendet...

  • Lotti am 21.08.2019 17:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also echt

    Schön Thema geklärt... dafür haben wir nun drei Artikel lesen dürfen... Sommerloch somit vorbei?