Telemedizin

17. Februar 2020 18:00; Akt: 17.02.2020 18:00 Print

Kassen lassen Kranke selbst Tests machen

Die Swica schenkt 2000 Versicherten ein Diagnosegerät. Andere Krankenkassen wollen nachziehen. Ob die Kosten sinken, ist aber umstritten.

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Wer bei der Krankenkasse Swica versichert ist, kann in Zukunft selbst seine Lunge oder seine Herzfrequenz untersuchen. Im Rahmen eines Testprojekts schenkt die Swica 2000 Freiwilligen ein Gerät namens TytoHome. Das Gerät besteht aus einem Diagnoseinstrument, drei Aufsätzen sowie einer App. Wer krank wird, kann sich beim Telemedizin-Zentrum der Kasse melden. Mithilfe des Geräts können Patienten dann etwa selbst die Lunge, die Herzfrequenz, die Ohren oder die Bauchregion untersuchen. Dank der Kamerafunktion ist auch eine Untersuchung des Hals und Rachen möglich. Die Bilder, Töne und Videos werden Ärzten im Telemedizin-Zentrum übertragen, die eine Diagnose stellen. Auch andere Anbieter von Telemedizin wollen ähnliche Geräte einsetzen. Beim Anbieter Medgate, zu dessen Kunden etwa die CSS, Sanitas oder ÖKK gehören, heisst es, das Neuartige an Geräten wie TytoHome sei, dass sie nicht nur für Patienten mit chronischen Erkrankungen eingesetzt werden. «Diese Entwicklung ist aus Sicht der Telemedizin sehr wichtig», sagt Medgate-Sprecherin Céline Klauser. «Wir schauen uns viele Anbieter solcher Lösungen an.» Natürlich sei die Akzeptanz solcher Technologien bei den Patienten entscheidend. «Wir sind aber davon überzeugt, dass die Zeit dafür zunehmend reif ist», so Klauser. Patienten, die sich für Telemedizin-Angebote entscheiden, erhalten in der Regel einen Prämienrabatt von ihrer Krankenkasse. Das Bundesamt für Gesundheit bewilligt derzeit 26 verschiedene Telemedizin-Modelle mit Durchschnittsrabatten zwischen 9 und 18 Prozent. Der Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt, die kostendeckende Wirkung von Telemedizin als Ganzes lasse sich nicht eindeutig belegen. Es fehle in vielen Bereichen an Forschung. Es gebe aber telemedizinische Möglichkeiten, die die Qualität der Behandlung verbesserten – etwa in Regionen, wo es keine Hausärzte mehr gebe, oder bei Hauterkrankungen.

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Wer bei der Krankenkasse Swica versichert ist, kann in Zukunft selbst seine Lunge oder seine Herzfrequenz untersuchen. Im Rahmen eines Testprojekts schenkt die Swica 2000 Freiwilligen ein Gerät namens TytoHome. Das Gerät besteht aus einem Diagnoseinstrument, drei Aufsätzen sowie einer App.

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Diagnosegeräte für zu Hause: Das finde ich ...

Wer krank wird, kann sich beim Telemedizin-Zentrum der Kasse melden. Mithilfe des Geräts können Patienten dann etwa selbst die Lunge, die Herzfrequenz, die Ohren oder die Bauchregion untersuchen. Dank der Kamerafunktion ist auch eine Untersuchung des Halses und des Rachens möglich. Die Bilder, Töne und Videos werden Ärzten im Telemedizin-Zentrum übertragen, die eine Diagnose stellen und die weiteren Schritte anordnen können, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete.

Entfällt Gang in die Praxis?

Die Geräte haben einen Wert von rund 320 Franken. Swica-Sprecherin Silvia Schnidrig sagt, der bereits erfolgte Test mit Mitarbeitenden sei «sehr positiv» ausgefallen. In Kombination mit der App könne TytoHome hochwertige Tonaufnahmen des Herzens, der Lunge und der Bauchregion und Bilder und Videos des äusseren Gehörgangs, des Trommelfells, des Rachens und der Haut erstellen.

Zudem seien präzise Messungen der Herzfrequenz und der Körpertemperatur möglich. Das helfe bei Verdachtsdiagnosen, bei denen Patienten früher in eine Arztpraxis hätten geschickt werden müssen. «Wir gehen davon aus, dass wir die gewünschte Zahl von 2000 Teilnehmenden problemlos erreichen», so Schnidrig.

«Die Zeit ist reif»

Auch andere Anbieter von Telemedizin wollen ähnliche Geräte einsetzen. Beim Anbieter Medgate, zu dessen Kunden etwa die CSS, Sanitas oder ÖKK gehören, heisst es, das Neuartige an Geräten wie TytoHome sei, dass sie nicht nur für Patienten mit chronischen Erkrankungen eingesetzt werden. «Diese Entwicklung ist aus Sicht der Telemedizin sehr wichtig», sagt Sprecherin Céline Klauser. «Wir schauen uns viele Anbieter solcher Lösungen an.»

Im Vordergrund stehe eine Einbindung in die eigene Medgate-App. «Neben dem eigentlichen Erheben der Daten mit solchen Geräten soll auch ein ärztlicher telemedizinischer Dienst dahinter stehen», sagt Klauser. Natürlich sei die Akzeptanz solcher Technologien bei den Patienten entscheidend. «Wir sind aber davon überzeugt, dass die Zeit dafür zunehmend reif ist.»

