Lehrlinge aus der EU

20. August 2013 17:37; Akt: 21.08.2013 11:32 Print

Können Spanier unsere Cervelats stopfen?

von S. Marty/S. Heusser/S. Hehli - Der Bundesrat prüft, Lehrlinge aus der EU in die Schweiz zu holen, um den Lehrlingsmangel zu beheben. Die Idee stösst bei den meisten Betrieben auf wenig Begeisterung.

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«Für die Lehrstelle als Konditor und Confiseur sehe ich keine Probleme, da wir in diesem Bereich schon sehr viele Ausländer beschäftigen. Weil der Kundenkontakt nicht im Zentrum steht, sind Deutschkenntnisse keine zwingende Voraussetzung», sagt Eric Baumann von der Confiserie Baumann in Zürich. Wichtig sei es ihm aber, dass die Jugendlichen einen Abschluss auf Sekundarstufen-Niveau A haben, gerne Kochen und Frühaufsteher sind. «Wenn ein Ausländer besser geeignet ist, könnte es durchaus sein, ihn einem Schweizer vorzuziehen», so Baumann weiter. Obwohl Jan Schibili, Geschäftsleiter von Schibli Elektrotechnik der Idee positiv gegenüber steht, hat er durchaus seine Sorgen. «Wenn ein Jugendlicher unserer Sprache nicht mächtig ist, sehe ich keine Chance, dass er den Schulstoff meistern kann. Als Elektroinstallateur und Montageelektriker habe unsere Lehrlinge regen Kundenkontakt.» Zudem frage er sich, wo diese Jugendlichen wohnen werden und welche Ausbildung sie mitbringen. «Wir sind sehr offen für diese Idee» Bei der Klinik Hirslanden in Zürich begrüsst man den Vorschlag des Bundes: «Allerdings müssten die Jugendlichen für eine Ausbildung als Pflegefachperson einen Schulabschluss auf höherem Niveau und gute Deutschkenntnisse mitbringen. Sie müssten sich sicher mit den Patienten unterhalten und auch Berichte verfassen können», sagt Frank Voigt, Leiter Fachausbildung. Die Klinik Hirslanden habe bereits ein Integrationskonzept für ausländisches Personal, welches etwa Tipps gibt für die Wohnungssuche. «Zuerst müsste das Potenzial an Schweizer Jugendlichen ausgeschöpft werden, bevor man Ausländer in die Schweiz holt», sagt Dieter Schorno, der an der ETH für die Berufsbildung zuständig ist. Ausserdem dürfte sich laut Schorno die soziale Integration dieser Jugendlichen als schwierig herausstellen, da es ihnen hier an Bezugspersonen fehlt. Schorno: «Im Alter von 15 bis 17 Jahren ist es wichtig, dass die Lehrlinge ihre Eltern und Freunde um sich haben, die sie unterstützen.» Robert Frei, Präsident der Sektion Zürich von Coiffure Suisse und Inhaber eines Coiffeursalons befürchtet, dass mangelhaftes Deutsch zu Verständigungsproblem führen könnte: «Ich würde keinen frisch eingewanderten Lehrling nehmen, der die Sprache nicht beherrscht - obwohl ich bereits mehrere Lernende mit Migrationshintergrund ausgebildet habe. Für einen Coiffeur ist der Kundenkontakt etwas vom Wichtigsten: Wie soll er denn verstehen, was für eine Frisur die Kundin wünscht?» «Wenn er handwerkliche Begabung zeigt und einen Schraubenzieher anständig halten kann, würden wir auch hochdeutsch mit dem Lernenden sprechen, um zu helfen», sagt Marko Zivanovic von Jaisli Xamax Elektroinstallation. «Lehrstellenanwärter aus dem Ausland sollten deutsch sprechen und ein soziales Netzwerk haben - sonst wird es schwierig. Fehlt die Sprache, werden Anweisungen nicht richtig verstanden - der Lehrling nimmt vielleicht die falschen Gewürze für den Cervelat und verärgert damit die Kunden», sagt Walter Moser von der Metzgerei Angst in Zürich.

