Kinderehen

07. November 2019 04:48; Akt: 07.11.2019 08:39 Print

Nesrin (17) bleibt Ehefrau, weil Behörde nichts tut

von Remo Schraner - In der Schweiz leben Hunderte, die als Kind verheiratet wurden. Die Behörden kommen mit den Fällen nicht nach – mit fatalen Folgen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Jede Woche melden sich bis zu elf Betroffene bei der Fachstelle Zwangsheirat, dem Kompetenzzentrum des Bundes. Jeder dritte ist dabei noch minderjährig. «Das sind so viele wie noch nie», sagt Anu Sivaganesan (32), Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat. 2018 betreute die Fachstelle 119 Fälle von Minderjährigenheiraten. Die meisten Betroffenen sind Kurden aus dem Irak und Syrien oder sie stammen aus der Türkei, Afghanistan oder Somalia.

Umfrage
Was meinst du zu den Kinderehen?

Du wurdest als Kind verheiratet? Dann erzähl uns deine Geschichte!

«Der Hauptgrund dafür ist der Kult um die Jungfräulichkeit der Frau», erklärt die Präsidentin der Fachstelle Zwangsheirat. Die Familien sehen in der Schweiz die Gefahr, dass ihre Tochter bereits vor der Ehe Sex haben könnte. Denn hier lebt man nicht getrennt nach dem Geschlecht. «Um die Familienehre zu wahren, wird die Tochter dann im Ausland als Minderjährige verheiratet oder verlobt», so die Präsidentin.

Zwei junge Frauen, die als Mädchen verheiratet wurden und in der Schweiz leben, sind Samira (19) und Nesrin (17). Damit sie nicht identifiziert werden können, wurden ihre Namen und Herkunftsländer verändert. Das sind ihre Geschichten.

Samira
«Ich versuchte, mir mit Tabletten das Leben zu nehmen»

Samira ist Schweizerin und hier geboren, ihre Eltern stammen aus Syrien. Sie war 15, als sie von ihrer Familie via Telefon mit ihrem Mann in Syrien verheiratet wurde. Ein Jahr später folgte auf Druck der Familie die rituelle Heirat im Ausland.
Letztes Jahr wurde Samira 18. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit wurde die Kinderehe in der Schweiz rechtskräftig. Als die junge Frau das realisierte, versuchte sie sich das Leben nehmen: «Ich schluckte Tabletten meines Vaters. Doch ich überlebte.»

Mit der anerkannten Heirat hat ihr Ehemann, der noch in Syrien lebt, Recht auf Familiennachzug erhalten. Dieses will er auch nutzen: Er wird in den kommenden Tagen in die Schweiz einreisen. Für Samira eine Katastrophe: «Warum anerkennt die Schweiz meine Kinderheirat? Ich will nicht verheiratet sein!» Die 19-Jährige versucht nun verzweifelt mit Hilfe der Fachstelle Zwangsheirat die Einreise ihres Ehemannes zu verhindern.
Die Möglichkeiten sind allerdings begrenzt: Schafft es Samira nicht, ihren Mann von seinem Vorhaben abzubringen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihre Arbeit zu kündigen. Denn ohne finanzielle Absicherung verlöre er den Anspruch auf Familiennachzug. Die Möglichkeit, ein Einreiseverbot für ihren Mann, den sie nicht aus freien Stücken geheiratet hat, zu erwirken, gibt es nicht.

Was aber, wenn die Einreise nicht verhindert werden kann und Samira zumindest das Zusammenleben verhindern will? Samira bliebe noch die Option, abzutauchen und mit der Hilfe der Fachstelle Zwangsheirat unter einer neuen Identität weiterzuleben. Das würde aber auch einen Bruch mit der gesamten Familie bedeuten.

Nesrin
Nesrins Fall landete beim Gericht – ohne Folgen

Nesrin war 14 Jahre alt, als sie im Irak verheiratet wurde. Mit 16 kam sie in die Schweiz und erhielt Asyl. Die Asylbehörde erfuhr von der Kinderehe und leitete den Fall an das Gericht weiter. Dieses sollte entscheiden, ob die Weiterführung der Ehe den «überwiegenden Interessen» von Nesrin entspreche. Konkret heisst das: Wäre Nesrin schwanger oder würde sie vor den Schweizer Behörden und der Familie die Liebe gegenüber dem Ehemann bestätigen, dürfte die Ehe bestehen bleiben. Eine Altersuntergrenze gibt es per Gesetz nicht. Beides trifft auf Nesrin nicht zu. Trotzdem wurde ihre Kinderehe nicht annulliert. Der Grund: Bis heute hatte das Gericht keine Zeit, ihren Fall zu behandeln. Die Folge: Die Ehe wird in einem Monat rechtskräftig. Denn dann wird Nesrin 18 Jahre alt. Auch eine «normale» Scheidung würde keine rasche Lösung bieten. Denn ihr Ehegatte würde diese wohl anfechten und somit die Scheidung um mindestens zwei Jahre verzögern.

