Verwahrung aufgehoben

05. Dezember 2013 16:34; Akt: 05.12.2013 17:05 Print

Kommt Daniel H. jetzt wieder frei?

Das Urteil des Bundesgerichts im Fall Daniel H. provoziert heftige Reaktionen. Nach dem Entscheid ist fraglich, ob überhaupt noch lebenslange Verwahrungen ausgesprochen werden.

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Der Fall von Lucie Trezzini schockierte 2009 die Schweiz: Das Leben der 16-Jährigen wurde von Daniel H. am 4. März 2009 abrupt und brutal beendet. Der heute 30-Jährige tötete das Au-pair-Mädchen einer Familie aus Schwyz in seiner Wohnung in Rieden AG. Das Drama begann am HB in Zürich. Daniel H. spricht die 16-Jährige aus Freiburg am Bahnhof Zürich kurz nach 14.20 Uhr an. Es ist ihr freier Tag und sie will ihn in der Stadt verbringen. Wie es in der Anklageschrift heisst, ködert er sie mit einem angeblichen Model-Job. Es gebe am Nachmittag eine Schmuckvorführung in Baden, erzählt er dem Mädchen. Lucie könne schnell 500 Franken verdienen. Um zu zeigen, wie ernst das Angebot ist, nimmt H. ihre Masse und notiert sie vor ihren Augen auf einen Zettel. Geblendet von der Masche willigt das Mädchen ein und geht mit ihm nach Rieden in seine Wohnung. Im Dachgeschoss dieser Liegenschaft wohnt Daniel H. zu diesem Zeitpunkt. Während Lucie auf das Fotoshooting wartet, konsumiert H. im Versteckten Kokain und trinkt zwei Bier. Zwischendurch montiert er Fotoleuchten, zieht ein schwarzes Fixleintuch übers Bett - angeblich für das Foto-Shooting. Daniel H. (im Vordergrund) ringt zunächst noch mit sich selbst, ob er die Tat begehen soll. Nach rund einer Stunde fällt er den Entschluss: Er will Lucie umbringen. «Zweck der Tat war es», steht in der Anklageschrift, dass er keinen Sinn mehr in seinem Leben sah. Der Mord sollte ihn zurück ins Gefängnis bringen, wo er «für immer weggeschlossen» werden würde. Daniel H. lässt das Au-pair-Mädchen für einen Moment alleine im Schlafzimmer und geht ins Büro nebenan. Er packt die auf dem Boden liegende Gewindestange seiner zerlegten Hantel und kehrt zur ahnungslosen Lucie zurück. Er schlägt mit der Hantelstange zu. «Mit den Schlägen gegen den Kopf hörte der Beschuldigte dabei erst auf, als Lucie Trezzini mit zertrümmertem Schädel reglos in Rückenlage am Boden lag», heisst es in der Anklageschrift. Danach holt er ein Tranchiermesser aus der Küche und schneidet ihr die Kehle durch - «um ihren Tod sicherzustellen». Der heute 28-Jährige (ganz links im Bild) sass bereits vor dem Mord von Lucie im Gefängnis. Erst 2004 acht Monate lang in Lenzburg, danach in der Arbeitserziehungsanstalt Arxhof. Er hatte 2003 eine Arbeitskollegin fast totgeschlagen - «im Drogenrausch», Mit dem Tod von Lucie will er wieder ins Gefängnis. Lucie war laut Angaben ihrer Gastfamilie sehr zuverlässig und kam jeweils spätestens um 22 Uhr nach Hause. Als sie an jenem Abend im März 2009 nicht nach Hause kommt, ruft ihre Gastfamilie gegen halb elf auf Lucies Handy an. Es belibt still. Noch in derselben Nacht wird die Polizei eingeschaltet, später folgt die Vermisstenmeldung: «Lucie Trezzini: 165 cm gross und von schlanker Statur». Lucies letztes Lebenszeichen war ein Anruf bei einer Freundin kurz vor ihrem Tod. Beim Telefongespräch mit der Freundin erzählte Lucie, sie sei von einem Unbekannten gefragt