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Viele Branchen suchen verzweifelt Nachwuchs: Metzger, Coiffeure, Elektroinstallateure, Spitäler oder Bäcker, aber auch Informatikbuden tun sich schwer, qualifizierte Lehrlinge zu finden. Dennoch löst die Absicht des Bundesrats, den Lehrlingsmangel mit Jugendlichen aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland zu beheben, kaum Begeisterungsstürme aus. Walter Moser von der Zürcher Metzgerei Angst hat Bedenken wegen der Sprache: «Ohne Deutschkenntnisse nimmt ein Lehrling die falschen Gewürze für den Cervelat und verärgert damit die Kunden.» Beherrscht der Jugendliche allerdings die Sprache, würde Moser ihn anstellen.

Auch Robert Frei, Präsident der Zürcher Sektion von Coiffure Suisse und Inhaber eines Coiffeursalons, ist skeptisch: Obwohl er schon mehrere Lehrlinge mit Migrationshintergrund ausgebildet habe, würde er keinen frisch eingewanderten Lehrling nehmen, der die Sprache nicht beherrscht. «Wie soll er denn verstehen, was für eine Frisur die Kundin wünscht?» Jan Schibli von der Elektrotechnik-Firma Schibli sieht ohne Deutschkenntnisse keine Chance, dass ein Lehrling den Schulstoff meistern könne. Auch seine Auszubildenden müssen sich mit den Kunden verständigen können.

«Lehrlinge brauchen ein stabiles familiäres Umfeld»

Frank Voigt, Leiter Fachausbildungen an der Zürcher Klinik Hirslanden, betont, er sei sehr offen für die Idee von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Die Anforderungen für eine Ausbildung als Pflegefachperson sind allerdings hoch: Ein Schulabschluss auf höherem Niveau und gute Deutschkenntnisse sind Pflicht. «Die Lehrlinge müssten sich mit den Patienten unterhalten und auch Berichte verfassen können», so Voigt.

Die ETH Zürich bildet auch Informatik-Lehrlinge aus. Dieter Schorno, verantwortlich für Berufsbildung, betont, die Schweiz müsse zuerst das Potenzial einheimischer Jugendlicher ausschöpfen, bevor sie Ausländer holt. Er setzt ein Fragezeichen, ob die Integration von jungen Spaniern oder Italienern gelingen würde: «Im Alter von 15 bis 17 Jahren ist es sehr wichtig, dass die Lehrlinge ein stabiles Umfeld von Eltern und Freunden haben, die sie unterstützen.»

Weniger Einwände hat Marko Zivanovic von der Jaisli Xamax Elektroinstallation: «Ein Lehrling würde bei uns eine Chance bekommen, wenn er handwerklich begabt ist und einen Schraubenzieher anständig halten kann.» Keine Probleme sieht auch Eric Baumann von der Konditorei Baumann. Für Konditoren seien Deutschkenntnisse nicht zwingend. Jemand, der aus dem Ausland kommt, sei oft viel motivierter als ein Schweizer. «Wenn ein Ausländer besser geeignet ist, könnte es durchaus sein, das ich ihn einem Schweizer vorziehe.»

Finanzierung über EU-Kohäsionsmilliarde

So bleiben viele Fragen: Wie viele ausländische Jugendliche würden allenfalls in die Schweiz kommen? Welche Qualifikation müssten sie mitbringen? Wie würde für ihre Unterbringung und Entlöhnung gesorgt? Und vor allem: Wie sieht es mit ihren Sprachfertigkeiten aus? Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) will bis im Herbst Antworten liefern.

SP-Nationalrat Andreas Gross hatte in einem Vorstoss die Zahl von 250 Jugendlichen genannt. Der frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm regt in einem Interview mit Tages-Anzeiger.ch an, die Schweiz könnte die Ausbildung der Lehrlinge mit der Kohäsionsmilliarde für die EU finanzieren.

Wollen die Ausländer überhaupt?