Kinderehen gelten in der Schweiz nicht als Zwangsehen

Wie kann es sein, dass die Schweiz Ehen anerkennt, ohne sie vorher zu prüfen? Kinderehen gelten in der Schweiz nicht als Zwangsehen und sind somit nicht grundsätzlich verboten. Doch die Überprüfung solcher Fälle mittels Interessenabwägung steht in der Kritik. Anu Sivaganesan: «Die Interessenabwägung dauert meist so lange, bis die betroffene Person volljährig und die Ehe automatisch auch in der Schweiz gültig wird.» Die Grünen und die SVP wollen nun handeln. «Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei Verheiratungen von unter 16 Jährigen um eine Zwangsheirat handelt», sagt SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer. Eine entsprechende Motion reichte sie Ende September ein. Die Fachstelle Zwangsheirat, Kompetenzzentrum des Bundes, sieht das ähnlich. Die Fachstelle schlägt vor, Eheschliessungen, die vor dem 18. Lebensjahr im Ausland geschlossen wurden, in der Schweiz nicht anzuerkennen.

Die Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne) beauftragte den Bundesrat zudem, das Zwangsehenverbot von 2013 auf dessen Wirksamkeit zu prüfen. Besonderes Augenmerk soll dabei die Situation der im Ausland geschlossenen Minderjährigenheiraten erhalten. «Unsere heutige Handhabung bei Zwangsehen ist nicht haltbar. Es müssen neue Massnahmen getroffen werden, die wirklich greifen», sagt Arslan. Was für Massnahmen das sein können, soll nach dem Bericht des Bundesrates besprochen werden. Der Bericht soll spätestens kommenden Januar veröffentlicht werden.

Du brauchst Hilfe?
Die Gratis-Helpline der Fachstelle Zwangsheirat ist jederzeit erreichbar: 0800 800 007

Kommentarfunktion geschlossen
Wir danken für Ihr Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gregor am 07.11.2019 05:15 Report Diesen Beitrag melden

    Darf nicht sein!

    Eltern bestrafen, CH-Pass aberkennen und des Landes verweisen. Mädchen einen Platz im Frauenhaus anbieten mit Möglichkeit einer Ausbildung für eine selbständiges Leben. Im Ausland geschlossene Kinderehen hier als nicht gültig einstufen, auch nicht nach Erreichen des 18. LJ. Familiennachzug in diesen Fällen verbieten.

    einklappen einklappen
  • Stavi am 07.11.2019 06:22 Report Diesen Beitrag melden

    Man traut sich halt nicht

    Der Grund ist wahrscheinlich, dass man heftige Reaktionen der Männer der Familien befürchtet. Also sind sie unantastbar.

    einklappen einklappen
  • Büsi am 07.11.2019 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Gesetz

    Kommt man in die Schweiz, soll man hier so Leben mit dem Gesetz und sonst soll man zurück in das eigene Land

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rosa Rot am 07.11.2019 13:38 Report Diesen Beitrag melden

    Weltweites Verbot

    Es müsste weltweit verboten werden. Denn egal wo und in welcher Kultur - es sind ja IMMER Kinder, über die das bestimmt wird.

  • Mia Obrist am 07.11.2019 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    so ist es

    Es wird von uns doch immer verlangt, dass wir andere Kulturen respektieren. Ja, auch das ist eine andere Kultur und hat uns bis vor ein paar Jahren auch nicht interessiert. Da es hier in der Schweiz verboten ist, ab nach Hause.

  • streiner am 07.11.2019 13:34 Report Diesen Beitrag melden

    Kindersex

    Da die Ehen ja schon sehr früh sein können, wird da der Kindersex nicht gefördert? Meines Wissens nach sind nich alle im selben Alter!

  • solexli am 07.11.2019 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal mehr

    Wir haben ja keine eigenen Probleme, nein wir müssen viel lieber fremde Probleme bearbeiten. Sorry so langsam kommt mir einfach das grosse übergeben auf. Wir haben Menschen die auf das Sozialamt müssen, erst bis auf 4000.- alles ersparte aufbrauchen, das Rentenalter auf 67 hinaufsetzten aber keine Arbeit für Menschen ü 50. Sorry so langsam reicht es doch. Oder glaubt etwa unser angeblicher Rechtsstaat tatsächlich wenn sie hier diese Probleme von Kindsheiraten angehen dass sich da dann etwas verbessert?

  • Bürolangeweille am 07.11.2019 13:32 Report Diesen Beitrag melden

    Aber hauptsache Scheinehe wird härter..

    Es kann doch nicht sein, dass eine Scheinehe härter bestraft wird wie eine Zwangs-oder Minderjährigenheirat?!! Hauptsache bei möglichen Scheinehen wird man überprüft, bestraft und die Heirat wird nicht mehr anerkannt.. aber bei diesen o.g. Fällen werden sie "toleriert".