Folgen des Klimawandels

17. April 2019 16:56; Akt: 17.04.2019 16:56 Print

Jetzt breiten sich Tropen-Krankheiten in Europa aus

Durch den Klimawandel dringen tropische Mücken in den Norden vor: Die Gefahr, sich mit Dengue-, Chikungunya- oder West-Nil-Viren anzustecken, steigt.

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Mücken töten mehr Menschen als jedes andere Tier. Das liegt daran, dass sie die Überträger tödlicher Viren und Parasiten sind. Anopheles gambiae überträgt die Malaria. Aedes aegypti (auch Gelbfiebermücke oder Ägyptische Tigermücke genannt) überträgt Gelbfieber, Dengue-Fieber und Zika. Die Gemeine Stechmücke oder Nördliche Hausmücke (Culex pipiens) ist eine der in Europa meistverbreiteten Arten. Bei ihr wurden unter anderem das Sindbis-Virus und das West-Nil-Virus nachgewiesen. Doch weshalb stechen die Biester? Sie brauchen Blut für die Produktion von Eiern, weshalb nur die Weibchen zustechen. Die Eier legen sie im Wasser ab, wo die Larven schlüpfen. Deshalb sollte man aus Prinzip kein Wasser länger stehen lassen. Auch nicht zu Hause in der Giesskanne auf dem Balkon. Bevor die Mücke zusticht, zieht sie eine Art schützende Scheide (labium) um ihren Stechapparat zurück. Im Labium verstecken sich sechs individuelle Nadeln. Zwei davon sind mit Sägezähnen bestückt. Diese sind so scharf, dass man den Stich im Normalfall gar nicht merkt. Mit zwei weiteren Nadeln hält die Mücke die Einstichstelle offen. Dann sucht die Mücke mit einer Art Rüssel (Bildmitte) ein Blutgefäss. Rezeptoren an dessen Ende weisen den Weg, indem sie die Chemikalien der Blutgefässe erschnüffeln. Durch diesen Rüssel saugt die Mücke dann auch das Blut an. Aus dem Körper heraus aufgenommen sieht das so aus. Um noch mehr nährstoffreiche rote Blutkörperchen aufnehmen zu können, trennt die Mücke Wasser vom angesaugten Blut und scheidet es hinten aus. Der letzte Stachel ist der übelste: Durch ihn befördert die Mücke ihren Speichel in unseren Körper, um die Blutgerinnung zu unterbinden. Das Problem: Mit dem Speichel gelangen auch allerlei Krankheitserreger in unseren Körper. Davon hat die Mücke selber nichts. Sie ist nur der Überträger eines Erregers, den sie zuvor bei einem anderen Menschen oder einem Tier aufgeschnappt hatte. Allerdings sorgt ihr Speichel dafür, dass Viren und Parasiten ein leichtes Spiel haben. Denn er löst eine derart heftige Reaktion im Körper aus, dass das Immunsystem sich nur darum und nicht um die Keime kümmert.

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Warnung der Forscher

Krankheiten, die durch Mücken oder Zecken übertragen werden, könnten in den kommenden Jahrzehnten in Europa häufiger auftreten. Das Verbreitungsgebiet der Überträger etwa von Dengue-Fieber, Leishmaniose oder Chikungunya vergrössere sich rapide, mahnen Forscher. Über neue Erkenntnisse berichten sie auf dem Europäischen Kongress für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) von Samstag bis Dienstag in Amsterdam.

Als Gründe für die Entwicklung nennen Forscher in einer Mitteilung zum Kongress unter anderem den Klimawandel und die zunehmende Globalisierung. Diese Veränderungen ermöglichten es Mücken und Zecken, neue Lebensräume in Europa zu erschliessen.

Die Krankheiten

In den letzten zehn Jahren habe es etwa in Frankreich und Kroatien Dengue-Ausbrüche gegeben, in Griechenland sei Malaria aufgetreten, in Italien und Frankreich Chikungunya und in weiten Teilen Süd- und Mitteleuropas das West-Nil-Fieber. Allein von dieser Erkrankung wurden 2018 in den EU-Mitgliedstaaten mehr als 1500 Fälle registriert.

