Späte Forderung

08. April 2019 11:46; Akt: 08.04.2019 12:03 Print

Krankenkasse treibt Prämie nach 20 Jahren ein

Die Eltern von M. B.* (38) zahlten dessen Krankenkassenprämien nicht, als er am Gymi war. Jetzt wird er zur Kasse gebeten.

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Dicke Post für 20-Minuten-Leser M. B.*: Mitte Februar erhielt er vom Inkassobüro Infoscore AG eine Rechnung von über 1121.35 Franken. Der fällige Betrag geht zurück auf ein Versäumnis seiner Eltern, das 20 Jahre zurückliegt. Von Dezember 1999 bis Juli 2000 hatten sie seine Krankenkassenprämie nicht bezahlt. «Ich war damals 19, ein Gymischüler. Ich befasste mich selbsterklärend nicht mit Krankenkassenprämien», erzählt B. Seine Eltern hätten jeweils seine Prämienrechnungen bezahlt. «Dass sie das während acht Monaten nicht gemacht haben, habe ich erst später herausgefunden.»

Ende 2003 wollte die Krankenkasse Helsana die fälligen 1104.35 Franken von B. eintreiben. Weil der damalige Student zu wenig Geld hatte, um die Rechnung zu begleichen, wurde im Februar 2004 ein Verlustschein ausgestellt. Danach meldete sich 15 Jahre lang niemand mehr wegen des offenen Betrags bei ihm – bis zur jetzigen Forderung der Inkassofirma über 1121.35 Franken.

«Zahlungsfrist ist absurd»

«Die hohe Rechnung kam aus dem Nichts und ist ein ziemlicher Einschnitt für mich», so der heute 38-jährige Naturwissenschaftler, der sich als Freelancer durchschlägt und seine Eltern nach Kräften finanziell unterstützt. Dass er für das Versäumnis seiner Eltern geradestehen müsse, verstehe er nicht. «Die Eltern sagen dir nicht, dass sie zu wenig Geld haben, um die Krankenkassenprämien zu bezahlen.» Seine jüngere Schwester habe es noch härter getroffen: Sie habe während des Studiums Prämienschulden von über 10'000 Franken gehabt.

Vor allem aber ärgert ihn die kurze Zahlungsfrist. «Die Helsana und das Inkasso-Büro lassen sich ganze 15 Jahre Zeit. Und ich soll nun in nur gerade zwei Wochen 1120 Franken hinblättern. Das ist absurd.» Stossend sei, dass die Kantone bereits 85 Prozent der Schuld begleichen würden, während sie nur 50 Prozent zurückzahlen müssten, wenn sie eine Schuld später doch noch eintreiben würden, sodass sie schliesslich 135 Prozent zurückerhielten. «Schuldner sind für die Versicherungen ein Geschäft. Darum werden sie unzimperlich verfolgt.» Er habe das Inkasso-Büro schriftlich gebeten, die Zahlungsfrist zu verlängern.

«Schulden 15 Jahre lang nicht beglichen»

Helsana-Sprecherin Dragana Glavic sagt, man sei von Gesetzes wegen verpflichtet, Schulden einzutreiben – aus Fairness gegenüber den anderen Versicherten. Laut der Helsana waren die Prämienrechnungen und Mahnungen vor 20 Jahren schon an ihn adressiert, zudem sei er bei der Pfändung persönlich anwesend gewesen. Nach der Pfändung wird dem Schuldner eine Zeit gewährt, in der er sich finanziell erholen kann. Es gehört zu den Pflichten des Schuldners, sich aktiv um die Ausstände zu kümmern.

«M. B. hat wohlwissend, dass er offene Schulden hat, diese über 15 Jahre nicht beglichen», sagt Glavic. Eine Unterhaltspflicht hätte er gegenüber den Eltern anmelden müssen. Es gehört zu den Pflichten des Schuldners, die Gläubiger aktiv zu informieren, wenn die Schulden nicht bezahlt werden können oder die aktuelle Wohnadresse sich ändert. Das Inkasso-Unternehmen hat inzwischen die Zahlungsfrist bis Ende Monat verlängert.

