Überforderung an Kreuzungen

29. Juli 2019 04:59; Akt: 29.07.2019 07:00 Print

«Man muss in kurzer Zeit Entscheidungen fällen»

von P. Michel - Besonders Junglenker sind an Kreuzungen überfordert. Der Bund sieht Handlungsbedarf. Fahrlehrer machen dafür auch den «Schilderwald» verantwortlich.

In der Stadt Zürich lauern viele komplizierte Kreuzungen. (Video: Simona Ritter)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Beim Linksabbiegen an einer Kreuzung im hektischen Verkehr muss der Autofahrer innert Sekunden die Situation erfassen: Gilt Rechtsvortritt? Welche Schilder zeigen was an? Drängelt von rechts aus einer Einfahrt ein anderes Auto auf die Spur? Diese Informationsflut kann rasch zur Überforderung führen: Der Fahrer baut einen Unfall, etwa weil er den Vortritt missachtet oder ein Verkehrsschild übersieht.

Umfrage
Wie schätzen Sie sich als Autofahrer ein?

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) warnt nun in einem neuen Faktenblatt vor den Folgen der Überforderung an Kreuzungen. Das grösste Problem seien Kollisionsunfälle beim Einbiegen oder beim Kreuzen. In 30 Prozent dieser Fälle führe ein Aufmerksamkeitsdefizit zu einem solchen Unfall.

«Gefahrenwahrnehmung sehr schwach ausgeprägt»

Laut einer Auswertung der BfU für 20 Minuten gab es in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt pro Jahr 34 schwere Kreuzungsunfälle mit Junglenkern. «Da ihre Gefahrenwahrnehmung sehr schwach ausgeprägt ist, haben sie eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, infolge von Informationsfehlern Unfälle zu verursachen.»

BfU-Studienautor Hysen Berbatovci betont, die heutigen Junglenker hätten nicht an Fähigkeit eingebüsst, gut Auto zu fahren. Das Problem sei vielmehr, dass sie wenig Routine hätten und von unbekannten, gefährlichen Situationen zum Beispiel an Kreuzungen oder in Kurven überrascht würden. «Die Ablenkungen haben in den letzten Jahren zugenommen», sagt Berbatovci: mehr Verkehr, zusätzliche Elektroniksysteme wie Navigationsgeräte, die das Armaturenbrett erweitern. Ein Beispiel: Folgen mehrere Schilder aufeinander, missachten sie ein Schild oder interpretieren es falsch, was zu einem Unfall führen kann.

Konzentrationstest soll Abhilfe schaffen

Die Beratungsstelle könnte sich deshalb vorstellen, in der Fahrausbildung einen sogenannten d2-Konzentrationstest (siehe Box) zu integrieren, «um bei Fahrschülern mögliche Konzentrationsschwächen zu eruieren». Bei niedrigen Ergebnissen könnten sie geschult werden. Berbatovci schlägt zudem vor, dass man einen Fahrsimulatorbesuch in die Ausbildung beim Fahrlehrer oder in den bestehenden WAB-Kurstag integrieren könnte.

Der Zürcher Fahrlehrer Claude Truffer kennt die problematischen Stellen bei Kreuzungen. Für die Überforderung vieler Lenker macht er auch den zunehmenden «Schilderwald» verantwortlich (siehe Video). Allein in der Stadt Zürich gab es Ende 2018 53'800 Schilder.

«Viele Hauptstrassen wurden zu 30er-Zonen gemacht, dort wimmelt es von zusätzlichen Schildern», so Truffer, der auch im Vorstand des Zürcher Fahrlehrerverbands sitzt. Ebenfalls ein Problem seien all die Trottis und E-Bikes, die zusätzlich die Aufmerksamkeit der Lenker forderten.

«Nicht bei der Verkehrssicherheit sparen»

Truffer geht gar noch weiter als die BfU. Er fordert, den zweiten WAB-Kurstag, der auf 2020 abgeschafft werden soll, für Schulungen im Bereich der Gefahren an Kreuzungen zu nutzen. «Die Politik darf hier nicht bei der Verkehrssicherheit sparen», sagt Truffer.

