Zu wenig Geld

11. November 2017 20:32; Akt: 12.11.2017 20:40 Print

Kinder zahlen für arbeitslose Eltern

von B. Zanni - Weil die Eltern den Job verloren haben, müssen junge Erwachsene ihnen teilweise unter die Arme greifen. Das hindert sie am Studieren oder Ausziehen.

Auch eine Strassenumfrage zeigt, dass junge Menschen ohne zu zögern ihre Eltern in finanziellen Notlagen unterstützen würden. (Video: Tarek El Sayed)
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In den Ausgang geht Tim* schon lange nicht mehr. Von Ferien und einer eigenen Wohnung kann der 27-Jährige nur träumen. Mit seinen Eltern wohnt er in einer 3,5-Zimmer-Wohnung. Jeden Monat gibt der Coiffeur einen grossen Teil seines Lohns zu Hause ab – damit die Eltern über die Runden kommen. Sein Vater, Zimmermann, verlor mit 56 Jahren wegen Umstrukturierungen den Job, seine Mutter, Verkäuferin, traf es mit 53.

Umfrage
Was halten Sie davon, wenn Kinder ihren arbeitslosen Eltern über die Runden helfen?

Tim ist das jüngste Mitglied des nationalen Dachverbands Save 50 Plus Schweiz. Laut Präsident Daniel G. Neugart steht die Situation des jungen Mannes für ein Schicksal, das eine Reihe junger Menschen trifft. «Die steigende Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen erwischt die jungen Menschen auf dem linken Fuss», sagt Neugart. Schätzungen seines Verbands zufolge sind zurzeit über 5700 junge Erwachsene betroffen: «Sie müssen ihre Eltern finanziell unterstützen oder zumindest viel zurückstecken, weil ihre Eltern den Job verloren haben.»

Müssen Sie Ihre Eltern finanziell unterstützen, weil sie arbeitslos geworden sind? Oder leiden Sie unter finanziellen Einschränkungen durch den Jobverlust Ihrer Eltern? Ihre Anonymität ist vollumfänglich zugesichert. Melden Sie sich hier:

Praktikumslohn mit den Eltern teilen

Über 50'000 Menschen sind 2017 in der Alterskategorie 50 plus erwerbslos, wie Daten des Verbands Arbeitsintegration Schweiz und von Save 50 Plus zeigen. «Die Zahl der erwerbslosen Männer ist auf einem Höchststand», schreibt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, in der Unia-Gewerkschaftszeitung «Work» vom Oktober 2017. Denn Firmen gingen mit älteren Arbeitnehmern immer härter um. Daniel G. Neugart warnt: «Werden ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt auch künftig einfach aussortiert, tragen bis ins Jahr 2020 rund 20'000 junge Menschen die finanziellen Folgen auf ihrem Buckel aus.»

Das fehlende Einkommen der Eltern zwingt einige junge Menschen dazu, ihren Lebensentwurf umzukrempeln. «Darunter sind Kinder, die das Studium abbrechen und arbeiten gehen müssen, weil ihre Eltern in finanziellen Nöten sind», so Neugart. Andere Söhne und Töchter teilten ihren tiefen Praktikumslohn mit den Eltern. «Jeden Monat ein paar hundert Franken abzugeben, ist für sie viel Geld, aber selbstverständlich.»

Um die eigenen Pläne doch noch verfolgen zu können, retten sich die jungen Erwachsenen oft mit Schnell-Jobs aus dem Dilemma. Viele weit über 20-jährige Kinder, die den arbeitslos gewordenen Eltern finanziell unter die Arme greifen, ziehen laut Neugart das Wohnen im Elternhaus vor. «So müssen sie neben den Abgaben für die Eltern nicht auch noch eine eigene Miete bezahlen.»