SVP-Nationalrat fordert Änderungen

Die Eltern sind in der Regel bis zum Abschluss der Ausbildung unterhaltspflichtig. Heinz Brand, SVP-Nationalrat und Präsident von Santésuisse, setzt sich im Parlament dafür ein, dass künftig volljährig gewordene Kinder nicht mehr belangt werden. Die Kinder sollen nicht mehr mit einer «Hypothek ins Erwachsenenleben starten», heisst es im Text des Vorstosses. Der Bundesrat will dem Parlament nun eine entsprechende Gesetzesänderung vorlegen.

* Name der Redaktion bekannt

(rol/daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • PDD am 08.04.2019 11:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bedenklich

    Viel bedenklicher finde ich, das man mit 38 Jahren keine 1000.- auf dem Konto hat.

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  • SchneemannX am 08.04.2019 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Passt doch

    Wo ist das Problem? Scheint wohl alles richtig gelaufen sein. Er hätte die CHF 1000 auch 2003 bezahlen können, das bringt ein Student schon zusammen. Dachte wohl er könne sich rauswinden und die Schuld auf die Allgemeinheit überwälzen.

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  • E.M am 08.04.2019 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Es ist ein bezahlbarer Betrag aber irgendwo finde ich es traurig, dass die Eltern das nicht gezahlt haben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Geprellter am 09.04.2019 16:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Sicht der anderen Seite

    Ich hatte vor ca. 15 Jahren im guten Glauben jemandem Fr. 200'000.00 für eine Geschäftsgründung geliehen. Mein Leichtsinn endete in einem Verlustschein. Als ich erfahren habe, dass vom Schuldner die Eltern gestorben sind, habe ich zusammen mit Hilfe des Betreibungsamtes und der Gemeinde den Verlustschein wiederbelebt. Der Schuldner versuchte noch vergebens das Erbe zugunsten seiner Schwester auszuschlagen. Das Gericht entschied zu meinem Wohlwollen da nachweislich das Erbe nur ausgeschlagen wurde, um Schulden nicht zu zahlen. Der Schuldner sah vom Erbe keinen Rappen. Gerechtigkeit ist schön.

  • Gio am 09.04.2019 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Komische Sache

    Ja! Vorallem wenn man Naturwissenschaftler ist sollte man ja schon was haben. Komisch..

  • Häuslebauer am 09.04.2019 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig

    Mittlerweile finde ich solche Nachforderungen korrekt, auch wenn sie Jahre zurück liegen. Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn jeder seinen finanziellen Anteil leistet. Es kann nicht sein, dass sich 90% der Leute an Zahlungsfristen halten und andere wiederum sich das Recht nehmen, auf Kosten von anderen zu leben. Nicht beglichene Prämien werden mittels Prämienerhöhungen auf alle korrekt zahlenden Versicherten überwälzt. Mir ist Ähnliches passiert beim Hauskauf. Grundstück haftet für Steuerschulden des Vorvorvorbesitzers. Hatte leider Pech, war sauer aber habe bezahlt ohne Medien.

  • eismann am 09.04.2019 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    ehm...

    Schon mal was von Verjährungsfristen gehört? Krankenkassenprämien: 5 Jahre.

    • Mäxxle am 09.04.2019 16:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @eismann

      Richtig, eine Forderung verjährt nach 5 Jahren, nicht aber wenn sie erfolglos betrieben wurde. Der Verlustschein verjährt nach 20 Jahren. Leitet man in diesen 20 Jahren wieder eine Betreibung ein, beginnt die Frist von vorne.

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  • Bölimaa am 09.04.2019 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Aber sicher nicht ein Inkassobüro

    Wer auf irgendwelche Post von einem Inkassobüro reagiert, der ist selber schuld. Wenn es nicht über das Betreibungsamt läuft, ist etwas faul daran. Sehr warscheinlich sind noch verschiedene zusatzkosten auf den Betrag geschlagen worden. Doch eigentlich müssten die Eltern zur Kasse gebeten werden. Kinder auf die Welt stellen und dann den Staat dafür aufkommen lassen geht mal gar nicht.