Deutsche wenden sich ab

22. August 2016 05:42; Akt: 22.08.2016 09:24 Print

Kommen jetzt die Ärzte aus Osteuropa?

Trotz Ärztemangels verliert die Schweiz für deutsche Ärzte an Anziehungskraft. Damit könnte die Tür für Ärzte aus Rumänien oder Griechenland weiter aufgehen.

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Wegen besserer Arbeitsbedingungen in der Heimat wird es schwieriger, deutsche Ärzte in die Schweiz zu locken. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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In der Schweiz hat fast jeder dritte Arzt ein ausländisches Diplom. Die meisten kommen aus Deutschland: 6240 arbeiten in hiesigen Spitälern und Praxen. Für deutsche Mediziner verliert die Schweiz aber an Attraktivität: Sie stellen noch 56 Prozent der ausländischen Ärzteschaft, während es vor fünf Jahren noch knapp 60 Prozent waren. Ein Grund für die Trendwende: verbesserte Arbeitsbedingungen in Deutschland.

Dafür kommen zunehmend Ärzte aus anderen EU-Staaten sowie Drittstaaten in die Schweiz. Bei der Anerkennung von Diplomen folgen die Rumänen hinter den Nachbarländern Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich bereits auf Platz 5. So wurden laut dem Bundesamt für Gesundheit im letzten Jahr 102 rumänische Ärzte anerkannt. In den letzten zehn Jahren liessen 498 Griechen, 459 Rumänen, 345 Belgier, 287 Ungarn, 286 Polen und 259 Spanier ihr Diplom in der Schweiz anerkennen.

«Ärzte müssen unsere Kultur kennen»

Für CVP-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel birgt diese Entwicklung Gefahren: «Das Medizinalberufegesetz verlangt leider nur niedrige Sprachanforderungen.» Verstünden die Ärzte die Patienten nicht, sei das ein Risiko. Hier müssten die Spitäler und Behörden genau hinschauen. «Wichtig ist, dass Ärzte integriert sind, die hiesige Kultur und das Gesundheitswesen kennen.» Menschen könnten ja nicht einfach «als Sammelsurium von Organen betrachtet und behandelt werden».

Tatsächlich landen beim Patientenschutz immer wieder Fälle, bei denen es aufgrund von Sprachbarrieren zu Missverständnissen zwischen Arzt und Patienten gekommen ist. Patientenschützerin Margrit Kessler berichtete etwa von einem Fall, bei dem ein Patient in einer Deutschschweizer Psychiatrie gestorben ist. Der behandelnde Arzt habe den Patienten nicht verstanden, als dieser über Fieber und Unwohlsein geklagt habe.

Beim Universitätsspital Basel ist man denn auch skeptisch, dass Deutsche einfach durch Ärzte aus anderen Ländern ersetzt werden können: «Zwar erhalten wir Bewerbungen aus ganz Europa und auch aus Drittstaaten wie den USA, Russland oder Indien, doch Voraussetzung für eine Anstellung ist, dass sich jemand problemlos mündlich und schriftlich auf Deutsch verständigen kann», so Sprecher Martin Jordan zur «Schweiz am Sonntag».

Mehr Studienplätze in der Schweiz

Statt Ärzte aus dem Ausland zu rekrutieren, wünscht sich CVP-Nationalrätin Humbel, dass das Potenzial im Inland besser genutzt wird: So würden viele Schweizer Ärztinnen nach dem Abschluss aussteigen oder in tiefen Teilzeitpensen arbeiten. «Das Ziel muss sein, dass diese nach dem teuren Studium auch auf dem Beruf arbeiten.» Vielleicht brauche es eine Motivationskampagne. Zudem könnten etwa Apotheker und die Spitex mehr Kompetenzen erhalten. So würden Ärzte von Bagatellfällen entlastet.

Laut Schätzungen spitzt sich der Ärztemangel in den nächsten Jahren gerade bei den Hausärzten zu. Der Bundesrat will für 100 Millionen Franken zusätzliche Medizin-Studienplätze schaffen. Für Jürg Schlup, Präsident des Ärzteverbands FMH, der einzig richtige Weg: «Wir müssen möglichst schnell mehr eigene Ärzte ausbilden.» Es sei «unethisch», die benötigten Ärzte im Ausland ausbilden zu lassen, zumal in den meisten europäischen Ländern ein Ärztemangel herrsche. Schlup ist aber dankbar, dass ausländische Ärzte die Lücke füllen: «Sie helfen uns, die Versorgung sicherzustellen.»

