Stutz von den Eltern

23. Februar 2020 20:54; Akt: 24.02.2020 18:52 Print

Können sich nur reiche Jugendliche weiterbilden?

von Philippe Stalder - Viele Lehrlinge und Studenten sind finanziell abhängig von ihren Eltern. Politiker streiten darüber, ob sie der Staat stärker unterstützen soll.

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Nina (21) ist gelernte Konditorin und absolviert gerade ihre Zweitausbildung als Köchin. Ihr Stipendiumsantrag wurde abgelehnt, da sie bereits eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann. Deswegen unterstützen ihre Eltern sie mit 1450 Franken im Monat. Ohne finanzielle Unterstützung könnte sie ihre Zweitausbildung nicht absolvieren. «Mit 4000 Franken kann man keine Familie ernähren»: Roman Werner (27) ist Securitas-Mitarbeiter und Vater eines Kindes. Weil er im Niedriglohnsegment arbeitet, kann er seine Familie nicht allein ernähren und ist auf finanzielle Unterstützung seiner Eltern angewiesen. «Ein bildungsnahes Elternhaus verschafft den Kindern einen klaren Vorsprung in der Schule, ein vermögendes Elternhaus einen klaren Vorteil im Studium»: Matthias Aebischer ist SP-Nationalrat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Er fordert Massnahmen zur Förderung der Chancengerechtigkeit – wie Schulen ohne Hausaufgaben oder den Gymnasium-Eintritt ohne Prüfung. «Die Schweiz ist das Chancenland schlechthin»: Christian Wasserfallen ist FDP-Nationalrat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Er glaubt nicht, dass die soziale Herkunft eines Kindes einen entscheidenden Einfluss auf seine Berufschancen hat: «Die Berufsbildung ist der Einstieg in den Aufstieg. Darum hat die Schweiz international betrachtet eine ausgeglichene Verteilung der Einkommen.» «Der Staat müsste finanziell benachteiligten Jugendlichen viel stärker beistehen»: Julie Falcon forscht an der Universität Lausanne zum Thema soziale Mobilität. Wie steht es um die Chancengleichheit in der Schweiz? Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Statistik beziehen 83 Prozent aller Schweizer Studenten Geld von ihren Eltern.

Zum Thema
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Mit dem Abschluss einer Lehre oder eines Studiums erhoffen sich viele junge Erwachsene, ihre Eltern entlasten zu können und den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu finden. Oft zerbricht diese Hoffnung bereits nach wenigen Wochen an der harten Realität der hohen Schweizer Lebenshaltungskosten. Zweitausbildungen, unterbezahlte Praktika, lange Studiengänge, Schulden, unvorhergesehene Arztrechnungen, teure Hobbys, Suchtprobleme.

Umfrage
Soll der Staat Studenten und junge Erwachsene, die eine Zusatzausbildung machen wollen, stärker unterstützen?

Die Liste der Gründe, weshalb man trotz eigenem Einkommen weiterhin von seinen Eltern abhängig bleiben kann, ist lang. Dennoch wird dieses Thema selbst unter Freunden meist tabuisiert – aus Höflichkeit, aus Scham oder schlicht aus Angst vor Neid. Um ein Schlaglicht auf dieses Tabu zu werfen, hat 20 Minuten über 3300 Leser zu ihrer finanziellen Situation befragt:

Die Resultate lassen aufhorchen, auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist. So bezieht jeder dritte erwachsene Leser, der an der Umfrage teilgenommen hat, regelmässig Geld von seinen Eltern. Knapp zwei Drittel der finanziell abhängigen Erwachsenen sind unter 30 Jahre alt. In vertiefenden Gesprächen gaben die meisten von ihnen an, das Geld für Zusatzausbildungen oder Weiterbildungen auszugeben. Umgekehrt kam eine Studie des Bundesamts für Statistik (BFS) zum Schluss, dass 83 Prozent der Schweizer Studenten Geld von ihren Eltern beziehen. Können in diesem Land nur Kinder wohlhabender Eltern studieren oder sich weiterbilden?

SP-Nationalrat fordert Schulen ohne Hausaufgaben

«Die Schweiz ist punkto Chancengerechtigkeit immer noch ein Entwicklungsland», sagt Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). So zeige sich, dass der Einstieg ins Gymnasium für Kinder aus bildungsfernen Kreisen immer noch viel schwieriger sei als für Kinder von Akademiker-Familien.