Kein Geld für Geschenke mehr

Aber auch Kinder, die kein Geld abgeben, müssen auf vieles verzichten. «Schon manche Mutter ist in unseren Beratungen in Tränen ausgebrochen», sagt Neugart. Es schmerze Eltern, wenn sie realisierten, dass Geschenke nicht mehr drin liegen. «So können sie die Leasing-Raten für das erste eigene Auto nicht mehr übernehmen, sich keinen Zustupf für die Ferien leisten oder sich auch nicht an den Einrichtungskosten für die eigene Wohnung des Kindes beteiligen.»

Laut Daniel G. Neugart versuchen ältere Arbeitslose dank der freiwilligen finanziellen Unterstützung der Kinder, den Gang zur Sozialhilfe zu vermeiden. «Denn die Sozialhilfe greift erst, wenn man unter der Brücke liegt.» In diesem Fall können die Kinder auch zu finanziellen Beiträgen verpflichtet werden. So klären die Sozialbehörden in der Regal ab, ob die Kinder eines Sozialbezügers wohlhabend sind.

Trifft dies zu, haben sie einen Unterhaltsbeitrag zu leisten. Laut Ingrid Hess, Sprecherin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, müsste eine alleinstehende Person dafür ein steuerbares Jahreseinkommen von mehr als 120'000 Franken aufweisen. Das Vermögen wird ab 250'000 Franken einberechnet.

Kündigungsverbot gefordert

Politiker sehen dringenden Handlungsbedarf. Würden über 50-Jährige aus dem Arbeitsmarkt geworfen, folge eine Kette von Problemen, sagt SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini. «Tragischerweise vergisst man, dass diese Menschen oft Kinder im Teenageralter zu Hause haben, die ihre Berufs- und Ausbildungswünsche zurückstecken müssen, weil der Vater das Einkommen plötzlich nicht mehr garantieren kann.»

Pardini insistiert auf seiner Motion, die ein Kündigungsverbot für Arbeitnehmer ab 55 Jahren fordert: Arbeitnehmern, die mindestens zehn Dienstjahre ausweisen, soll nicht gekündigt werden, sofern der Arbeitnehmer nicht glaubhaft begründen kann, dass er keinen kostengünstigeren Ersatz anstrebt.

«Billige Arbeitskräfte nehmen Schweizern Jobs weg»

Damit ältere Menschen nach einer Kündigung nicht durch die Laschen fallen, setzt sich Pardini für einen Massnahmenkatalog ein. Dazu zählt die Berufspasserelle 4.0, eine Ausbildung, die Betroffene für den modernen Arbeitsmarkt fit macht.

Für SVP-Nationalrat Thomas Matter liegt der Grund des Übels auf der Hand: «Die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland nehmen Schweizern den Job weg.» Nur eine mittels Kontingenten beschränkte Zuwanderung könne dem Problem begegnen. Zudem würde er die Altersvorsorgebeiträge ab 50 auf tieferem Niveau als heute erhöhen. «Denn ab 50 Jahren steigen die Beiträge massiv, was viele Unternehmen motiviert, solche Mitarbeiter durch jüngere, billigere zu ersetzen.»

Kinder müssen für arbeitslose Eltern zahlen

*Name geändert.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Vater und Mütter von minderjährigen Kindern bekommen eigentlich 80% ALV. Aber wenn man ausgesteuert wird, muss man evtl. Sozialhilfe beziehen, oder wird eben von den Kindern und Verwandten unterstützt – Peter

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • René B. am 11.11.2017 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Gut zu lesen

    Endlich bringt man dieses Thema mal auf den Tisch. Aber unsere PolitikerInnen wollen trotzdem das Rentenalter erhöhen und noch mehr Fachkräfte importieren. Es ist einfach eine Schande was hier abgeht.

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  • Radagast am 11.11.2017 20:49 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Ansatz

    Das Verhalten ist eigentlich komplett falsch. Es bringt die Kinder in dieselbe Situation wie die Eltern. Der Gang aufs Sozialamt sollte völlig normal sein, bei einem Studierenden Kind kann ja nichts geholt werden und unter der Brücke muss man noch nicht leben wie ich an Bekannten sehe. Sowas nennt man Working-poor, auch wenn die Geste schön sein mag. Firmen und der Staat holen sich auch was ihnen zusteht, also sollen Privatpersonen das auch machen statt das Potential der Kinder zu verhindern!