Wurden Sie in Schweizer Spitälern oder Praxen von Ärzten behandelt, die kein Deutsch sprachen? Oder sind Sie eine Ärztin oder ein Arzt aus Deutschland und wollen die Schweiz verlassen? Dann erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bettina am 21.08.2016 08:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und wie wärs...

    ...wider vermehrt selber Aerzte auszubilden? Wenn die Arbeitsbedingungen der Assistenzärzte verbessert würden wäre das sicherlich auch nicht schlecht wie anscheinend das Beispiel der deutschen Spitäler zeigt.

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  • Raggii am 21.08.2016 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umverteilung

    Wenn wir mehr Ärzte brauchen, sollten wir diese auch selbst ausbilden. Es mangelt gewisss nicht an Studenten, die das Zeug hätten Medizin zu studieren. Der Numerus Clausus gehört nicht dahin, wo wir zu wenig Abschlüsse haben, sondern dahin, wo wir zu viele Abschlüsse haben (Geisteswissenschaften)

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  • Bruno am 21.08.2016 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mehr Schweizer

    wie wäre es mehr zu tun damit junge Schweizer diesen Beruf studieren? Ich weiss, dass es nur wenige Studienplätze an den Unis gibt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andy Ratlos am 23.08.2016 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    numerus clausus

    Wie wäre es, wenn in den Kantonen der numerus clausus wieder abgeschaft wird?!?

  • Res Zaugg am 23.08.2016 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    Wie? Wo? Was?

    Die Schweiz hat jetzt schon eine der höchsten Ärztedichte, weltweit. Und wir müssen immer noch welche aus dem Ausland reinholen? Es kommt die Zeit, da hat jeder einen persönlichen Arzt und flucht gleichzeitig über die hohen Prämien.

  • Sepp Trub am 23.08.2016 00:55 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht gut

    Nein, ich will keinen Arzt der nach Tirana oder Skopje in die Ferien geht.

    • Felix am 23.08.2016 05:16 Report Diesen Beitrag melden

      Nein Danke

      Auch nichts für mich. Habe eine Bekannte von Rumänien und was die mir für schauer Geschichten erzählt über rumänische Arzte und die Medizin dort, nein Danke

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  • Per Vers am 22.08.2016 21:07 Report Diesen Beitrag melden

    Perverse Politik

    Es ist schlicht pervers wenn die hiesigen Unis die Anforderungen so hochschrauben, dass es für viele nicht möglich ist Medizin zu studieren und dann gleichzeitig ungebremst Billig-Personal mit auf dem Papier gleichwertigen Abschlüssen aus dem Ausland importiert wird. Als Schweizer studiert man am besten im Ausland wenn man hier Arzt werden will! Unser Politiker sind so realitätsfremd, dass es weh tut.

    • Leider am 22.08.2016 23:12 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt

      Das ist einmal eine klare Aussage. Stimmt eigentlich, denn diese Ärzte behandeln uns und wir selber werden daran gehindert um Arzt zu werden!

    • jufa am 23.08.2016 20:39 Report Diesen Beitrag melden

      recht hast du

      ich bin ganz deiner Meinung!

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  • My Name am 22.08.2016 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kann gerade aus Erfahrung sprechen,

    meine Mutter ist gerade im Spital. Eingeliefert wegen verschiedener Probleme, unter anderem starke Rückenschmerzen. Die behandelnde Ärztin, dem Namen und Aussehen aus Albanien oder Rumänien, sehr schlechte Deutschkenntnisse. Man wollte sie dann nach gut einer Woche wieder Heim schicken. Wir waren nicht einverstanden und wollten ein Rücken-MRT. Diagnose dann Wirbelbruch. Ohne unsere Intervention hätte man sie mit gebrochenen Wirbel wieder heim geschickt. Soviel zu Ärzten aus Osteuropa.