Statistik

06. April 2014 16:35; Akt: 04.04.2014 20:36 Print

Kinder in der Sozialhilfe – einmal arm, immer arm?

von S. Marty - In der Schweiz beziehen immer mehr Kinder Sozialhilfe. Sind sie einmal in der Armut drin, ist es für die meisten schwierig, aus dieser Lage wieder herauszukommen.

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Immer mehr Kinder in der Schweiz sind von der Sozialhilfe abhängig. (Bild: Bruno Schlatter)

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Ein Leben am Existenzminimum: Knapp 75'000 Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren waren 2012 in der Schweiz von der Sozialhilfe abhängig. Das waren knapp 4000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Seit mehreren Jahren nimmt die Sozialhilfequote bei der Altersgruppe von 0 bis 17 Jahren kontinuierlich zu: Betrug sie 2008 noch 4,4 Prozent lag sie bei der neusten Erhebung 2012 bei 5,1 Prozent. «Bei dieser Altersgruppe zeigt sich ein Trend nach oben, dies ist besorgniserregend», sagte Esther Gerber, wissenschaftliche Mitarbeiterin der St. Galler Fachstelle für Statistik. Anfang Woche veröffentlichte der Ostschweizer Kanton entsprechende Sozialhilfezahlen. Die meisten Kinder stammen aus kinderreichen oder alleinerziehenden Familien.

Walter Schmid, Direktor der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit, spricht zwar nicht von einem dramatischen, aber dennoch ernstzunehmenden Zuwachs. «Bis zu zehn Prozent der Kinder, die in Städten leben, sind in der Schweiz heutzutage arm – Tendenz steigend.» Die Zunahme führt Schmid auf ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen zurück. Zum einen habe der Anteil an Working Poor zugenommen. «Das Niedriglohnsegment hat sich ausgedehnt, immer mehr Menschen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen.» Zum anderen spiele die steigende Zuwanderung eine Rolle. Der Anteil bildungsferner und armer Migranten habe in der Schweiz zugenommen. «Durch die hohe Scheidungsrate rutschen zudem immer mehr alleinerziehende Eltern und deren Kinder in die Sozialhilfe», so Schmid weiter.

Laut Rahel Strohmeier, Dozentin für Soziale Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, tritt oft eine Kombination dieser Faktoren auf: «Prekäre Haushaltssituationen sind nicht selten mit unbefriedigenden Erwerbssituationen verknüpft.» So arbeiteten alleinerziehende, kinderreiche oder bildungsferne Familien meist in Tiefstlohnsegmenten.

Einmal arm, immer arm?

Für Esther Gerber von der St. Galler Fachstelle für Statistik könnte sich der Trend in Zukunft weiter verschärfen: «Sind schon die Eltern Bezüger, ist die Chance gross, dass ihre Kinder folgen.» Demnach liege es nahe, dass die meisten der betroffenen Minderjährigen auch im erwerbsfähigen Alter weiter Sozialhilfe beziehen würden.

Zwar bestätigen auch Schmid und Strohmeier diesen Zusammenhang, von vererbter Armut möchten sie im Gegensatz zu Gerber aber nicht sprechen. «Da Armut nicht angeboren ist, würde ich es eher eine Verfestigung der existenzbedrohenden Situation nennen», meint Schmid. Wenn ein Kind aber in die Sozialhilfe hineingeboren werde, sei das Risiko natürlich grösser, dass es auch in Zukunft von Armut betroffen ist. Fehlende finanzielle Mittel stellen laut Schmid allerdings nur einen Teil des Puzzles dar. «Fehlt einer Familie der Zugang zur Bildung, pflegt sie keine sozialen Kontakte und achtet sie nicht auf die Gesundheit, dann wird es ein Kind später sehr schwer haben.» Denn nicht selten würden sie die Lebensformen und -einstellungen ihrer Eltern kopieren.

Migrantenkinder müssen sich doppelt beweisen

Rahel Strohmeier ergänzt. «Wenn Kinder keine Erfolgspersonen um sich haben, ist es für sie schwieriger, einen Weg aus der Armut zu finden.» Laut der ZHAW-Dozentin muss man sich bei solchen Beurteilungen auch immer die Situation des gesamten Haushalts anschauen – und sich fragen, was der Auslöser war und wo der Haushalt vorher stand. «So handelt es sich bei alleinerziehenden Eltern, die in die Sozialhilfe rutschen, meist um eine zeitlich befristete Armutssituation.» Wenn eine Familie vorher also im Mittelstand lebte, sei das Risiko kleiner, dass sich bei ihren Kindern diese Armut auch längerfristig verfestige.

Anders sei es bei gewissen Kindern mit Migrationshintergrund, sagt Strohmeier. Diese müssten sich etwa auf dem Arbeitsmarkt doppelt beweisen – und dies noch aus einer schwächeren Position heraus. «Zu Hause werden sie im Falle von bildungsfernen Haushalten zu wenig für eine umfassendere Ausbildung motiviert und draussen haben sie, etwa wegen ihres Nachnamens, zusätzlich noch mit Vorurteilen zu kämpfen.»