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  • Mia Mama am 11.11.2017 20:42 Report Diesen Beitrag melden

    Hotel Mama

    Müssen die jungen jetzt zuhause bleiben bis zur Pension?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • huwi am 14.11.2017 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Also, wir sind froh

    Ich spreche hier im Namen von Eltern. Ich bin ausgesteuert, habe seit April kein Einkommen mehr. Seit Juni nach Schlaganfall auch invalid. Weder das Sozialamt noch die IV hat uns bisher einen Franken gegeben, wir müssten zuerst alle Konten auf Null haben, was jetzt der Fall ist. Meine Frau hat noch ein Job als Serviceaushilfe, mit 2000-3000 Fr./Monat, aber davon kann man nicht leben! Wir sind dankbar, dass uns unser Sohn vor dem verhungern bewahrt. Aber eben: Der Schweizer verschenkt lieber Milliarden/Jahr ins Ausland...

  • 1982 geborene. am 13.11.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Früher wars gang und gäbe...

    Was ist daran Schlimm wenn Kinder mal die Eltern unterstützen müssrn?? In unser EGO gesellschafft hat nächstenliebe keinen Platz mehr?! Aber das neuste Iphone und in den Ausgang das liegt immer drin. Die Eltern schuften schliesslich auch für die Kids...da ist es nicht falsch wenn die Kids in Not etwas zurückgeben. Ich hab kein Verständnis für dieses Gejammere...in anderen Kulturen gehört dieses Verhalten zur Erziehung und ist selbstverständlich...da fühlen sich die Jungen nicht benachteiligt....

  • Rene am 13.11.2017 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Das zweischneidige Schwert

    In dem Artikel fehlt ein bisschen auf was Eltern verzichten mussten für den Nachwuchs. Und einen Studienabbruch um zu Arbeiten für die Finanzierung der Eltern ist ein medialer Aufhänger aber als Hauptgrund nicht real. Wenn sowieso mehr oder weniger klar ist dass der Abschluss nicht geschafft wird, kann das allenfalls die Entscheidung Stärken das Studium zu schmeissen.

  • Betroffener ü50 am 13.11.2017 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    In der SH Anmeldeschlaufe

    Alter 55, 14 monate stellensuche im bereich marketing/verkauf mit efz und fa in der industrie, ca. 180 bewerbungen mit dem resultat von 2 vorstellungsgesprächen. Ende november 2017 ausgesteuert und somit nicht mehr in der al-statistik. Vom rav noch diverse kurse besucht um sich im verdeckten arbeitsmarkt anzubieten: mit erfahrung zum erfolg, aktives selbstmarketing..... immerhin hält sich so die sozialindustrie mit allen anbietern die davon profitieren am laufen. Jammern hilft nicht da wir das resultat einer veränderten demographie sind einhergehend mit dauerbaustellen bei den sozialwerken.

  • Arbeitssuchender IT Supporter am 13.11.2017 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Berufspasserelle 40+? Ein Witz, oder?

    Ich brauche keine Berufspasserelle 4.0, denn ich bin top ausgebildet, absolut ajour in meinem Beruf, aber ich finde trotzdem keine Arbeit, weil in meiner Branche ja nur noch jung, hipp und mondän gefragt ist. Hunderte Bewerbungen und man kriegt teilweise nach unanständigen 10! Minuten eine Absage wegen angeblich fehlender Skills, obwohl ich mich weit unter meiner Qualifikation bewerbe? Da weiss doch unsereins Ü50 gleich: die haben auf den Jahrgang geschaut und damit ist man raus aus dem Rennen.... zugeben tun sie es aber niemals. Die Regierung schaut bloss weg.... Ü50er sind nicht wichtig!