worden, ob sie bereit sei, für Fotos mit Schmuck zu posieren. Die Freundin schreibt danach mehrere SMS an Lucie. Eine Antwort bleibt aus. In der Folge lanciert die Polizei eine Suchaktion. Nach seiner Tat verlässt Daniel H. das Haus: Er besucht seine Eltern, kauft eine Flasche Martini und kehrt danach zurück ins Haus. Er verbringt eine letzte Nacht in seiner Wohnung. Neben seinem Bett liegt am Boden die Leiche von Lucie. Am nächsten Morgen steht er auf und beginnt die Spuren zu verwischen. Er schleppt Lucie in die Dusche, Wäscht ihr das Blut vom Körper. Gemäss Anklageschrift reinigt er ihr «insbesondere Anal- und Genitalbereich». Am Abend verlässt er die Wohnung. Die kommenden Tage verbringt er bei seiner Freundin B.I. in Küsnacht ZH. Bis zu seiner Verhaftung. Die Polizei kommt Daniel H. am 8. März auf die Spur. Er wird zur Verhaftung ausgeschrieben. Am 9. März teil Urs Winzenried, Abteilungschef der Kriminalpolizei Aargau, mit, dass sich H. der Stadtpolizei Zürich gestellt hat. Die letzten Hoffnungen, Lucie Trezzini lebend wiederzufinden, erlöschen am 9. März. Die Polizei bestätigt, dass sie die Leiche gefunden hat. Die Polizisten finden grauenhafte Spuren der Gewalt in der Wohnung von Daniel H. Das Haus, indem der Täter wohnte, wird in der Folge zum Ort der Trauer und der Wut. Abschiedsworte und ... ... wütende Parolen - Seite an Seite. Noch bevor Lucie beerdigt wird, besuchen ihre Mutter und Lucies Freund den Tatort. Zwölf Tage nach ihrem Tod findet Lucie Trezzini ewige Ruhe. Jugendliche tragen ihren Sarg nach dem Trauergottesdienst am 16. März 2009 aus der Kirche Christ-Roi in Freiburg. Die engsten Angehörigen und mit ihnen hunderte Menschen nehmen zusammen mit Bischof Bernard Genoud (rechts) von Lucie Abschied. Der freie Nachmittag in Zürich endet für das 16-jährige Au-pair-Mädchen tödlich. Die Wut auf Daniel H. und die Behörden schlägt in der Folge grosse Wellen. Immer mehr Details rücken auch über den Täter ans Tageslicht. In dieser Küche arbeitete Daniel H. bis zum 19. Februar. Er soll tadellose Arbeit geleistet haben, hatte aber offenbar ein Drogenproblem. Im Februar tauchte er plötzlich nicht mehr auf. André Leimgruber, der Chef von Daniel H., ist tief schockiert über die brutale Tat seines ehemaligen Mitarbeiters. Am 18. Oktober 2012 fand in Aarau der Berufungsprozess gegen Daniel H. statt. Nicole Trezzini, die Mutter der ermordeten Lucie, rechnete mit einer Verschärfung des Urteils. Auch Vater Roland Trezzini pochte von Anfang an auf eine lebenslängliche Verwahrung. Die Aargauer Kantonspolizei führt im Gericht massive Sicherheitskontrollen durch. In der Berufungsverhandlung soll die Frage geklärt werden, ob Daniel H. bis an sein Lebensende verwahrt werden soll. Daniel H. am 28. Februar vor Gericht: Viele Fragen kann er nicht klären. Gerichtspräsident Rüegg (auf der Zeichnung links) während der Befragung mit Daniel H. Das Obergericht verurteilte Daniel H. wegen Mord zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und ordnete als Sicherheitsmassnahme seine lebenslängliche Verwahrung an. Am 22. November 2013 hob das Bundesgericht die Verwahrung wieder auf. Diese könne nur angeordnet werden, wenn ein Täter tatsächlich auf Lebzeiten als unbehandelbar erachtet wird. Das sei bei Daniel H. nicht der Fall.