Eine andere offene Frage ist, wie scharf die südeuropäischen Teenager überhaupt auf Schweizer Lehrstellen sind. Die aus Portugal stammende Unia-Gewerkschafterin Marília Mendes sagt, dass die Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent kombiniert mit der tief in der portugiesischen Geschichte wurzelnden Auswanderermentalität für ein gewisses Interesse sprechen. Andererseits könnte der tiefe Lehrlingslohn ein Problem sein: «Wer auswandert, möchte in erster Linie Geld verdienen.»

Dario Mordasini, Unia-Experte für Migration aus Italien, betont, es sei für die italienischen Jugendlichen vor allem wichtig, welche Perspektiven ihnen eine Ausbildung in der Schweiz bieten würde: «Es darf nicht einfach nur eine Zusatzrunde in der beruflichen Warteschlaufe sein.» Dem Klischee von den Jungen, die am liebsten bei Mamma bleiben, kann Mordasini nichts abgewinnen: «Die hohe Beteiligung an Erasmus-Programmen für Studenten zeigt, dass die jungen Italiener durchaus mobil sind.»

«Eine grosse Chance für Jugendliche»

Jugendpsychologe Leo Gehrig ist überzeugt, dass eine Lehrlingsausbildung in der Schweiz eine grosse Chance sein kann für einen Jugendlichen, der in seinem Heimatland ohne Perspektiven herumhängt. Voraussetzung seien emotionale Stabilität und innere Stärke. Da der Lernende in der Schweiz ohne soziales Netzwerk dastehe, müsse er zudem intensiv betreut werden. «Dabei kann auch die ansässige Community aus dem Heimatland helfen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beat am 21.08.2013 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    2 dinge:

    1. dass genügend schweizer eine lehrstelle suchen ist kein argument. was bringt es den betrieben wenn sich diese nicht bewerben? 2. die lehre ist nicht mehr attraktiv. eine berufslehre genügt nicht mehr für eine familie, auch sind einem fast alle weiterbildungsangebote nicht zugänglich. die lehre muss aufgewertet werden, die löhne müssen steigen.

  • Peter Spörri am 21.08.2013 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lehrlinge aus der EU

    so ein blödsinn, natürlich kann auch ein Spanier unsere Cervelats stopfen. Auch wir Schweizer mussten dies lernen, oder sind wir mit dem Wissen gebohren worden... Das Problem ist doch nur die Alltags-sprache.

  • Thomas am 21.08.2013 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Hää?

    Meiner Meinung nach hatte ich in Vergangenheit schon Berichte gehört, dass Leute alleine wegen ihres Namens nicht eingestellt werden, und daher keinen Job finden. Hat sich dies in der Zwischenzeit geändert? Kann jedem dann ein Job garantiert werden?

Die neusten Leser-Kommentare

  • stucazzz am 21.08.2013 18:39 Report Diesen Beitrag melden

    chorizo stopfen

    wäre schön ,eine gute idee

  • Walti am 21.08.2013 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ja neee is klar!

    Kommt alle her an den Honigtopf! Es hat solange es hat! Wir schöpfen aus mit vollen Kellen!

  • Peter Steimann am 21.08.2013 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Know-how Tranfer ins Ausland

    Alles gut und Recht aber eigentlich wäre das ein weiterer Know-how Transfer ins Ausland, wo später mit weniger Aufwand als in der Schweiz ein eigenes Geschäft gegründet werden kann und im Grenzgebiet unerwartete neue Konkurrenz bilden könnte.

  • Beat am 21.08.2013 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    2 dinge:

    1. dass genügend schweizer eine lehrstelle suchen ist kein argument. was bringt es den betrieben wenn sich diese nicht bewerben? 2. die lehre ist nicht mehr attraktiv. eine berufslehre genügt nicht mehr für eine familie, auch sind einem fast alle weiterbildungsangebote nicht zugänglich. die lehre muss aufgewertet werden, die löhne müssen steigen.

  • P. Buchegger am 21.08.2013 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Hätten sie Deutsch-/Franz.-Kenntnisse?

    Müssten da die anvisierten Südländer-Teenies nicht zuerst noch unsere Sprache lernen, bevor sie den Lehrstoff überhaupt aufnehmen könnten? Dann würde das Ganze wohl wenig Sinn machen.