«Ein bildungsnahes Elternhaus verschafft den Kindern einen klaren Vorsprung in der Schule, ein vermögendes Elternhaus einen klaren Vorteil im Studium», sagt Aebischer. Er fordert daher weitere Massnahmen zur Förderung der Chancengerechtigkeit wie Schulen ohne Hausaufgaben oder der Gymnasiumeintritt ohne Prüfung.


Serie: Volljährig und finanziell abhängig von den Eltern

Teil 1: Können sich nur reiche Jugendliche weiterbilden?
Teil 2: Die Sackgeld-Jugend zeigt Gesicht
Teil 3: «Grosse Mittelschicht in der Schweiz? Ein Mythos!» Interview mit Soziologin Julie Falcon.

Julie Falcon pflichtet Aebischer bei. Sie ist Soziologin und forscht an der Universität Lausanne zum Thema Chancengleichheit und soziale Mobilität. Falcon ist in ihrer Forschung zum Schluss gekommen, dass die soziale Herkunft eines Kindes noch immer einen entscheidenden Einfluss auf seine Berufschancen hat.

Die Soziologin fordert daher, dass der Staat finanziell benachteiligten Schülern viel stärker beisteht: «Stipendien sollten nicht nur in Ausnahmefällen gewährt, sondern ähnlich wie im skandinavischen Modell allen Studenten verfügbar gemacht werden.» Und auch junge Leute, die mit ihrer ersten Lehre keinen Job finden und eine Zusatzausbildungen machen wollen, sollen gemäss Falcon vom Staat unterstützt werden.

«Die Schweiz ist das Chancenland schlechthin»

Christian Wasserfallen ist FDP-Nationalrat und Aebischers Kollege in der WBK-Kommission. Für Wasserfallen ist die Schweiz das Chancenland schlechthin: «Es gibt immer mehr Leute, die dank der Durchlässigkeit des dualen Berufsbildungssystems einen höheren Abschluss machen können. So steigen auch die Einkommen.» Die Schweiz sei gut auf Kurs, so Wasserfallen. Zudem sei es naheliegend, dass 18 bis 30-Jährige während oder kurz nach ihrer Ausbildung teilweise noch auf Geld von ihren Eltern angewiesen seien.

Wasserfallen glaubt nicht, dass die soziale Herkunft eines Kindes einen entscheidenden Einfluss auf seine Berufschancen hat: «Die Berufsbildung ist der Einstieg in den Aufstieg. Darum hat die Schweiz international betrachtet eine ausgeglichene Verteilung der Einkommen.» Der FDP-Nationalrat verweist ausserdem auf die dank des aktuellen Lehrstellenüberschusses grosse Auswahl an Berufen sowie die tiefe Jugendarbeitslosigkeit, die ihn stolz mache.

Aebischers Forderungen, Hausaufgaben abzuschaffen oder generell prüfungsfrei ins Gymnasium eintreten zu können, hält Wasserfallen für nicht zielführend: «Dies würde zu einer klaren Verschlechterung des Bildungsniveaus aller Beteiligten führen.» Zudem gebe es in der Schweiz überall die Möglichkeit, Stipendien zu beantragen, so Wasserfallen. «Die Quote der Stipendienbezüger an Hochschulen ist generell rückläufig, was kein schlechtes Zeichen ist.»

«Die Jugendarbeitslosigkeit ist so tief wie seit Jahren nicht mehr»

Auch für Matthias Ammann vom wirtschaftsliberalen Thinktank Avenir Suisse ist Chancengerechtigkeit in der Schweiz bereits gegeben: «Alle Jugendliche haben den gleichen Zugang zu den Bildungsinstitutionen.» Er verweist auf den Global Social Mobility Index, in dem die Schweiz auf Platz sieben von 82 untersuchten Ländern liegt.

Gegenüber Falcons Forderung, Studiengänge staatlich viel stärker zu unterstützen, ist Ammann kritisch eingestellt: «Die Kantone unterstützen je nach Einkommensniveau der Familie Studierende gezielt mit Stipendien oder Darlehen, um die Chancengleichheit von Personen in Ausbildung sicherzustellen – nicht nur Studierende an Universitäten, sondern auch in der beruflichen Grundbildung und der höheren Berufsbildung. Es bringt nichts, diejenigen zu alimentieren, die es nicht nötig haben. Das Giesskannenprinzip ist wenig effektiv, um die soziale Mobilität zu fördern.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Larissa Milena am 23.02.2020 21:53 Report Diesen Beitrag melden

    Chancengleich - was ist das?