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«Ein Hohn für Opfer und Angehörige, ein Justizskandal, ein Schlag ins Gesicht für alle Stimmbürger»: Dass das Bundesgericht Daniel H.s lebenslange Verwahrung aufgehoben hat, sorgt bei den Usern von 20 Minuten für Empörung.

Der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann kann die Reaktionen gut nachvollziehen. «Auch ich bin nach dem Urteil konsterniert.» Man habe einmal mehr den Täterschutz höher gewichtet als den Opferschutz. «Dies entspricht nicht dem Sinn der Verwahrungsinitiative, für die sich das Schweizer Volk klar entschieden hat.» Kein anderes Gericht werde so schnell wieder eine lebenslange Verwahrung aussprechen.

«Keine Prognose auf Lebzeiten»

Tatsächlich: Das Bundesgericht argumentierte im Fall Daniel H., nur wer auf Lebzeiten untherapierbar sei, könne lebenslänglich verwahrt werden. Zwei unabhängige Gutachter müssen dies bestätigen. Doch genau dies ist die Krux, sagt Josef Sachs, Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau: «Eine psychiatrische Prognose kann nie auf Lebzeiten gemacht werden - dafür gibt es schlichtweg keine Methode.» Schliesslich könne man unmöglich vorhersagen, wie sich ein Mensch in 20 oder 30 Jahren entwickeln werde.

Doch was bedeutet es in der Praxis, wenn wegen der fehlenden Gutachten keine lebenslangen Verwahrungen verhängt werden? Die Eltern von Lucie befürchten, dass der Mörder ihrer Tochter bereits in 15 Jahren wieder ein freier Mann ist. Höchst unwahrscheinlich, sagt Franz Riklin, Strafrechtsprofessor der Universität Freiburg: «Schwere Straftäter können nach wie vor lebenslänglich interniert werden, die Massnahme muss einfach periodisch überprüft werden.»

Täter kommt wohl trotzdem nie mehr frei

So sieht dies auch SP-Nationalrat und Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch. Daniel H. werde wohl nie mehr herauskommen. Denn zuerst müsse er eine lebenslange – also langjährige – Haftstrafe absitzen, dann folge die ordentliche Verwahrung. «Und es ist nicht anzunehmen, dass irgendwann Psychiater und Richter sagen werden: Der Täter ist nicht mehr gefährlich, wir lassen ihn jetzt frei.» Den Entscheid des Bundesgerichts hält Jositsch deshalb für absolut richtig, weitere Verschärfungen seien unnötig.

(ram/hhs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jeremias T. Chung am 05.12.2013 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Es ist einfach grosse Schande unserer Justiz . Dieses Kerl gehört ewiger Sperrung in Knast. Unverbesserlich..

  • Marcel Walter am 05.12.2013 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Lotto spielen mit Menschenleben

    Mit solchen Urteilen wird Lotto gespielt mit den Leben anderer.

    einklappen einklappen
  • Ulrich Walter am 05.12.2013 20:18 Report Diesen Beitrag melden

    Rütlischwur

    Es sollen mal 3 Männer geschworen haben: "Wir wollen keine fremden Richter unter uns haben". Die eigenen Richter können schlimmer sein als die fremden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sam D. am 05.12.2013 23:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Opfer sollten bestimmen

    Die bestrafung in der schweiz ist meiner meinung nach bei solchen und vielen anderen fällen einfach zu niedrig. Ich meine wer einen mord begeht sollte dafür mit dem leben bezahlen oder mindestens für den rest seines lebens in einem dunklen keller weggesperrt werden!! Geht mal nach russland da kommt man für verbrechen bei denen mam in der schweiz 5-10 jahre sitzt in ein arbeitslager bei grausamsten zuständen so etwas sollte es geben dann überlegt man sich (falls man freikommt) 2 mal wieder was anzustellen

  • Beat Trösch am 05.12.2013 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die entglittene Justiz

    Da muss man auf Kosten der Steuerzahler Jura studiert haben oder sonst durch irgendeine Professionalisierung abgehoben sein um einen solchen Entscheid begreifen zu können. Jedenfalls ist er weit an der Basis, am Volk vorbei. Wem sind solche Subjekte Rechenschaft schuldig?

  • Peter am 05.12.2013 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schande über die Justiz

    Der Zeitpunkt eines solchen Statements ist dumm, die Richter und Psychiater sind undiplomatisch, fast gesellschaftsverachtend und sitzen in einem goldenen Juristen und Wissenschafts Turm. Sie schaden der objektiven Beurteilung des Falles sehr. Mir tun die Angehörigen ein 2. Mal sehr leid. Schande über diese Justiz, auch wenn es Rechtens ist, der Zeitpunkt ist es sicher nicht! Es werden Bürgerinitiativen folgen die wir alle nicht wollten...

  • mia am 05.12.2013 22:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    beschämend

    das ist schlimmer als eine klatsche für die opfer und die familien..... was muss noch alles passieren??? ich bin wütend und fühle mich gar nicht wohl in unserer heimat, für was wird volk befragt wenn es sowieso nicht zählt und unsere justiz genau das gegenteil macht, irgendjmd wird immer lücken finden und unser ja zu lebenslanger verwahrung ist und bleibt nur ein witz.... es tut mir sehr leid liebe familien von allen opfern unserer kuscheljustiz

  • urs schärer am 05.12.2013 21:56 Report Diesen Beitrag melden

    Unheil

    Ich wünsche diesen Richtern nichts schlechtes, aber ganz langsam ist es genug der falschen Urteile