Es könne nicht sein, dass immer mit zusätzlichen Kursen argumentiert werde, findet dagegen FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «Es muss doch das Ziel sein, dass ein Lenker nach der Prüfung sicher fahren kann.» Wenn der Kreuzungsverkehr tatsächlich ein Problem sei, müsse man diese Situationen im privaten Umfeld praktisch verbessern, um die Routine zu erhöhen. Wasserfallen hatte per Motion versucht, beide obligatorischen WAB-Kurse abzuschaffen. Der Bundesrat entschied, die Zweiphasen-Ausbildung ab 2020 auf einen Tag zu kürzen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cat's Eye am 29.07.2019 05:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    o.k.

    "Besonders Junglenker sind an Kreuzungen überfordert"; will aber das Mindestalter gleichzeitig auf 17 hinuntersetzen? Ein schelm wer böses denkt...

    einklappen einklappen
  • Vendetta am 29.07.2019 06:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überflüssig

    Die Geldgierigen Fahrschulen wolle zusammen mit dem Bürokratischen BFU sinnlose Kurse machen. Reduziert doch endlich die Überflüssigen Schilder und die Beamten auch gleich.

    einklappen einklappen
  • Brummi Jo am 29.07.2019 05:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andererseits

    zig Informationen mit dem Handy abrufen und gleichzeitig noch Stöpsel in den Ohren geht. Paar Schilder interpretieren zuviel verlangt? Vielleicht zu wenige Fahrstunden weil ja alles schnell schnell und möglichst günstig gemacht werden will

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mia Cross am 29.07.2019 23:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnvoll

    Ich finde es Sinnvoll in diese Richtung was zu machen, für die die es brauchen. Habe nun seit mehr als 5 Jahren die Prüfung und ich fahre überhaupt nicht gerne in grossen Städten wie Zürich, Basel etc. genau aus diesem Grund. Ich kenne die Region nicht und muss ja Theoretisch innerhalb von Sekunden, Schulterblick machen, Schilder lesen von denen es an einer grossen Kreuzung wimmelt, darauf achten das ich auf der Spur bleibe, gleichzeitig noch Aufmerksam sein gegenüber möglichen Gefahren.

  • Cavi33 am 29.07.2019 20:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo Überforderung

    Grundsätzlich sollte man die Entscheidung schon vor der Kreuzung treffen, nicht erst wenn man an dieser steht. Dafür gibt es Schilder, vorausgesetzt man kann lesen und deuten. Ich fahre nicht an eine Kreuzung und studiere dann wie und wo ich nun fahren soll. Leider gibt es viele solche Autofahrer, da stellt sich dann die Frage wie der Ausweis erlangt wurde.

  • Lalala am 29.07.2019 20:12 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Ahnung

    Vielleicht sollten die Probleme durch Personen gelöst werden die täglich Autofahren und nicht durch thinktanks, die fahren nachweislich mit dem Zug und haben vom Strassenverkehr mal gerade null Ahnung. Bestes Beispiel: in Hauptstrassenkurven zu blinken! Ideen:Wenn und wo möglich keine Ampeln, mehr Kreisel (niemand sagt dass ein Kreisel exakt rund sein muss), längere Einspurstrecken, mehr Fussgängerüber-, unterführungen, Strassenbaustellen im 3 Schichtbetrieb durchführen!

  • Negan am 29.07.2019 19:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Junge

    An einem Kreisel sieht man Herr und Frau Schweizer aller Alterklassen, dass selbst das eine Schild bereits zu viel ist und sie regelmässig falsch einspuren. Meine Hupe freuts und ich amüsier mich, wenn die Hände verworfen werden.

  • Fred Feuerstein am 29.07.2019 19:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Test mit Gelegenheitsfahrer machen

    Bitte macht diesen Test mal mit 100 Mobility-Gelegenheitsfahrer/innen, insbesondere, wenn diese noch VCS-Mitglieder sind. Wette, dass mehr als 90% der Testpersonen grobfahrlässige Verkehrsregel-Verstösse ausüben würden?