    Mein Stipendienantrag wurde abgelehnt da ich mit meinem Freund länger als zwei Jahre zusammen im gleichen Haushalt lebe. Wir gelten darum gemäss Stipendienrecht als Ehepaar und er ist finanziell für mich verantwortlich. Geht es aber darum meine Auslagen für die Weiterbildung (Pflege HF) den Steuern abzuziehen, darf er dies nicht. Denn wir sind NICHT verheiratet. ;) toll^^

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  • Kritiker am 23.02.2020 22:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung:

    Ich habe selber eine lange Leidensgeschichte mit Ausbildungen etc. hinter mir.... ich finde der Staat sollte nicht prinzipiell stärker unterstützen - Was der Staat aber DRINGENDST tun sollte ist, Familien zu unterstützen, die das Geld auch wirklich brauchen und nicht irgendwelche Pseudogründe erfinden, weshalb ein Stipendium nicht möglich sei.... Meine Mutter ist alleinerziehend und verdient grade mal 3.300 - Kontakt zum vater seit 24 jahren kicht vorhanden... dennoch kein Stipendium, da er genügend verdient... danke staat....

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  • Eidgenosse 666 am 23.02.2020 21:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natürlich

    Logisch oder Vitamin b genau gleich wie in der Wirtschaft

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wischiwaschi am 24.02.2020 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Klare Sprache bitte

    Das Studium ist keine Weiterbildung, sondern eine Erstausbildung.

  • Bat. Chelor am 24.02.2020 20:08 Report Diesen Beitrag melden

    Klassenfahrt

    Die Chancenungleichheit ist oft mental und nicht nur finanziell. Wer im Büezermilieu aufwächst und sein Leben lang nur Spott und Verachtung für Büroleute und "die Studierten" hört, für den ist es nicht einfach, ebendies zu werden. Und umgekehrt für Akademikerkinder, in deren Welt keine Lehrlinge oder Handwerker vorkommen. Das Problem des Geldes kommt noch dazu.

  • VerzweifelterBürger am 24.02.2020 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Chance auf EFZ

    Ich habe eine EBA Ausbildung und bin seit knapp 1 1/2 Jahr auf Jobsuche. Keine Chance, die Konkurrenz ist einfach viel zu gross. Eine EFZ Ausbildung liegt finanziell einfach nicht drin. Stipendien? Keine Chance. An ein Studium wage ich schon gar nicht zu denken, obschon dies mein grösster Traum wäre. Notendurchschnitt Berufsschule: 5.3 Blöd bin ich nicht, ich habe einfach nur kein Geld...

  • Re/Su am 24.02.2020 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht arbeiten!

    Meine Eltern hätten mich sehr gut finanziell unterstützen können, jedoch wollte ich das nicht. Ich bin und war der Meinung, dass ich für mich selber sorge, damit meine Eltern mir nicht reinreden können. Bereits während meiner Schulzeit (ab 16 im Mc, ab 18 andere Restaurants) habe ich im Service gearbeitet. Ich habe 2 Mal in der Woche bis 1 Uhr morgens gearbeitet und bin am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder für die Schule aufgestanden. Wir hatten am Samstagmorgen noch Unterricht. Um 17 Uhr hat meine Schicht jeweils begonnen. Sobald jemand krank wurde und es mir möglich war, bin ich arbeiten gegangen. Selbstverständlich ist dies nicht bei jedem Studiengang (z.B. Pflege) möglich, aber bei den meisten Studiengängen ist dies machbar. Übrigens Ferien im Ausland hat es bei mir während 6 Jahren nicht gegeben!

  • Roger Peret am 24.02.2020 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Immer nur wollen!

    Die fordernde Jugend. Immer Alles haben. Feufer und Weggli. Ewig studieren und ausbilden ohne Einschränkungen hinnehmen zu wollen. Wenn man eine Zweitlehre machen will, dann muss man eben extrem unten durch, oder man muss eben noch bei den Eltern wohnen - und das ist mit 21 wirklich keine Schande. Bescheidenheit oder zurückstecken kennt unsere Jugend scheinbar nicht mehr.