Diebstähle

16. Oktober 2017 15:30; Akt: 16.10.2017 17:50 Print

Kriminaltouristen nehmen Schweizer Läden ins Visier

Durch Ausländer begangene Ladendiebstähle nehmen zu. Sie gehören oft zu kriminellen Banden. Ihre bevorzugte Beute: Alkohol und Tabak.

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Kriminaltouristen haben es vermehrt auf Schweizer Läden abgesehen. Im Jahr 2016 registrierte das Bundesamt für Statistik 5502 Ladendiebstähle, die von Ausländern begangen worden sind, schreibt die «Aargauer Zeitung». Das sind 254 mehr als noch im Jahr zuvor.

Auch Werner Schaub, Sprecher der Kantonspolizei Zürich, bestätigt der Zeitung, dass die Zahl zugenommen hat. Die meisten Täter stammten aus Rumänien, dem Balkan, Moldawien und Georgien. «Diebstähle von Kriminaltouristen werden in der Statistik nicht separat ausgewiesen, doch unsere Diebstahl-Spezialisten haben diese Erkenntnis», so Schaub.

Prävention statt Symptombekämpfung

Auch Frank Horst vom deutschen Institut EHI kam zum Schluss, dass Diebstähle immer häufiger in organisierter Form durchgeführt werden. Bruno Strebel von der Schweizer Akademie für Privatdetektive sieht die Geschäfte in der Pflicht: Habe ein Laden weder einen Detektiv noch eine Überwachungskamera, spreche sich das herum.

Das Problem liege darin, dass man zur Eindämmung von Ladendiebstählen nur Symptombekämpfung betreibe, sagt Michael Derrer, Aargauer Bezirksrichter und Dozent an der Hochschule Luzern. Stattdessen fordert er ein präventives Vorgehen: Aufklärungskampagnen in den Herkunftsländern der Kriminaltouristen. «Man muss zeigen, dass die Schweiz kein Schlaraffenland ist». Mit verhältnismässig wenig Geld könne man so viel bewirken. «Mit 50’000 Franken könnte man in Rumänien eine gute Kampagne aufziehen. So viel kostet ein einzelner Kriminaltourist während sechs Monaten Untersuchungshaft», sagt Derrer.

70 Ladendiebstähle in acht Tagen

Wie die Täter vorgehen, lässt sich an einem aktuellen Gerichtsfall veranschaulichen. Das Bezirksgericht in Zürich verurteilte zwei Rumänen zu 33 beziehungsweise 24 Monaten Freiheitsstrafe unbedingt. Sie hatten innerhalb von acht Tagen 70 Ladendiebstähle in der ganzen Schweiz begangen.

Während einer von ihnen den Laden auskundschaftete, wartete der andere im Auto. Der Mann im Laden füllte schliesslich einen Einkaufskorb und informierte per Handy seinen Komplizen, dass die Ware bereitstehe. Dieser betrat den Laden, überdeckte das Diebesgut mit einer Jacke und ging wieder. Die Beute brachten die beiden Männer zu einem Zürcher Hehler - teilweise sogar mehrmals pro Tag. Dieser wiederum konnte die Ware mit einem Gewinn von rund 22’000 Franken weitervermitteln – an Ladenbesitzer, die Alkohol und Zigaretten verkaufen.

Alkohol und Tabak lässt sich einfach vermitteln

«Die Anzahl der Diebstahldelikte ist in den letzten Jahren stark angestiegen», sagt auch Grazia Grassi, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Denner. Sie ergänzt: «Dabei sind nicht Gelegenheitsdiebe das Problem, sondern vielmehr organisierte Banden, die Auftragsdiebstähle für Mittelsmänner betreiben.»

Besonders im Visier haben die Täter laut Grassi Markenspirituosen und Tabakwaren. Die Produkte könnten einfach weiterverkauft werden. Da Denner jedoch eng mit der Polizei zusammenarbeite, könnten organisierte Ladendiebstähle auch öfter aufgedeckt werden.

Für Bezirksrichter Derrer braucht es unbedingt einen neuen Ansatz. «Berufsverbrechern macht es nichts aus, im Gefängnis zu sitzen». Aber viele Kriminaltouristen seien Naivlinge, die von Banden angeheuert werden. Die würden nach einer Verhaftung aus allen Wolken fallen. «Acht bis zwölf Monate Untersuchungshaft sind für diese Kategorie von Tätern kein Zuckerschlecken». Derrer ist sich sicher: «Mit einer guten Präventionskampagne wären die niemals auf die Idee gekommen, in der Schweiz auf Diebestour zu gehen».

(vro/dk)