Rabatte bis 18 Prozent

Nicht alle Krankenkassen sind so euphorisch. Die Unterstützung durch Messinstrumente beim Patienten könne sinnvoll sein, heisst es bei Helsana. «Sie dürfte aber nur in wenigen, sehr ausgewählten Situationen einen Nutzen bringen», sagt Sprecherin Dragana Glavic-Johansen. Der Nutzen der Telemedizin an sich sei wissenschaftlich erwiesen, und die Nachfrage spreche «ganz klar für solche Versicherungsmodelle».

Patienten, die sich für Telemedizin-Angebote entscheiden, erhalten in der Regel einen Prämienrabatt von ihrer Krankenkasse. Das Bundesamt für Gesundheit bewilligt derzeit 26 verschiedene Telemedizin-Modelle mit Durchschnittsrabatten zwischen 9 und 18 Prozent. Wird ein Modell bereits seit mehr als fünf Jahren angewendet, müssen die Versicherer einen Kostennachweis beim Bund einreichen. Darunter gebe es «verschiedene Möglichkeiten im Rahmen eines pauschalen Verfahrens», heisst es beim BAG.

Ist Telemedizin günstiger?

Der Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt, die kostensenkende Wirkung von Telemedizin als Ganzes lasse sich nicht eindeutig belegen. Es fehle in vielen Bereichen an Forschung. Dass das BAG dennoch Prämienrabatte bewillige, liege auch daran, dass es grundsätzlich ein Interesse an sinkenden Prämien habe: «Daran wird der Gesundheitsminister schliesslich gemessen.»

Es gebe telemedizinische Möglichkeiten, die die Qualität der Behandlung verbesserten – etwa in Regionen, wo es keine Hausärzte mehr gebe oder bei Hauterkrankungen. «Mit heutigen Handys lassen sich sehr gute Fotos machen», sagt Oggier, «das hilft oft schon für eine erste Diagnose.»

Schon 2,5 Millionen Kontakte

Kritisch sieht die Telemedizin auch Christoph Tümmer, Chefarzt der Helios-Park-Klinik in Leipzig. Der «NZZ am Sonntag» sagt er, aus seiner Sicht seien viele der heutigen Anwendungen nicht effizienzsteigernd. Wenn eine Konsultation nicht in der Praxis, sondern im Videochat stattfinde, reduziere das die Arbeitszeit des Arztes nicht. Im direkten Kontakt mit Patienten könnten Ärzte zudem mehr wahrnehmen und Patienten mehr mitteilen.

Laut einer 2019 in der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlichten Studie sind bereits 13 Prozent der Bevölkerung in einem Telemedizin-Modell versichert. Die vier grössten Anbieter zusammen verzeichnen 2,5 Millionen Patientenkontakte jährlich – mit steigender Tendenz.

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lalla Fatima am 17.02.2020 18:19 Report Diesen Beitrag melden

    WTF is wrong!?

    Ich versteh nicht, wo die SWICA und andere sparen müssen? Zitat des Jahresberichts 2017 :"Der Unternehmensgewinn stieg von 80,0 Mio. Franken auf 94,1 Mio. Franken. Die Position Eigenkapital/Reserven wurde nochmals um 14,1 Prozent gestärkt und beläuft sich auf 763,9 Mio. Franken, womit SWICA sehr solide finanziert ist und die gesetzlichen Anforderungen bezüglich Solvenz erfüllt." Hä? Man zwingt uns zu zahlen, hebt jedes Jahr die Prämie an und schlussendlich spart man noch an uns.. wofür gibt es denn Ärzte!?

    einklappen einklappen
  • Thomas am 17.02.2020 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schöne neue Welt!

    Und in ein paar Jahren bekommen dann allgemein Patienten ein Ooerations Set nach Hause geliefert um den Eingriff gleich selbst durchzuführen. Tolle Entwicklung. Erinnert mich an die Selbst Scan Kassen: Alles kostet gleich viel. Aber der Konsumenten muss mehr selber erarbeiten, ohne Gegenwert.

    einklappen einklappen
  • kain I. am 17.02.2020 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    china lebt es vor

    mir gefällt diese entwicklung ganz und gar nicht.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • cyrill am 18.02.2020 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    das ist schon nicht schlecht

    die ganze diagnostik kann man beinahe automatisieren. zum beispiel im internet über differenzialdiagnosen, mittels fragebogen. und bei diesen arzthäusern, was macht den arzt da aus? eben die diagnosegeräte für blutanaylse und hormonspiegel, und urinspiegel bei metaboliten bei nierenfehlfunktionen. oder das anlegen von abstrichen, den agarplatten, um zu sehen was es ist.

  • Vital am 18.02.2020 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkassen und Ihre Gesundheit

    Ist es jemand schon mal aufgefallen, dass die Menschheit für Dumm gehalten wird?! Die Industrie möchte gar nicht das wir Gesund sind oder bleiben, weil an gesunde Menschen verdient die Industrie zu wenig.

  • Danydee am 18.02.2020 18:02 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnisproblem

    Das teure an einem Untersuch ist ja nicht die Anreise zum Arzt, sondern die Konsultation an sich und allenfalls die Medis. Dass man so wirklich Kosten spart und sich das Ganze nicht eben doch wieder verteuert, ist mir noch nicht klar. Immerhin könnte man das Ganze im Bedarfsfall an den Spezialisten weiterleiten ohne weiteren Untersuch. Aber würde das die Zeit vom Spezialisten vermindern? Und was ist mit dem Datenschutz?

  • PPP Lakterieliviticus am 18.02.2020 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts aber doch was: Luft

    ZEITVERTREIB PUR!! Eigentlich sollte die KK gratis sein in so einem reichen gut Organiserten Land!

  • miami am 18.02.2020 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Nur Grundversicherte

    Nur für Grundversicherte bitte.