In der Schweiz

In den vergangenen Jahren konnte sich die Asiatische Tigermücke sowie die Buschmücke in der Schweiz ausbreiten. Besonders die Tigermücke setze sich in der Oberrheinregion, aber auch südlich der Alpen und in Graubünden ab. Die Bekämpfung dieser Mückenart ist wegen der hohen Anpassungsfähigkeit eine grosse Herausforderung.

Die Asiatische Tigermücke kann gefährliche Tropenkrankheiten übertragen, darunter Denguefieber oder Zika. In der Schweiz ist bis heute jedoch noch keine Krankheitsübertragung durch die Tiere dokumentiert, wie das baselstädtische Kantonslabor bestätigt.

Die Hintergründe

Längere Hitzeperioden verlängerten das Zeitfenster für die Ausbreitung solcher Erkrankungen und begünstigten grössere Ausbrüche in Europa, betonte Giovanni Rezza vom Istituto Superiore di Sanitá in Rom. «Wir müssen uns darauf vorbereiten, mit solchen tropischen Infektionen umzugehen.»

So könnten etwa Sandmücken bis Ende der 2060er-Jahre ihr Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa deutlich ausweiten, berichten Experten weiter. Die Mücken können die Erreger der Leishmaniose übertragen.

Was kann man dagegen tun?

«Angesichts der anhaltenden Verbreitung von invasiven Mücken und anderen Überträgern in ganz Europa müssen wir Ausbrüche antizipieren und frühzeitig eingreifen», erklärte Jan Semenza vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Stockholm. Die Gesundheitsbehörden müssten die Überwachung verbessern und Frühwarnsysteme einrichten.

Doch auch die Bevölkerung kann sich gegen die Mücken schützen. Bereits die richtige Kleiderauswahl kann viel bewirken. So ist es ratsam, dünne und eng anliegende Kleidung durch lange, weite Textilien zu ersetzen. Auch der Verzicht auf Kohlenhydrate bringt einiges, denn dadurch wird der Kohlendioxid-Ausstoss reduziert, der Mücken nachweislich anzieht, genauso wie Schweissgeruch. Ausserdem wirken Anti-Mücken-Sprays gut.

Wer dennoch gestochen wird, sollte kühlende Gels auf den Stich streichen. Sie mildern den Juckreiz zumindest vorübergehend. Gut betäuben lässt sich der Stich auch mit einem Kühlpack. Wer nach einem Mückenstich allerdings Krankheitssymptome aufweist, sollte umgehend einen Arzt zu Rate ziehen.

(doz/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 17.04.2019 17:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unbeding Grenzkontrollen

    für Mücken einführen. Sofort.

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  • Florian Meier am 17.04.2019 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts Neues

    Malaria hat schon öfters bis hoch in den Norden Europas gewütet. So z.B. im 16. Jahrhundert.

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  • Dagobert am 17.04.2019 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Angstmacherei

    Für die Schweiz zur Zeit alles nicht relevant. Ein weiterer, reisserischer Angstmacherartikel - scheint sich gut zu verkaufen und macht die Leute gefügig..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Curdin am 18.04.2019 20:20 Report Diesen Beitrag melden

    Ich rette die Welt!

    Malaria war schon vor Jahrhunderten nördlich der Alpen schon ein Problem. War mit ein Grund, warum man lang der Thur, im Rheinthal und im Seeland Ländereien trocken legte. Also, alles hat nicht mit "ich rette die Welt", zu tun!

  • Heinz am 18.04.2019 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Gottseidank

    Hat es nichts damit zu tun, dass immer mehr günstige Waren aus Asien bestellen, die dann per Schiffscontainer auch gleich noch Insekten mitbringen. Es ist nur das böse Co2 schuld, welches z.B. Schiffe in die Luft schleudern.

  • Lemongras am 18.04.2019 19:17 Report Diesen Beitrag melden

    NOPIXGO

    Das Armband gegen Mücken.

  • Heinz Hug am 18.04.2019 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Die Natur steht über dem Menschen

    Irgendwie muss das rasante Wachstum der Menschheit gebremst werden und die Natur weiss genau wie. Sie weiss auch, dass der Mensch dazu nicht fähig ist und wendet ihre eigenen Methoden an, wie schon seit vielen Tausend Jahren, wenn irgend ein Lebewesen überhand genommen hat.

  • Adrian am 18.04.2019 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Plötzlich Geld

    Wenn Malaria ein europäisches Problem wird, so hat man plötzlich Geld, es zu bekämpfen - wetten?